Wer eine Zeitung macht, braucht einen guten Helm – es gibt schließlich viele Gelegenheiten, sich den Kopf anzuhauen. Besonders wenn man sich beharrlich weigert, Hofberichterstattung zu machen. Fünf Jahre lang war herrsching.online die etwas andere Stimme im Herrschinger Medienmarkt. Nach fünf Jahren Aufbauarbeit hat es die digitale Tageszeitung geschafft, zu einer der meistbeachteten Publikationen Herrschings zu werden. Eine gute Gelegenheit also für den Verleger, den Lenker aus der Hand zu geben und auf dem Sozius Platz zu nehmen. Der Gründer und Chefredakteur Gerd Kloos übergibt nun Verlag und Redaktion an Susanne Böllert, langjährige Redakteurin und erfolgreiche Reporterin. Böllert zeichnet nun für herrsching.online verantwortlich. Sie stellt sich hier vor, damit Sie sich vorstellen können, was Sie künftig bei herrsching.online erwartet.
Kloos: Die Konkurrenz auf dem Herrschinger Medienmarkt ist groß: Da sind die beiden Tageszeitungen, da gibt’s Anzeigenblätter, ein Monatsheft, das sogar über die Rathaus-Website verbreitet wird. Fühlst Du dich da nicht ein bisschen wie David gegen Goliath, wenn Du jetzt eine lokale, digitale Zeitung übernimmst?
Böllert: Eigentlich nicht, immerhin hat sich herrsching.online längst als feste Größe in der lokalen Medienlandschaft etabliert. „Wenn ich wissen will, was im Ort passiert, gehe ich auf herrsching.online.“ Das habe ich in den letzten Monaten oft gehört, was mich sehr ermutigt hat, in den driver seat zu wechseln. Die Zahlen untermauern die „gefühlte Bedeutung“. So zählt die Seite durchschnittlich 20.000 Besucher im Monat, die im Schnitt 65.000 Views generieren. 2026 konnten wir im März einen Peak mit knapp 80.000 Views verzeichnen sowie im Juni den nächsten mit mehr als 76.000 Views. In diesen Monaten fanden die Kommunalwahlen statt, beziehungsweise die 1250-Jahrfeier. Das zeigt: Das Interesse an lokalen Informationen ist nach wie vor groß, auch wenn die Printzeitungen seit Jahren immer mehr Leser verlieren.
Übrigens haben im September wieder mehr als 24.000 Menschen unsere Seite besucht und knapp 79.000 Views generiert. Dabei kamen 268 der Besucher aus Italien, 257 aus Singapur und 203 aus Brasilien. herrsching.online ist damit nicht nur das Medium zum Frühstück am heimischen Küchentisch, sondern auch die Verbindung nach Hause für Urlauber oder Auswanderer.
Kloos: Herrschings Bürgerinnen und Bürger sind verwöhnte Medienkunden, die professionelle Angebote verlangen. Welche beruflichen Erfahrungen bringst Du mit, um nun die Feder zu führen in der herrsching.online-Redaktion?
Böllert: Vielleicht war es Phantasielosigkeit, aber ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen, als journalistisch zu arbeiten. Meine erste Station nach dem Studium war die Costa Blanca, wo ich für eine deutschsprachige Zeitung gearbeitet habe. Der Leitspruch, den uns unser Chefredakteur damals eingepflanzt hat, „Findet den sprechenden Papagei!“, gilt für mich noch immer. Ich möchte die außergewöhnliche Gegebenheit ent- sowie versteckte Zusammenhänge aufdecken. Und möglichst immer so informativ und unterhaltsam berichten, dass sich unsere Leserinnen und Leser mitgenommen fühlen.
Während meines Volontariats an der Journalistenschule Ruhr und der FUNKE-Gruppe sowie als Lokalredakteurin bei der Westfälischen Rundschau habe ich gelernt, journalistisch sauber zu arbeiten. In vielen Jahren Freiberuflichkeit, nur unterbrochen von einem vierjährigen Exkurs in die PR, habe ich eine große Reihe erzählenswerter Geschichten entdeckt. Und an den Mann gebracht. Ich habe auf focus.de, spiegel.online und in Regionalzeitungen wie Münchner Merkur, Augsburger Allgemeine, Stuttgarter und Sächsischer Zeitung publiziert sowie in Magazinen wie himmeblau oder Mei Dahoam.
Die Freiheit, in derart verschiedene Bereiche reinschnuppern zu können, genieße ich sehr. Ich verfasse Gerichtsberichte, schreibe Reisereportagen, betreibe Lokaljournalismus, habe mich in Pflege- und Ausländerrechtsthemen reingefuchst, Filme und Bücher rezensiert, die Biographiearbeit für einen 90-Jährigen übernommen … und immer wieder interviewt, recherchiert, portraitiert. Was mir dabei gefehlt hat, war, strategisch zu arbeiten, etwas zu gestalten und weiterzuentwickeln. Diese Chance möchte ich jetzt mit herrsching.online nutzen.
Kloos: herrsching.online hat den Anspruch, über alle Lebensbereiche in der Seegemeinde zu berichten. Das Vereinsleben, die Gastronomie, die Lokalpolitik und -wirtschaft, Kultur, Sport und das Kirchenleben werden abgebildet. Welche neuen inhaltlichen Schwerpunkte willst Du künftig setzen?
Böllert: Wir werden natürlich weiter Gemeinderats- und Bauausschusssitzungen, Bürgerversammlungen und Pressekonferenzen besuchen. Aber ja, ich werde auch neue Themen setzen und zum Beispiel herausarbeiten, wie viele interessante Menschen in Herrsching leben. Wusstest du, dass bei uns eine ehemalige Tänzerin des kanadischen Nationalballetts zuhause ist? Oder eine Mutter, die den El Capitán im Yosemity Valley bestiegen hat?
Neue Schwerpunkte könnten „weibliche“ Themen sein wie die viel zitierte (Un-)Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die so genannte mental load. Ich werde Herrschinger Unternehmerinnen dazu befragen, wie sie diesen Spagat schaffen, und ihre Männer dazu, wie sie damit klar kommen. Familie, Schule, Kinderbetreuung, Angebote für Kinder und Jugendliche (oder der Mangel an solchen) werden eine größere Rolle spielen. Was auf der Hand liegt, weil wir zwei Kinder im Teeniealter haben und das meine Lebenswirklichkeit ist. Doch sollen im Bestfall junge Menschen herrsching.online nicht nur konsumieren, sondern auch mitgestalten. Mir schwebt da eine Kooperation mit von uns geschulten, jugendlichen Video-Reportern vor.
Auch noch wichtig: Die Berichterstattung soll regionaler werden. Fangen wir mal mit dem Terminkalender an. Da haben Veranstaltungen rund um den Ammersee sowie aus dem Landkreis durchaus ihren Platz, oder nicht?
Kloos: Strebst Du auch strukturelle Veränderungen an?
Böllert: Ja, aber behutsam. Denn die Leser sind seit vielen Jahren an das bestehende Layout gewöhnt und ein running system soll man ja nicht einfach austauschen. Kleinere Veränderungen werden nach und nach eingeführt und erklärt. So sollen Kommentare nicht mehr anonym veröffentlicht werden können. Mir liegt an größtmöglicher Transparenz. Andererseits rufe ich unsere geneigte Leserschaft auf, sich rege an ihrer digitalen Zeitung zu beteiligen, zu kommentieren, Themenvorschläge zu schreiben, uns anzurufen. In der neuen herrsching.online-WhatsApp-Gruppe werde ich einmal am Tag über die aktuellen News informieren. Vielleicht bauen wir auch mal eine Paypal-Funktion ein, damit Leser, denen die Meinungsvielfalt ebenfalls am Herzen liegt, für ihre digitale Zeitung Kleinstbeträge spenden können.
Worüber ich mich aber am meisten freue: Du und ich werden als eingespieltes Zweierteam unterwegs sein und dabei von der langjährigen Redakteurin Frauke Vangierdegom unterstützt werden sowie von Catharina Geiselhart, der zweiten Kulturvereinsvorsitzenden. Zusammen werden wir die Klick-Rekorde der letzten Wochen brechen, wie die Geisha-Eröffnung mit derzeit 4.844 Views, die Berichterstattung über die Hechendorfer Bluttat (4400 Views), die geplante Drohnenproduktion (3.300) und der mögliche Herrsching-Ironman (2741).
Kloos: In der Redaktion galt eine ungeschriebene Regel: Man darf alles schreiben, man darf aber nicht langweilig schreiben. Hofberichterstattung hat herrsching.online gerne anderen überlassen. Wie wichtig ist Dir eine kritische Distanz zu den Akteuren in der Kommunalpolitik?
Böllert: In einem relativ kleinen Ort wie Herrsching ist es besonders wichtig, professionell zu arbeiten. Mir ist sehr daran gelegen, alle demokratischen Parteien und politischen Player gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen. herrsching.online soll eine Zeitung für alle sein, unabhängig vom Kreuzchen, das man auf dem Wahlzettel macht. Die kritische Distanz, mit der über Kommunalpolitik berichtet werden muss, ist eine dringende Voraussetzung, damit wir von unseren Lesern als seriöses Presseorgan wahrgenommen werden, das sich dem Pressekodex des Deutschen Presserats verpflichtet fühlt.
Kloos: Leser sind heute sehr sensibel, wenn’s um die Unabhängigkeit von Medien geht. Dazu gehört Abstand zu politischen Interessensvertretern, aber auch wirtschaftliche Unabhängigkeit. Gibt es eine Brandmauer zwischen Redaktion und Geschäftsinteressen?
Böllert: Natürlich ist eine Zeitung auch ein Unternehmen, das wirtschaftlich geführt werden muss. Anders als die meisten anderen Online-Portale hat herrsching.online allerdings darauf verzichtet, ein Abo-System oder eine Bezahlschranke einzuführen. Um unser langfristiges Überleben zu sichern, sind wir jedoch auf die Unterstützung von Werbekunden angewiesen, so wie alle anderen journalistischen Publikationen auch. Dafür bauen wir gerade die Möglichkeiten der Banner- und Anzeigenwerbung aus. Schließlich gibt es für die Herrschinger Gewerbetreibenden keine spitzere Zielgruppe als unsere Leser und damit keinen geeigneteren Werbeplatz. Unser Branchenbuch ist ein guter Einstieg, um sich lokal zu präsentieren.
Alle Verlagsveröffentlichungen werden als solche kenntlich gemacht, damit immer klar ist: Dieser Artikel ist im Auftrage eines Kunden geschrieben.
Und jetzt treten wir mal aufs Gaspedal! Ich freu mich auf unsere Reise.





Das sind super Nachrichten 😉
Hoffentlich wird die Berichterstattung dann zukünftig seriöser und weniger von persönlichen Meinungen der Verfasser geprägt.
Dennoch danke, dass hier auch kleiner Dorftratsch mit aufgenommen wird und man sich so über Themen informieren kann.
Lieber Gerd,
es freut mich außerordentlich, dass du eine so erfahrene, kompetente Journalistin ins Boot von herrsching-online holen konntest – andererseits ist dieser moderne, flotte Dampfer von einem Profi solide gebaut, bestens in Schuss und die Passagierzahlen steigen ständig.
Da ist es kein Wunder, dass eine neue Kapitänin das Ruder gerne übernimmt.
Obwohl ich kein Herrschinger bin, schaue ich jeden Tag – nach dem Wetterbericht -mit Interesse und Vergnügen, was es Neues vom Ammersee zu vermelden gibt, zumal es pointiert, kritisch und oft launig verpackt ist.
In der Großstadt bekommt man wenig davon mit, welche Initiativen,Interessen und Projekte den Alltag der Gemeinde bestimmen. Darauf hat mir herrsching – online einen neuen Blickwinkel eröffnet.
Mit großem Respekt habe ich es verfolgt, mit welchem Einsatz und welcher Professionalität du im Alleingang dein Baby zu einem erfolgreichen Teil der hiesigen Medienlandschaft hochgezogen hast, an dem eigentlich kein vernünftiger Leser in der Region mehr vorbeikommt, auch wenn er als Betroffener vielleicht an manchem Artikel zu kauen hat..
Ich hoffe, dass du als Co-Pilot noch lange an Bord bleibst, denn deine spitze Feder würde mir fehlen, auch wenn ich mich sehr
freue, dass du nun etwas mehr Zeit hast und vor allem, dass das herrsching – online Boot unter neuer Führung zielstrebig weiterfährt.
Allzeit gute Fahrt und immer reichlich Wasser unterm Kiel
Klasse! Herzlichen Glückwunsch!!
Lieber Gerd, erst einmal ganz herzlichen Dank für Deine bisherige umfassende informative Berichterstattung! Sie hat mich oft durch satirisch angehauchte Pointen erfreut und auch viel Licht in Themen gebracht, die sonst vielleicht im Dunklen unbemerkt geblieben wären. Ich hoffe, dass wir davon auch weiterhin noch einiges lesen dürfen. Den neuen Hauptverantwortlichen von Herrsching Online wünsche ich viel Erfolg und Freude!
Lieber Gerd Kloos, ein herzliches Dankeschön für die vergangenen fünf Jahr alternativer Gemeindezeitung. Gut, dass du nun kompetente KollegenInnen in der Redaktion hast, die mit dir Artikel schreiben und die Leitung übernehmen. Weiter so und viele Glückwünsche.
Wow!
Ich wünsche Dir viel Glück und Erfolg für diese Herausforderung.
Ich bin sehr gespannt wie sich herrsching-online weiterentwickelt.
Zu zweit seit ihr mehr als ein plus eins.
Ihr seit jetzt zu Dritt. Denn eins und eins ist immer drei. Du und ich sein wir.
Ein starkes Dreieck.
Mutig voran
Jochen Nibbe
Das klingt super, ich bin schon gespannt auf die neue Ausrichtung. Eine Frau am Steuer und offensichtlich jede Menge Ideen und Erfahrung, das kann nur gut werden! Ganz viel Erfolg für dieses neue Kapitel. Wir brauchen weiter professionellen und interessanten Journalismus in Herrsching. Freu mich drauf!
Selbst ich, als nicht Herrschingerin, freue mich nach dieser interessanten Vorstellung auf das Ergebnis in Form von vielen interessanten Artikeln und Reportagen. Viel Erfolg!