Es war der erste Eklat der neuen Amtsperiode: Alexander Keim (FDP) hatte dem Gemeinderat kollektives „Versagen“ vorgeworfen: Es ging um die Luftfilter und Lüftungsanlagen für die Christian-Morgensterin-Schule. Ein Vorwurf, der Konsequenzen hatte: Die CSU setzte ihn auf die Liste „Allerbeste Feinde“, die Rathausverwaltung war nachhaltig verstimmt. Seit Wochen ist Keim, bisher ein zuverlässiger Debattenredner im Gemeinderat, verstummt. Was ist los mit ihm?

herrsching.online: Sie haben im Gemeinderat mit die meisten Debattenbeiträge geleistet. Jetzt ist es ganz ruhig um Sie. Hat die massive Kritik der CSU gewirkt?
Keim: Es gab schon mehrere Versuche, meine schriftlichen und wörtlichen Beiträge zu reduzieren. Mein Demokratieverständnis (und das meiner Wähler) verlangt danach, mich aktiv an Debatten zu beteiligen, vorgelegte Informationen kritisch zu hinterfragen und gemeinsam mit den Ratskollegen nach guten Kompromissen zu suchen. Es gibt einen anderen Grund. Ich musste am 25. Oktober wegen einer Grippeinfektion zum ersten Mal seit meiner Vereidigung einer Sitzung fernbleiben. Wir sind ja alle sehr froh, dass wir endlich wieder den Rathaussaal für unsere Sitzung nutzen können. Da wollte ich nicht riskieren, dass ich mit meinem Dauerhusten für Unbehagen sorge.
herrsching.online: In Herrsching geht jetzt Covid-mäßig auch die Post ab: Gestern hatten wir wieder 8 neue Fälle. Die Finanzschule war in den vergangenen Tagen nur mit 5 Fällen belastet. Fürchten Sie nach wie vor um die Sicherheit in der Grund- und Mittelschule, die ja nicht sonderlich gut belüftet werden kann.
Keim: Die Kinder kommen zwangsläufig wieder in dasselbe Dilemma wie letztes Jahr. Obwohl sie selbst nur minimal gefährdet sind, werden die Infektionszahlen gerade bei den ungeimpften oder nicht impfbaren Altersgruppen überproportional steigen, was wiederum die ältere Bevölkerung verunsichert. Eine gute Belüftung und Luftreinigung hätten einen positiven Beitrag leisten können. Jetzt ist die einfachste Antwort wieder die Maskenpflicht. Das wollte ich unbedingt verhindern. In Bayern hat man es bisher geschafft, jedes dritte Klassenzimmer mit diesen Geräten auszustatten. Herrsching trägt zu dieser Bilanz bis zum Sommer 2022 nichts bei. Ob es dann noch notwendig ist, werden wir sehen. Gutes Raumklima ist ein jedem Fall ein Gewinn. Das werden wir mit RLT Anlagen besser realisieren als mit den temporären Luftreinigern. Insofern war das insgesamt eine gute Entscheidung, nur wurde die Grundlage dafür ein Jahr zu spät geliefert und wir konnten nicht vor der 4. Welle präventiv handeln. Ich finde es ausgesprochen schwierig, das den Eltern und Schülern nachvollziehbar zu erklären.
herrsching.online: Sie haben sich ja auch für eine Verkehrswende in Herrsching eingesetzt. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag der CSU, für eine Verbreiterung der Gewerbstraßen- Einmündung viel Geld in die Hand zu nehmen.
Keim: Damit wird wieder einmal auf die Kurzstreckenfahrer eingegangen. Mir selbst wäre nie aufgefallen, dass sich ausgerechnet dort ein neuralgischer Punkt befindet. Ich würde mir lieber gemeinsam Gedanken machen, wie wir die seit 2019 beauftragen E-Ladesäulen aufstellen, die Parkflächen aus dem Ortszentrum verlagern und alternative Verkehrskonzepte fördern.
herrsching.online: Sie hatten in einem Interview auf herrsching.online das Gelände an der Seefelder Straße wiederholt als neuen Klinikstandort ins Gespräch gebracht. Jetzt scheint das tatsächlich zu klappen. Froh darüber?
Keim: Selbstverständlich. Offensichtlich ist dieses Gelände weniger relevant für den Landschaftsschutz als der Standort in Hechendorf. Man muss bei der Standortwahl ökologische und ökonomische Kriterien ähnlich gewichten. Gleichzeitig wollen wir das Projekt nicht unnötig verzögern. Nicht, dass wir am Ende die wohnortnahe medizinische Versorgung ganz verlieren. Bei der Planung wäre es nun wichtig, dass wir als Gemeinde gemeinsam mit dem Bauherrn ganzheitlich denken und dieses Gelände optimal erschließen. Für meinen Geschmack treffen wir in den Gremien zu viele Einzelfallentscheidungen. Nun haben wir die einmalige Chance eines Krankenhausneubaus nach modernsten Standards. Aber was braucht man noch? Angestelltenwohnungen, Energieversorgung, Verkehrsanbindung fallen mir da ein.



