Nachtmeldung: Drei Chöre, zwei Dirigentinnen und ein monumentales Wagnis

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Die mutigsten Frauen in Herrschings Kulturszene: Die Dirigentinnen Birgit Henke (links) und Elisabeth Schmidt (rechts) und die Seele des monumentalen Unternehmens, Michaela Bandemer (Mitte).

Den Höhepunkt der Konzertsaison feiert Herrsching schon im Juli: Drei Chöre und drei Frauen haben sich am Sonntagabend auf ein musikalisches Wagnis eingelassen : Der Cantilena-Chor, der katholische Kirchenchor und die evangelische Kantorei ließen sich auf Orffs monumentales Werk Carmina Burana in der Fassung für zwei Klaviere und Schlagzeug ein. 800 Besucher überschütteten die 140 Sängerinnen und Sänger, die drei Solisten, die Sopranistin Teresa Boning und die 22 Mädchen des Kinderchors mit Beifallsstürmen. herrsching.online wird am Montag ausführlich berichten.

1 Comment

  1. Nein, ich habe dieses Konzert bewusst nicht besucht. Dieser O-Fortuna-Effekt, jene Gänsehaut, die mich jedes Mal befällt, mit den monumentalen Paukenschlägen und Choreinsätzen: Die Assoziationen zur NS-Ästhetik sind mir einfach zu offensichtlich. Es ist mir unheimlich. Nicht geheuer. Immerhin stand Orff auf Hitlers Liste der »Gottbegnadeten«, zusammen mit Gustaf Gründgens, Richard Strauss und anderen Stützen des kulturellen Scheins, mit denen das Regime sich gerne umgab.
    Und die zeitlichen Koinzidenzen lassen sich nicht wegdiskutieren. Während Orff Mitte der dreißiger Jahre an der Carmina Burana arbeitete, schrieb er die Musik zum Hörspiel »Der Staat der Sonne«, das nationalsozialistischen Ideen eine Bühne bot. Fast gleichzeitig entstand Orff’s Beitrag zu den Olympischen Spielen 1936: ein Reigen für Tausende von Kindern und Mädchen, ihren choreographierten Massenaufmarsch im Berliner Stadion, Körper als Ornament, Jugend als Material der Inszenierung. Genau diese Formensprache höre ich in der Carmina Burana wieder: das Stampfende, das Beschwörende, die Auflösung des Einzelnen im wogenden Kollektiv des Chores.
    Man mag einwenden: die Musik selbst sei unschuldig, die mittelalterlichen Texte erst recht. Mag sein. Aber die Uraufführung 1937 in Frankfurt war ein Triumph im Dritten Reich, und das Werk wurde zum Exportartikel einer Diktatur, die sehr genau wusste, welche Klänge Massen ergreifen.
    Ich misstraue einer Musik, die mich überwältigen will, statt mich anzusprechen. Deshalb bin ich zu Hause geblieben
    Es war bestimmt grossartig. Und die Masse stimmte auch. Sicher waren alle überwältigt. Aber genau das meine ich ja …
    Unsere Demokratie ist bedroht, heute mehr denn je. Nein, sicher nicht von Orff. Aber von unserer Neigung zu verdrängen. Opportunismus kann ein Wegbereiter sein. Das hätte auch Orff wissen können.

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