Herrsching ist auf der Zielgeraden im kulturellen Schlusssprint: Innerhalb einer Woche bietet die Seegemeinde zwei künstlerische Spitzenevents – die Ausstellung des Künstlerkreises Ammersee mit dem verspielten Motto: Spielen. Und die klangvolle Challenge der drei Herrschinger Chöre Cantilena, katholischer Kirchenchor und Evangelische Kantorei. Der Künstlerkreis Ammersee hatte wieder 22 Künstlerinnen und Künstler motiviert, das Thema Spielen – zu bespielen. „Spielen“, sagte die Vorsitzende des handverlesenen Künstlerkreises, Eva Zenetti, bei der Vernissage im vollen Saal des Wasserturms, „ist das beste Mittel, sich die Welt anzueignen.“ Wie nähert man sich also dem spielenden Menschen, mit dem Pinsel, der Schere, dem Plastikdeckel, der Kettensäge, dem Drei-D-Drucker? Der staunende Betrachter ist bei allen Arbeiten herausgefordert: Wo nun ist das Spiel in dieser Plastik, diesem Bild, dieser Skulptur, dieser Installation? Da hat’s der Hund doch gut. Bei ihm, so die humorbegabte Kunsthistorikerin Katrin Bach in einem Einführungsvortrag („ohne KI, ich denke selber“) , weiß man: Er will nur spielen.

Hunde waren aber erstaunlicherweise kein Thema in den Arbeiten (nur zwei Besucherhunde wunderten sich, warum sie hier nicht spielen durften). Das Thema Spiel nahm Marianne Schweigler am wörtlichsten: Sie schuf ein Schachbrett (und Schach ist das größte intellektuelle Schlachtfeld der Welt), auf dem nichts stimmt: Keine Springer, keine Dame, keinen König. „Dieses Spiel lässt sich nicht spielen, außer man findet selber Regeln“, sagt Schweigler und ist damit als Erfinderin eines neuen Spiels.

Auf ganz andere Weise nähert sich der plastische Künstler Johannes Hofbauer dem Thema Spiel: Er delegiert es an seinen Werkstoff, das Holz: Johannes Hofbauer, bekannt für seine phantasievollen Holzplastiken, hat wunderbare Miniaturen geschaffen, die mit sich selber spielen: Er überlässt es dem Spiel des Eschen- und Kirschbaumholzes, wie es sich verformt, sozusagen mit sich selber spielt. Dabei verlangt der Prozess des Trocknens der filigran geschnittenen Schichten viel Erfahrung: Das Holz darf nicht zu schnell oder zu langsam trocknen, sonst bilden sich Risse. Hofbauer nimmt für seine kunstvollen Miniaturen etwa 300 Euro – schöner kann man einen edlen Schreibtisch nicht veredeln.

Die frühere Trägerin des Starnberger Kulturpreises, Ursel Steglich-Schaupp, ist trotz ihres Alters von 82 Jahren mit erfrischendem Humor gesegnet, der sich auf verschlüsselte Art in ihren Werken wiederfindet. Sie hatte für die Ausstellung alten Bildern neues Leben gegeben, und so bekamen Collagen plötzlich Beine. Die Arbeiten von Steglich-Schaupp nehmen in der Ausstellung einen Sonderrang ein.

Das Thema Spiel erschließt sich in den Arbeiten der Künstlerin Edith Steiner eher intellektuell: Der schöpferische Prozess ist das Spiel, und dann fallen die Entscheidungen, wo sie was in den Bildcollagen platziert. Es gibt bei Edith Steiner keine Kopfgeburt, der Prozess bestimmt das Ergebnis. Der Kopf ist der Diener, sagt sie, und nicht umgekehrt. Normalerweise sei die Farbe der Hauptakteur, hier waren es die ins Bild gebauten Papierflächen. Für Künstler, so Steiner, die stark konzeptionell arbeiten, sei das Thema Spielen eine Herausforderung gewesen, für andere war es eine Befreiung, weil er mal out of the box arbeiten konnte.

Ganz anders die Arbeit von Ela Bauer. Sie hat sich an Joseph Beuys erinnert, der von sozialen Plastiken gesprochen hatte. Beuys hatte Tierstaaten beobachtet und dabei gelernt, dass diese perfekt organisierten Völker Spielregeln haben: Wie gehen die Tiere miteinander um, wie sind die Funktionen verteilt. Diese Individuen hat Bauer in ihrem großen Tableau mit Punkten (Dot) symbolisiert. Da gibt es dann Ähnlichkeiten in der Farbe und Größe, aber auch Kontra-Punkte. „Dieses Beziehungsgeflecht ist mir wichtig“, sagt Bauer. Aber es darf auch einfach nur Freude machen beim Betrachten, ohne dass man die intellektuelle Deutung nachvollzieht. Witz und Heiterkeit dürfen auch gerne in dem Werk gelesen werden. Und wo ist das Spiel dabei: „Die Gesellschaft, symbolisiert durch die Punkte, braucht Spielregeln.“

Das Thema Spiel hat die Damen-Band Ladylake gleich großartig mitgespielt: Die fünf Musikerinnen, alle verschiedenfarbig gekleidet, haben einen verschiedenfarbigen Softwürfel werfen lassen. Und jede Farbe stand für einen bestimmten Musiktitel aus der Playlist – was gespielt wurde, hat also der Zufall entschieden. Und der Zufall spielt beim Spiel nun mal eine entscheidende Rolle, sagte Kunsthistorikerin Katrin Bach in ihrer Rede.

Ein Thema lässt den Breitbrunner Künstler Thomas Barnstein nicht mehr los – die Architektur und Stadtplanung. Sie könnte durchaus eine spielerische Angelegenheit sein, sagt Barnstein, aber Spitzenarchitekten übertreiben’s halt mitunter und produzieren Raumhüllen, die für ihren Zweck weniger geeignet seien. Barnstein hat in seiner Plastik eine Schultüte verfremdet, Symbol für eine Lebenszeit des Spielens und Ausprobierens.

Eva Zenetti verblüfft den Besucher mit zwei mit Tüll verhüllten Gestalten. Sie interpretiert ihre Installation intellektuell anspruchsvoll: „Die Gesellschaft ist ein großes Spiel. Und die Bewegungen, die man nach draußen macht, macht man auch nach innen. Die Arbeit meint nicht das leichte, das körperliche Spiel, sondern wie die Menschen miteinander umgehen.“
Zenetti ist also nicht nur mit einem anspruchsvollen Werk vertreten, sondern spielt auch im Künstlerkreis eine der Hauptrollen: Sie ist Vorsitzende dieses erlesenen Kreises, dem man nicht beitreten kann wie dem Gersangverein, sondern für den man berufen wird. Allerdings, so klagt Zenetti, fehlen der Kunstszene junge Leute, die sich kulturell engagieren wollen. „Wir werden halt älter.“







