Der Ammersee hat mit 339 Gigawattstunden pro Jahr ein hohes thermisches Potenzial. Dieses übertrifft sogar den Bedarf der Anrainerkommunen von etwa 277 Gigawattstunden per annum. Das hat eine Potenzialanalyse des Ökoenergie-Instituts Bayern am Landesamt für Umwelt jetzt ergeben. Auch wichtig: Die Rückführung kälteren Wassers würde die Seetemperatur, etwa in der Herrschinger Bucht, nicht senken.
Vorgestellt wurden die Ergebnisse einer 3D-Modellierung, die die Ingenieursgesellschaft Prof. Kobus und Partner im Auftrag des Bayerischen Wirtschaftsministeriums vorgenommen hat, kürzlich auf der MS Utting in Stegen. An Bord waren neben den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern aus Dießen, Herrsching, Schondorf und Pähl auch der stellvertretende Landrat Georg Scheitz sowie Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Dieser erklärte, die Gewässerthermie sei „als weiterer Baustein der bayerischen Wärmewende eine echte Chance, zehntausende Haushalte mit bezahlbarer und regionaler Energie zu versorgen“.
Eine groß angelegten Studie, die das das Landesamt für Umwelt schon Ende 2025 präsentiert hat, geht von einem möglichen, umsetzbaren Potenzial von insgesamt 1,2 Terawattstunden an 31 untersuchten bayerischen Seen aus. Davon profitieren könnten insbesondere 69 Seegemeinden in Bayern. Was den Gesamtwärmeverbrauch unseres Bundeslandes betrifft, wären etwa 0,7 Prozent durch die Gewässerthermie abgedeckt.

Aber wie funktioniert Seethermie eigentlich?
Vereinfacht gesagt, indem Seewasser zu einer Entnahmestation gepumpt wird, wo ihm Wärmetauscher Energie entziehen und diese dann einem geschlossenen Kreislauf zuführen. Mithilfe von Wärmepumpen wird das benötigte Temperaturniveau erreicht und in ein Nah- oder Fernwärmenetz eingespeist. Das nun kühlere Seewasser wird indes zurück in den See geleitet.
Die nun vorgestellte 3D-Modellierung hat sich auch mit möglichen Folgen für die Seetemperatur beschäftigt. Denn, wie die Energieagentur KLIMA³ in einer Pressemitteilug schreibt, würde sich die unterste Seeschicht (Hypolimnion) um maximal 0,1 bis 0,2 Kelvin abkühlen, wenn Seewasser zur Wärmegewinnung entnommen würde. „Ein lokales Auskühlen von Buchten, zum Beispiel der Herrschinger Bucht, ist dadurch aber nicht zu befürchten“, erklärte Ulrich Lang von Kobus und Partner auf der MS Utting. „Die denkbare Wärmeleistung, die eine Anlage am Ammersee liefert, wären 100 bis 200 Gigawattstunden pro Jahr. Damit könnte man grob gesagt 20.000 bis 35.000 sanierte Einfamilienhäuser versorgen“, zitiert ihn der Kreisbote.
„Schon lange kein Hexenwerk mehr“
Während Aiwanger die „Zukunft der Energiewende in maßgeschneiderten Lösungen wie hier am Ammersee“ sieht, zeigt sich auch Christian Schiller aufgeschlossen gegenüber der neuen Technologie, die die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren und zu einer umweltfreundlicheren Wärmeversorgung beitragen könnte. Gegenüber herrsching.online erklärt der Bürgermeister: „Die Möglichkeit, die Seethermie am Ammersee zu nutzen, schätze ich als sehr hoch ein. Die Erfahrungen an anderen Seen, wie zum Beispiel am Bodensee, zeigen, dass Seethermie schon lange kein Hexenwerk mehr ist. Außerdem gibt es kein Risiko über die Fündigkeit. Der Energieinhalt des Sees wartet genutzt zu werden!“ Da alle beteiligten Behörden zugesichert hätten, diese Technologie zu unterstützen, sei er sehr zuversichtlich, dass auch die Anforderungen der einzelnen Schutzbereiche erfüllt werden können.
Ökologische Aspekte müssen gesondert analysiert werden
Übrigens: Die ökologischen und naturschutzfachlichen Aspekte sind nicht Gegenstand der rein thermischen 3D-Modullierung gewesen und müssten standortbezogen bewertet werden, wie KLIMA³ schreibt. Um interessierten Kommunen Orientierung zu geben, hat die Klimaagentur eine Checkliste entwickelt, die einen strukturierten, praxisorientierten Überblick über alle für ein Seethermie-Projekt relevanten Themen verschafft – wie etwa Organisation, Datengrundlage und technische Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Genehmigungen und Umweltaspekte. Die Checkliste wird die Energieagentur in Kürze auf ihrer Website veröffentlichen.
Christian Schiller gibt noch zu bedenken, dass auch „hier die Investitionskosten, unter anderem für Großwärmepumpe und Wärmenetz, von irgendjemand bezahlt werden“ müssten. Da der Investitionsumfang jedoch geringer sei als zum Beispiel bei der Geothermie, sei er auch hier eher optimistisch, den Ammersee als Energiequelle irgendwann nutzen zu können.
Susanne Böllert




