Das Brot des Künstlers ist der Beifall, sagt ein geflügeltes Wort. Das trifft es gut, denn die drei Chöre, die am Sonntagabend den stimmlichen Achttausender-Gipfel der Carmina Burana erklommen haben, „bekommen für ihre Leistung nicht einmal eine Brotzeit“, wie die Chor-Chefin des Cantilena e.V., Michaela Bandemer, erzählt. Dafür sind die 140 Sängerinnen und Sänger von Cantilena, katholischem Kirchenchor und evangelischer Kantorei mit Beifallskaskaden überschüttet worden. Orffs monumentales Hauptwerk mit dem 35-sekündigem „Dulicissime“ (hohes D), gesungen von der Herrschinger Sopranistin Teresa Boning, hat die spröde Dreifachturnhalle in eine Philharmonie verwandet. „Kein anderes Werk“, sagt Co-Dirigentin, Elisabeth Schmidt, „bietet solche Herausforderungen mit extremen Tonhöhen“. Die Maestra des ersten Teils der 70-minütigen Carmina, Birgit Henke, leitete das Konzert mit einer Eigenkomposition ein, die sie „Francesco di Wessobrunn“ nennt. Das Wessobrunner Gebet ist etwa so alt wie Herrsching mit seinen 1250 Jahren Geschichte, und der Sonnengesang von Franz von Assisi ist nun auch schon 800 Jahre in der Welt. Kuriosum am Rande: Manchmal wird die Carmina als szenische Kantate bezeichnet, und das nahm der sportliche Tenor Thilo Himstedt wörtlich und machte vor seinem Einsatz – einen Handstand. Ungewöhnlich auch das Outfit der Sängerinnen, Dirigentinnen und Solisten: Es ging ziemlich hemdsärmelig zu. Aber schließlich fand das Konzert ja in einer Turnhalle statt. Nur Teresa Boning war festlich gewandet.
Überhaupt passt die Carmina in keine Schablone. In den „Liedern von Benediktbeuern“ aus dem elften und zwölften Jahrhundert geht’s um die Wechselhaftigkeit von Glück und Wohlstand, die Flüchtigkeit des Lebens, die Freude über die Rückkehr des Frühlings sowie die Genüsse und Gefahren von Trinken, Völlerei, Glücksspiel und Wollust. Chorleiterin Elisabeth Schmidt ist deshalb fast froh, dass die Texte in mittellateinischer und mittelhochdeutscher Sprache und nicht in einer Übersetzung gesungen werden – wäre nicht jugendfrei und für eine Aufführung in Kirchen sowieso nicht geeignet:
„Säuft die Herrin, saufen Herren,
säuft der Ritter, saufen Pfaffen…
säuft das Kind und säuft der Alte,
säuft der Bischof, der Dekan säuft.
S’reichen nicht sechshundert Münzen,
wo sie Mass um Mass noch müssen
hinter ihre Binden gießen.“
Und über Amors Verwüstungen im Menschen heißt es: „Amors Pfeile überall, gierig vor Verlangen. Eine ohne Mann, alleine, hat von allen Freuden keine.“ Da ist man dann doch froh als Chorleiterin, dass die Mädchen im Kinderchor noch kein Latein verstehen.
Weil sich eine Eintritts- und Spenden-finanzierte Aufführung kein großes Orchester mit Querflöten, Oboen, Klarinetten, Fagott, Hörner, Trompeten und Tuba leisten kann, haben die drei Projektleiterinnen Bandemer, Henke und Schmidt die vom Komponisten selbst abgesegnete Version mit vier Solisten, großem Chor, Kinderchor, zwei Klavieren, Pauken, Trommeln, Triangel Ratsche, Kastagnetten, Schlittenglocken und zwei Xylphonen gewählt. „Und alle Solisten und Musiker haben uns Freundschaftspreise gemacht“, freut sich Michaela Bandemer.
Die Solopartien haben der Bariton Wolfgang Schmidt, der Tenor Thilo Himstedt und die Herrschinger Sopranistin Teresa Boning gesungen. „Ach“, freute sich eine Konzertbesucherin, „die Teresa ist einfach zu gut für Herrsching.“ Wenn nach Bonings „Dulcissime“ Beifall erlaubt gewesen wäre, das Publikum wäre ausgetickt vor Begeisterung beim hohen D. Auch der Tenor muss sich ebenfalls in sehr hohe Lagen schrauben. Kaum weniger anspruchsvoll ist die Stimmlage des Chorsoprans beim Ave Formosissima, da hörte man doch, dass ein Laienchor an die stimmlichen Grenzen kommt. Dazu noch mussten die Sängerinnen gegen das große Schlagwerk ansingen – das fachkundige Publikum hat wohl den Atem angehalten wie beim Salto Mortale im Zirkus. Aber alles gut gegangen, große Erleichterung am Pult.
Ist also die „Erstbesteigung der Orffschen Gipfel“ gelungen? Ja, Herrsching erlebte eine musikalische Sternstunde – und wenn Carl Orff in seiner Andechser Gruft zugehört haben sollte, dann ist er mutmaßlich stolz darauf, dass er mit seinem O Fortuna nicht nur in der Carnegie Hall, dem Musikverein in Wien und im Opera House in Sydney berühmt ist, sondern auch in einer heimatlichen Dreifachturnhalle.



















Seit kurzem kann man in Diessen das Carl Orff Museum besuchen. Intensiv und mit viel Hintergrundinformationen zu seinem Werk, nicht nur dem Schulwerk und der Carmina Burana, gelingt es den Machern seine historische Haltung im Dritten Reich besser zu verstehen. Das heisst nicht, dass er politisch richtig handelte und dachte, aber es richtet den Blick auf sein musikalisches Streben.
Gerade habe ich im BR, wie bestimmt viele meiner Chorkollegen von CANTILENA, Sir Simon Rattle mit seiner Interpretation von Carmina Burana genießen dürfen.
Wo gibt es Assoziationen zu nationalsozialistischer Ästhetik? Laut, leise, monumental gibt überall in der Musik. Wie sieht es denn mit Wagner aus,
zu dem jedes Jahr viele „wichtige“ Leute nach Bayreuth pilgern. Da denke ich, ist die Nähe zum Naziregime absolut evident.
Carl Orff komponierte zwar in Zeiten der Naziherrschaft, war aber soweit ich von Menschen weiß, die ihn persönlich kannten, ein absolut unpolitischer Mensch.
In diesem Sinne – nix für ungut
Ich finde es wichtig, sich kritisch mit der Biografie von Künstlern auseinanderzusetzen – auch mit Carl Orff. Gleichzeitig würde ich das Werk selbst differenzierter betrachten. Die Carmina Burana basiert auf mittelalterlichen Texten, und ihre enorme musikalische Wucht erklärt sich nicht zwangsläufig aus einer Nähe zur NS-Ästhetik. Dass Musik überwältigt, ist schließlich ein Wesensmerkmal vieler großer Werke – von Bach über Beethoven bis Mahler.
Gerade deshalb halte ich es für wichtig, Kunst historisch einzuordnen, statt sie vorschnell auf ihre politische Instrumentalisierung zu reduzieren. Dass ein Werk im Dritten Reich erfolgreich war oder vereinnahmt wurde, macht es nicht automatisch zu einem ideologischen Werk.
Schade dass Sie nicht da waren denn dann hätten Sie gesehen dass die Hemden, Blusen und Shirts in Blau- und Weiß- Tönen – und nicht braun oder schwarz oder oliv sind. Aber selbst wenn, dann wäre diese Farbwahl das einzige was zu obigem Kommentar passt.
Kommentar Karl Rellensmann:
Nein, ich habe dieses Konzert bewusst nicht besucht. Dieser O-Fortuna-Effekt, jene Gänsehaut, die mich jedes Mal befällt, mit den monumentalen Paukenschlägen und Choreinsätzen: Die Assoziationen zur NS-Ästhetik sind mir einfach zu offensichtlich. Es ist mir unheimlich. Nicht geheuer. Immerhin stand Orff auf Hitlers Liste der »Gottbegnadeten«, zusammen mit Gustaf Gründgens, Richard Strauss und anderen Stützen des kulturellen Scheins, mit denen das Regime sich gerne umgab.
Und die zeitlichen Koinzidenzen lassen sich nicht wegdiskutieren. Während Orff Mitte der dreißiger Jahre an der Carmina Burana arbeitete, schrieb er die Musik zum Hörspiel »Der Staat der Sonne«, das nationalsozialistischen Ideen eine Bühne bot. Fast gleichzeitig entstand Orff’s Beitrag zu den Olympischen Spielen 1936: ein Reigen für Tausende von Kindern und Mädchen, ihren choreographierten Massenaufmarsch im Berliner Stadion, Körper als Ornament, Jugend als Material der Inszenierung. Genau diese Formensprache höre ich in der Carmina Burana wieder: das Stampfende, das Beschwörende, die Auflösung des Einzelnen im wogenden Kollektiv des Chores.
Man mag einwenden: die Musik selbst sei unschuldig, die mittelalterlichen Texte erst recht. Mag sein. Aber die Uraufführung 1937 in Frankfurt war ein Triumph im Dritten Reich, und das Werk wurde zum Exportartikel einer Diktatur, die sehr genau wusste, welche Klänge Massen ergreifen.
Ich misstraue einer Musik, die mich überwältigen will, statt mich anzusprechen. Deshalb bin ich zu Hause geblieben
Es war bestimmt grossartig. Und die Masse stimmte auch. Sicher waren alle überwältigt. Aber genau das meine ich ja …
Unsere Demokratie ist bedroht, heute mehr denn je. Nein, sicher nicht von Orff. Aber von unserer Neigung zu verdrängen. Opportunismus kann ein Wegbereiter sein. Das hätte auch Orff wissen können.
Umso tröstlicher, dass unsere Demokratie dann trotz aller Anfeindungen doch immer noch so wirkmächtig ist, Kommentare aller Art zuzulassen…
Michel Friedman, letzten Endes dann doch eingeladen zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele, war da großzügiger. Zu den vielen Fans der Musik Wagners (der ein übler Antisemit war) sagte er:
„Man kann Wagner hören, ohne schlechtes Gewissen, aber nur mit Wissen. Und natürlich kann man die Festspiele besuchen, ohne schlechtes Gewissen, aber nur mit Wissen“.
Und ich denke, mit diesem Wissen kann man auch die Musik von Carl Orff schätzen und genießen.
Ob einem das Bombastische, sowohl bei Wagner, als auch bei Orff, gefällt, vielleicht sogar – trotz des Wissens – begeistert, oder eher ungute Assoziationen weckt, wie bei Ihnen, ist eine individuelle Entscheidung.