Ist das die Tegernseeisierung Herrschings oder nur eine unvermeidliche Urbanisierung? Der Bauausschuss des Gemeinderats hat in seiner letzten Sitzung das mondäne Projekt des „Fischerhofs“ an der Promenade abgesegnet. An der Stelle eines in die Jahre gekommenen Mehrfamilienhauses an der Summerstraße und der alten Holzhütten soll ein mehrgliedriges Ensemble mit Restaurant, baumbestandenem Biergarten, Fischladen, Mietwohnungen und feudaler Dachterrassenwohnung entstehen.
Unter den Gebäuden im filigranen Holzlook ist eine 745 Quadratmeter große Tiefgarage geplant, damit der Stellplatzsatzung Genüge getan wird. Das alte, grünbewachsene Bestandsgebäude neben der Werft bleibt in seiner traditionellen Erscheinung erhalten. Bauherrin ist die Familie Stumbaum, die gerne auf ihre 400-jährige Geschichte verweist. Geplant wird das Ensemble von der Herrschinger Bürogemeinschaft Werkraum A (Philipp Steller und Christoph Welsch). Die Architekten erreichen ihre Baustelle bequem zu Fuß. Realisiert werden soll das Millionenprojekt allerdings erst in drei Jahren.

Die Gebäude bieten eine Grundfläche von 390 Quadratmetern, haben eine Wandhöhe von 10,50 und eine Firsthöhe von 13,80 Metern. Über die Größe der „hochwassersicheren“ Tiefgarage (Architektenaussage) enthält das Sitzungspapier des Bauamtes keine Angaben, in der Bauvoranfrage wurde eine Größe von 745 Quadratmetern angegeben.
Nach dieser vorausgegangenen Bauvoranfrage gab es eine heftige Diskussion im Forum von herrsching.online (Willi Welte: „Der Bau-Wahnsinn geht weiter“). Welte kritisierte scharf, dass vor etwa 18 Jahren ein fertiger Bebauungsplan für die Promendade in der Schublade verschwunden sei. Deshalb wird das Stumbaumprojekt auch nach dem berühmt-berüchtigten Bauparagrafen 34 beurteilt, der nur darauf abstellt, dass das Vorhaben in die nähere Umgebung passen müsse. Dieses Referenzobjekt liefert das Ammerseehotel, das mit seiner riegelartigen Anmutung monströsere Entwürfe erlauben würde.
In einer zusätzlichen Tischvorlage für Gemeinderäte und Presse fassen die Architekten noch einmal stichwortartig und kommunikativ geschickt das Projekt zusammen, wir zitieren Aussschnitte daraus:
• Das Stammhaus Stumbaum bleibe originalgetreu bestehen
• Die neuen Gebäude haben eine traditionelle Bauform mit Satteldach
• Es gebe sichtbare Holzfassaden in Anlehnung an die Boots- und Fischerhütten
• Die Gebäude bestünden vorwiegend aus Holz mit einem massive Sockel zum Hochwasserschutz
• Bäume sollen den Innenhof auf natürliche Weise beschatten
• Die Firsthöhen würden sich mit gleichen Höhen wiedie Nachbarhäuser harmonisch in die Silhouette vom See aus einfügen
• Die Summerstraße werde durch die Rundumführung des Fischladens belebt, der auch zum Platzerln an der Summerstraße öffne
• Es gebe eine Sichtachse von der Summerstraße zum See
• Der Zugang zum See sei von der Summerstraße aus durch die Gasse zwischen Stammhaus und Neubau möglich
• Eine hochwassersichere Tiefgarage bietet die vorgeschriebenen Stellplätze

Dass die Architekten offensichtlich jeden Anschein von Monströsität zu vermeiden suchten, kam auch im Bauausschuss des Gemeinderates gut an. Gemeinderat Wolfgang Schneider hatte in seinem Statement beklagt, dass die Gastronomie an der Promenade „sehr weit hinten dran“ sei. Da schwang die Hoffnung mit, dass das neue Restaurant einen neuen kulinarischen Glanzpunkt setzt. Er jedenfalls begrüßt das Stumbaum-Projekt.
Die Grüne Karin Casaretto, neu im Bauausschuss, fand die Architektur ebenfalls attraktiv, für sie ist aber die üppige Tiefgarage mit einer großflächigen Versiegelung problematisch. Für Casaretto ist der Hochwasserschutz nicht gesichert. Deshalb schlug sie ein hydrologisches Gutachten vor. Bürgermeister Schiller verwies darauf, dass die Gemeinde keine rechtliche Handhabe habe, ein solches Gutachten einzufordern.
Die Abstimmung fiel nach diesem Diskussionsverlauf erwartbar positiv aus. Außer Christoph Welsch, der sich wegen der Beteiligung seines Büros enthalten musste, stimmten alle anderen Räte zu.
Traditionalisten, die den Charme des Stumbaumschen Innenhofs mit den Holzhütten für unverzichtbar halten, können sich mutmaßlich noch drei Jahre lang mit dem alten Anblick trösten – die Bagger sollen „frühestens“ (Architekten) in drei Jahren anrücken. Dann dürfen die Stumbaums ihren Stammbaum in anderen Mauern pflegen.




Bemerkenswert, wie reibungslos das alles funktioniert hat. Im März Kommunalwahl, eine Grundstückseigentümerin mit konkreten Bauplänen an der Promenade kandidiert via CSU für den Gemeinderat – und wird gewählt. Wenige Wochen später entscheidet der Bauausschuss über ihr Millionenprojekt. Sie sitzt als stellvertretendes Mitglied in ebendiesem Ausschuss. Im Bericht über die Sitzung findet sich kein Wort über eine Befangenheitserklärung.
Natürlich kann das alles reiner Zufall sein. Und natürlich darf man in einer Demokratie Mandate und Eigeninteressen gleichzeitig verfolgen – solange die Regeln eingehalten werden. Ob sie es hier wurden, wäre eine berechtigte Frage an den Gemeinderat.
Was bleibt, ist ein Bild: Eine Promenade, die ihren Charakter verliert. Ein Bootsverleih, der über Jahrzehnte Kulturgut war, und dessen Ende weit weniger „reibungslos” verlief als die anschließende Baugenehmigung. Und ein Millionenprojekt, das jetzt kommt. Dazu ein frisches politisches Mandat und mehrere Grundstücke in derselben Gemeinde – das ist eine Kombination, die man im Blick behalten sollte. Nicht als Vorwurf. Sondern als Bürgerrecht.
In Herrsching nennt man das Urbanisierung. Am Tegernsee weiß man, wie das endet. Andernorts würde eine solche Konstellation zumindest intensive Diskussionen auslösen.
Lieber Herr Overdick, ihr Kommentar bringt mich zu weiteren Überlegungen. Ein paar Meter weiter wird gerade ein Kiosk mit Minigolfanlage von der Gemeinde entpachtet. Da hätte die SPD Fraktion mit Herrn Schneider (Zitat: Herrschinger Promenade sei gastronomisch „sehr weit hinten dran“) eine Möglichkeit, ein derartiges Grossprojekt, ein paar Meter weiter nach diesem Vorbild zu genehmigen.. Dies waere für die nächsten Jahre eine bedeutende gastronomische Ortsentwicklung für alle, allerdings nicht jeden Geldbeutel. ORTSANSAESSIGE Geringverdiener bzw. SPD Waehler können aber zum Trost noch in den anderen Seegemeinden mit der Familie preiswert essen gehen. So eng darf man das wohl nicht sehen.
Bei der Beschreibung hat sich ein Tippfehler eingeschlichen: es heisst Firsthöhe, nicht Fürsthöhe. Obwohl, in Herrsching würde der neue Begriff passen.
Wenn im Bauausschuss ein Projekt so gut angenommen wird, dann hat es das Architekturbüro mit Christoph Welsch doch sicher gut gemacht. Mich würde interessieren wie teuer dieses Ensemble eigentlich ist. Es ist sicher nicht so leicht für eine Familie, das zu finanzieren.