„Ende 2027 haben wir einen Bahnhofspächter“

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Die Grünen lassen auch in der Tropenhiltze die Füße nicht baumeln: Im Sommerinterview mit herrsching.online kündigen die Gemeinderäte Karin Casaretto und Gerd Mulert einen Hitzeschutzplan für Herrsching an. Foto: Gerd Kloos

Glaube, sagt das Sprichwort, versetzt Berge. Auch Bahnhöfe? Die beiden grünen Gemeinderäte Karin Casaretto und Gerd Mulert glauben fest daran, dass sich Investoren finden, die aus der Denkmalsruine eine gute Stube für Herrsching machen. Im Sommerinterview mit herrsching.online kündigen sie außerdem einen Hitzeschutzplan für Herrsching an. Dazu gehört ihrer Meinung nach zwingend auch der Baumschutz. Der soll einvernehmlich beschlossen werden, eine Verordnung steht nicht mehr auf der Tagesordnung.

herrsching.online: „Vom Umweltminister abgesehen, nimmt in der Regierung niemand das Wort Klimaschutz in den Mund, wenn er nicht unbedingt muss“, kommentierte die Süddeutsche Zeitung den Dürre-Sommer. Und was kommt von den Grünen, für die der Katastrophensommer ja eine Steilvorlage sein müsste?

Casaretto: Die Grünen in Herrsching werden das Thema auf die Tagesordnung bringen. Ich hatte ja schon einen Antrag gestellt, der jetzt leider nicht mehr vor der Sommerpause behandelt wurde.

herrsching.online: Was fordern Sie in Ihrem Antrag konkret?

Casaretto: Zum Beispiel, dass die Kirchen als Kälteinseln immer zugänglich sind…

herrsching.online: … die sind eigentlich immer geöffnet.

Casaretto:… ja, aber der neue Antrag geht weit über solche Vorschläge hinaus. Wir wollen einen Hitzeschutzplan  einbringen,  der Maßnahmen über mehrere Jahre hinweg aufzeigt. Es geht darin um Kühlorte, Baumschutz,  Ortsgestaltung nach Schwammstadtprinzipien. Also die Kindergärten, Horte,  Schulen, Alten- und Pflegeeinrichtungen gilt es künftig besser vor Hitze zu schützen. Und es geht auch um die sukzessive Entsiegelung des Gemeindegebietes, zum Beispiel am Bahnhof. Dieser Plan soll über mehrere Jahre gehen und immer wieder neu angepasst werden. Um die Umsetzung des Planes sollen sich Gemeinderäte kümmern, die vom Rat dazu ernannt wurden, sogenannte Kümmerer.

herrsching.online: Konkrete Politik also, die Bürger auch wahrnehmen. Aber warum kommt von den Grünen in Berlin gefühlt so wenig? Haben die eine Beißhemmung?

Mulert: Von Beißhemmung kann keine Rede sein. Wir sind aber in Herrsching und nicht in Berlin, wir müssen hier in unserem Ort den Klimaschutz umsetzen. Viele Ideen gibt es schon, sie sind nur noch nicht in Herrsching angekommen. Es muss deshalb parteiübergreifend über diese Dinge gesprochen werden.  

herrsching.online: In Starnberg soll die Baumschutzverordnung wieder eingesetzt werden, in Herrsching nehmen nicht einmal mehr die Grünen das Wort in den Mund. Warum ist das Wort in Herrsching verbrannt?

Mulert: Die Diskussion um eine Baumschutzverordnung in Herrsching nahm ja ein nicht für alle erfreuliches Ende in Herrsching. Alle sind durch die emotional geführte Debatte ein Stück weit geschädigt. Die Idee einer Baumschutzverordnung ist grundsätzlich gut, es geht doch darum, unsere Bäume zu erhalten, zu schützen und die fehlenden Bäume zu ergänzen. 

herrsching.online: Es gibt also keine Initiative, eine wie auch immer geartete Baumschutzverordnung in Herrsching zu realisieren?

Casaretto:  Die Baumschutzverordnung stand sehr lange auf der Agenda, wurde aber nie wirklich nachhaltig behandelt. Wenn man  keine konsensfähige Lösung findet, wird dieses Thema immer wieder auf den Tisch kommen. Und es wird auch in dieser Legislaturperiode wieder auf die Tagesordnung kommen. 

herrsching.online: Aber noch einmal zurück zur Frage. Hat das Wort Baumschutzverordnung in Herrsching eine ähnliche gesellschaftliche Ächtung erfahren wie beispielsweise das N-Wort.

Mulert:  Man versteht halt manche Dinge in der Kommunalpolitik nicht.

herrsching.online: In den letzten Jahren hat sich Herrsching politisch verändert. In Gesamtbayern holte die CSU in 71 Landkreisen und 25 kreisfreien Städten 32,5 Prozent der Stimmen, in Herrsching erreichte die CSU 41,3 Prozent. Ist Herrsching inzwischen strukturkonservativ. Und wenn ja, kann sich das wieder ändern?

Casaretto: Ja, ich vertraue auf die jungen Familien.  Als ich vor 20 Jahren nach Herrsching gezogen bin, gab es eine große Vielfalt in Herrsching, Alt und Jung, Reich und Arm – es gab alles hier.  In den letzten 15 Jahren aber hat sich die Mentalität hier verändert in Richtung: Mia san mir, und des ham ma scho immer so gmacht.  Was mir nun Hoffnung macht, waren meine Erfahrungen im Häuserwahlkampf. Ich habe oft gehört, dass Leute gesagt haben: Wir wollen mal wieder was Neues, Kreatives in Herrsching. Schauen wir nach München, dort herrscht eine ganz andere Stimmung.    

Mulert: Ganz soviel Optimismus habe ich nicht. Aber grundsätzlich bin ich optimistisch.  

Casaretto: Dieser Sommer wird der kühlste Sommer der nächsten Jahre werden. Das weckt doch bei vielen Menschen das Verständnis für den Baumschutz. Wir brauchen noch mehr Bäume, und wir brauchen vor allem große Bäume.  Diese Erkenntnis wird auch bei Menschen ankommen, die bisher gesagt haben: Wir brauchen keinen Baumschutz.

herrsching.online: Die Grünen und die BGH haben zusammen viele Abstimmungen im Gemeinderat verloren. Da nimmt sich die neue  Präambel in der Geschäftsordnung des Gemeinderats ganz  putzig aus, in der  pastoral von „respektvollem Umgang und vertrauensvoller Zusammenarbeit“ gesprochen wird. Wie frustierend ist das, wenn man dauernd Tasmania-Berlin-Erlebnisse hat (zur Erklärung für Nicht-Fußball-Kenner: Tasmania blieb 31 Spiele lang sieglos).

Casaretto: Ich arbeite seit 30 Jahren in der Filmbranche, oft in großen Männer- und auch Machoteams. Da bin ich einiges gewohnt. Meistens geht es um die Angst vor Kontrollverlust. Aber ja, manchmal frage ich mich,  warum ich mir das antue. Aber ich habe einen klaren Auftrag. 35 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Herrsching haben mich gewählt,  nicht weil ich Karin Casaretto bin, sondern weil ich im Wahlkampf mit ganz klaren Themen angetreten bin.  Und diese Themen werde ich in den nächsten sechs Jahren alle an den Ratstisch bringen.  Und vielleicht besinnt sich ja die SPD-Fraktion wieder auf sozialdemokratische Grundsätze. Wenn nicht, wird sie nach der nächsten Wahl vielleicht nur noch einen Sitz haben. 

herrsching.online: Die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat werden ja auch noch durch das Stimmverhalten des Bürgermeisters stabilisiert. Dabei hatte er ja versprochen, dass er ein Bürgermeister für alle sein wolle.

Casaretto: Wahlversprechen. 

Mulert: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass eine Mehrheitsfraktion nach einer Wahl immer gerne die Muskeln spielen lässt. Das kennen wir auch aus anderen Gemeinden. Aber wir sitzen ja sechs Jahre zusammen, in denen eine Menge passieren wird.

herrsching.online: Wird die angespannte Haushaltslage zu Kompromissen zwingen?

Mulert: Ein Bürgermeister und eine Verwaltung können gerade in diesen Zeiten der Haushaltssperre und kanppen Kassen nicht mehr zu großen Teilen allein bestimmen, wie die Gelder verteilt werden.  Bürgerinnen und Bürger müssen die Dinge in die Hand nehmen, weil die noch Geld haben. Und wer’s Geld hat, der schafft an. 

hersching.online: Sie denken jetzt an den Bahnhof?

Mulert: Ja. Ein erster Schritt für eine Bürgerbeteiligung ist der einstimmige Beschluss, dass sich der Gemeinderat den Bürgerbahnhof in Leutkirch anguckt. Die Bürgerschaft soll einbezogen werden mit neuen Ideen.

herrsching.online: Sie sind also auch da optimistisch, dass sich ein Investor findet, der Herrsching mehr liebt als seine Millionen?

 Casaretto: Andersrum wird ein Schuh draus: Zuerst einmal muss eine gute und schlüssige Idee da sein.  Dann schnürt man ein Finanzpaket und schaut sich nach den verschiedenen Förderungen um. So jedenfalls läuft es in der Filmbranche. Außer der Städtebauförderung gibt es für den Bahnhof vier bis fünf weite Fördertöpfe, die man angehen kann.  Dazu kommen dann auch noch das Engagement der Bürgerinnen und Bürger und ein Investor, der zu der Idee passt.  Ein Beispiel ist das Ciao Mausi in Weßling, das in ein Konzept reingepasst hat. Daraus kann man also ableiten: Wir brauchen ein schlüssiges Konzept, ein Finanzpaket und dann den Investor, der dazu passt. 

Mulert: Der Bahnhof in Weßling ist nicht eins zu eins übertragbar auf unsere Situation in Herrsching.   Eine Finanzierung steht auf vier bis fünf Füßen. Ein Teil sind die Bürgerinnen und Bürger, die sich in einem Verein, später einer Genossenschaft einbringen.  Dazu kommt ein Investor, der die Technik für die  Gastronomie mitbringt, dann natürlich Banken,  und schließlich die Fördermittel von hier und dort. Am Ende muss das Projekt im Alltagsbetrieb auch wirtschaftlich auf soliden Beinen stehen.

Casaretto: Ich glaube, dass die Finanzierung gar nicht die größte Herausforderung ist, denn mit einem guten Konzept werden Projekte finanziert, schließlich leben wir nicht in einer armen Gegend. Die größte Herausforderung ist es, alle Interessenten unter einen Hut zu bringen.

herrsching.online: Dann lassen Sie uns doch mal in die Glaskugel gucken: Ist der Erbpachtvertrag, den die Gemeinde anbietet, Ende nächsten Jahres unterschrieben?

Mulert: Ich bin fest überzeugt davon, dass wir das schaffen.

Casaretto: Me too.

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