Wenn Kunst zur Zielscheibe wird, dann sollte man sich Sorgen um die Demokratie machen. Wenn Kunst ein Ziel ins Visier nimmt, steht das Unheil schon vor der Tür: Die Künstlerin als Seismograf für politische Erschütterungen – so muss man sich wohl die Arbeiten der Herrschinger Künstlerin Patricia Wolf vorstellen. Wolf stellt vier komplexe kreisförmige Arbeiten (Assemblages und Tondos) im Sitzungssaal des Rathauses aus. Die Werke setzen sich mit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen auseinander. Die Künstlerin legt – auch das eine politische Aussage – Wert auf die Feststellung, dass die vier Arbeiten nicht politisch sind. „Denn sonst dürften die hier gar nicht hängen.“ Die Vernissage im Rathaus fand zielgenau am 65. Geburtstag der Künstlerin statt.
Der Hintergrund dieser Klarstellung: Der Gemeinderat hatte 2018 beschlossen, dass in gemeindlichen Liegenschaften keine politischen oder politisch konnotierten Veranstaltungen stattfinden dürfen. Und schon gar nicht in dem Raum, der Keimzelle aller kommunalpolitischen Entscheidungen ist – im Ratssaal.
Selbstverständlich ist eine Ausstellung über verfolgte Künstler, die wegen ihrer Werke und wegen ihrer Abstammung Zielscheibe der Herrschenden waren, politisch, was denn sonst. Genau deshalb heißt die kleine Schau auch „Zielscheibe“. Der Rezensent erinnert sich jedenfalls nicht daran, dass Bilder im Rathaus je eine so dezidiert politische Aussagekraft hatten.
„Diese Arbeit hier“, sagt Wolf bei der Vernissage und deutet auf das Tondo mit dem Wort Flucht hin, „habe ich mit Sand, mit Gold und grauer Farbe überzogen, damit man den Weg sieht. 1937 haben die Nazis im Hofgarten die Ausstellung Entartete Kunst gemacht. Und viele Künstler, die als „entartet“ diffamiert wurden, mussten ja fliehen, weil sie nicht mehr arbeiten konnten, keine Einkünfte mehr hatten. Viele von ihnen hatten einen jüdischen Glauben und mussten deshalb um ihr Leben fürchten. Die Kunst also war eine Zielscheibe für die Nazis. Die Künstler durften ihre Arbeiten nicht mehr zeigen. Und genau diese Tendenzen gibt es auch heute wieder. Die AfD würde die Kunst am liebsten abschaffen, vor allem die kritische Kunst. Alle schönen Blümchen und Berge dagegen sind im Kunstverständnis der Rechten willkommen.“

Die Arbeiten von Patricia Wolf sind auf Fliegengitter gestickt, also transparent, und je nach durchschimmerndem Hintergrund verändern sie ihre Wirkung. Ein Abstecher in den Sitzungssaal lohnt sich also, man sollte aber ein bisschen Zeit mitbringen für die komplexen Arbeiten. Die Bilder hängen bis 31. August im Sitzungssaal des Rathauses (Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr, Dienstag vom 14 bis 18.30 Uhr).




