BIOGRAFIE SCHREIBEN
Ruhestand, Auszug der Kinder, Abschied, Neuanfang: An Wendepunkten im Leben wächst bei vielen Menschen der Wunsch, die eigene Geschichte festzuhalten. Für die Familie, für sich selbst oder für andere. Doch wie fängt man an? Ich bin Frauke Vangierdegom und Biografin. Ich zeige Ihnen in vier Teilen, wie aus Erinnerungen eine Lebensgeschichte wird. Teil 1 klärt, warum ein Wendepunkt der richtige Zeitpunkt ist. Teil 2 stellt Tagebuchmethoden vor, Teil 3 zeigt, wie Sie den roten Faden finden, und Teil 4, wie Sie dranbleiben und Ihre Geschichte zu Ende schreiben. Jeder Teil enthält eine Übung, mit der Sie sofort beginnen können.
Teil 1: Am Wendepunkt: Warum jetzt die richtige Zeit ist, Ihre Geschichte zu erzählen
Der Schreibtisch ist leer geräumt, die Abschiedsrede gehalten, die Blumen liegen im Auto. Und plötzlich ist da diese Frage: Was war das eigentlich, mein Leben bis hierher? Und was soll noch kommen? Viele Menschen über 50 kennen solche Momente. Der Ruhestand beginnt, die Kinder sind aus dem Haus, eine Ehe endet, ein Elternteil oder der Partner stirbt. Solche Scheidepunkte fühlen sich oft wie ein Bruch an. Sie sind aber zugleich eine Einladung innezuhalten, zurückzuschauen und neu zu sortieren. Genau dafür ist das Schreiben der eigenen Biografie ein kraftvolles Werkzeug.
Warum gerade jetzt? Wer am Wendepunkt steht, hat einen besonderen Blick auf das eigene Leben. Der Abstand zu früheren Jahrzehnten ist groß genug, um Zusammenhänge zu erkennen. Gleichzeitig sind die Erinnerungen lebendig, und die Menschen, die sie teilen, sind oft noch erreichbar. Wer schreibt, gewinnt Klarheit über drei Fragen: Was hat mich geprägt? Was hat mich getragen? Was nehme ich mit in den nächsten Abschnitt?
Die eigene Geschichte aufzuschreiben ist deshalb weit mehr als Nostalgie. Es ist eine Standortbestimmung
Für wen schreiben Sie?
Bevor Sie die erste Zeile schreiben, steht eine Entscheidung an, die viele überspringen: Für wen ist Ihr Text gedacht? Die Antwort bestimmt alles Weitere. Schreiben Sie für Kinder und Enkel, steht das Vermächtnis im Vordergrund: Woher kommt unsere Familie, welche Werte haben uns geleitet, welche Geschichten sollen nicht verloren gehen? Schreiben Sie für sich selbst, dürfen Sie ehrlicher sein, auch mit Zweifeln, Brüchen und offenen Fragen. Hier geht es um Verstehen und Verarbeiten.
Schreiben Sie für die Öffentlichkeit, brauchen Sie einen erzählerischen Bogen, der auch Fremde fesselt. Die meisten Menschen mischen diese Motive. Entscheidend ist, dass Sie Ihre Hauptrichtung kennen. Sie legt fest, was Sie erzählen, was Sie weglassen und wie offen Sie werden.
Erinnerung braucht einen Schlüssel
Viele scheitern bereits am leeren Blatt und dem Satz „Ich wurde am … geboren“. Erinnerung funktioniert anders. Sie folgt keinem Kalender. Sie springt an, wenn ein Auslöser sie weckt: ein altes Foto, der Geruch von Bohnerwachs, ein Lied aus dem Radio, der Stoff einer Kittelschürze. Nutzen Sie diese Schlüssel bewusst. Holen Sie die Kiste mit den Fotos hervor. Besuchen Sie den Ort Ihrer Kindheit. Legen Sie die Schallplatte auf, zu der Sie zum ersten Mal getanzt haben. Notieren Sie, was dabei auftaucht, ungeordnet und ohne Anspruch an Stil.
Besonders wirksam sind gute Fragen. In meiner Arbeit als Biografin erlebe ich immer wieder, wie eine einzige präzise Frage eine Tür öffnet, die jahrzehntelang verschlossen war. Plötzlich ist sie wieder da: die Küche der Großmutter, der Streit am Heiligabend, der Mut beim ersten Vorstellungsgespräch. Fragen wirken, weil sie die Erinnerung lenken, statt sie dem Zufall zu überlassen.
Erzählen Sie, bevor Sie schreiben
Vielen Menschen fällt das Sprechen leichter als das Schreiben. Nutzen Sie das. Erzählen Sie einem vertrauten Menschen eine Episode aus Ihrem Leben und nehmen Sie das Gespräch mit dem Smartphone auf. Ein aufmerksames Gegenüber fragt dort nach, wo Sie selbst weitergehen würden: Wie hat es dort gerochen? Was haben Sie damals gedacht? Wer war noch dabei? In diesen Nachfragen stecken oft genau die Details, die eine Erinnerung lebendig machen. Die Aufnahme dient Ihnen später als Rohfassung, die Sie in Ruhe abschreiben und bearbeiten. So entsteht Ihr Text Schritt für Schritt, ohne den Druck des leeren Blattes.
Ihre Übung für die nächsten Tage:
Nehmen Sie sich an fünf Tagen jeweils 15 Minuten Zeit. Beantworten Sie pro Tag eine Frage, von Hand und ohne Korrektur:
1. Welcher Raum Ihrer Kindheit ist Ihnen am deutlichsten im Gedächtnis? Beschreiben Sie ihn mit allen Sinnen.
2. Welcher Mensch hat Sie vor Ihrem 20. Lebensjahr am stärksten geprägt, und wodurch?
3. Welche Entscheidung hat Ihr Leben in eine neue Richtung gelenkt?
4. Wann waren Sie zuletzt richtig stolz auf sich?
5. Was möchten Sie im nächsten Lebensabschnitt anders machen als bisher?
Lesen Sie Ihre Antworten am Ende der Woche in Ruhe durch. Achten Sie darauf, welche Themen wiederkehren. Oft zeigt sich schon hier ein erster roter Faden.
- Weitere Impulsfragen, sortiert nach Lebensphasen, finden Sie in meinem kostenlosen Fragenkatalog unter www.textundleben.de.
- Im zweiten Teil der Reihe geht es um das Tagebuch als Rohstoffquelle: welche Methoden es gibt, wie Sie die passende finden und wie aus Notizen wertvolles Material für Ihre Lebensgeschichte wird.



