Von Susanne Böllert
Reinhold Neven Du Mont, der in Köln mehr als drei Jahrzehnte lang den Buchverlag Kiepenheuer & Witsch leitete, macht seiner Wahlheimat Herrsching ein großes Geschenk und stellt im Herbst bislang unbekannte Werke seines Großvaters Franz von Lenbach aus.
Das Mädchen, das sein Holzpferdchen hinter sich herzieht, mag zwei Jahre alt sein, höchstens drei. Es blickt aus blauen Augen dem Betrachter gerade ins Gesicht. Die Wangen sind pausbäckig und gerötet. Vielleicht ist es gerade noch herumgetollt, bevor es der Vater mahnte, einmal still zu stehen. Um den Hals trägt es eine dünne Perlenkette, ein Träger seiner weißen Bluse ist verrutscht und hängt über dem Ärmchen. Wann sie denn wieder losziehen darf, scheint die Kleine ihren Vater und Porträtisten still zu fragen.
Franz von Lenbach hat Gabriele und ihr Pferdchen 1901 gemalt, in Öl auf Leinwand, nur drei Jahre vor seinem Tod. Gabriele ist Lenbachs jüngste Tochter, geboren 1899, da war der Vater bereits 63 Jahre alt. Und sie ist die Mutter von Reinhold Neven Du Mont, dem letzten lebenden Enkel des berühmtesten Münchner Malers im 19. Jahrhundert.
Neven Du Mont ist 1936 geboren, exakt 100 Jahre später als sein Großvater
1936, genau 100 Jahre nach seinem Großvater geboren, hat Neven Du Mont nicht nur den aufmerksamen Blick aus blauen Augen geerbt. Sondern auch all die Geschichten und Anekdoten, die Gabriele ihm viele Jahre später über den verehrten Vater erzählte, der sie nur kurz, aber intensiv geliebt habe. Geerbt hat der Enkel außerdem um die hundert Werke Lenbachs, die bislang nie ausgestellt worden sind. Manche sind unvollendet, einige Skizzen geblieben, viele zeigen intime familiäre Szenen und ähneln den Fotos, die stolze Handy-Eltern heute von ihren Kindern schießen.

„Nun, mit bald 90, habe ich mich entschlossen, diese Bilder aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken“, erklärt Neven Du Mont. Mit den Worten „Sie können ja nicht wissen, welcher Schatz in Ihrer Gemeinde schlummert“, habe er Christian Schiller vor einiger Zeit von seiner Idee unterrichtet, die Werke erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Bürgermeister erkannte schnell die Bedeutung einer solchen Enthüllung und holte den Herrschinger Kulturverein an Bord.
Böll, Biermann, Uwe Timm und Salman Rushdi zählten zu seinen Autoren
Neven Du Mont lebt mit seiner aus Heidelberg stammenden Frau Pe-Lin und dem kleinen Sohn am Rande von Herrsching in einer stattlichen Villa aus den 1930er Jahren. Bis 2001 hatte er in Köln den Buchverlag Kiepenheuer & Witsch geleitet und zeitkritische deutschsprachige Autoren verlegt. Darunter Böll, Biermann, Wallraff, Uwe Timm, Dieter Wellershoff oder Eva Menasse. Zu seinen internationalen Autoren zählten Gabriel García Márquez, Le Clézio oder Salman Rushdi. Die „Satanischen Verse“ des mit einer Fatwa belegten Iraners zu veröffentlichen, war auch für den Verleger riskant.

Heute empfängt er mich im Idyll seines parkähnlichen Gartens. „Die Bilder sind sorgsam in Bläschenfolie verpackt, vor Licht und Feuchtigkeit geschützt“, erklärt der 89-Jährige und bedauert: „Ich schaue sie mir selbst viel zu selten an.“ Die Ausstellung im Kurparkschlösschen sowie der umfangreiche Katalog dazu, den die Fotoingenieurin Pe-Lin und der Leihgeber in diese Wochen gestalten, sollen nun aber den berühmten Großvater angemessen ehren, ihn von einer neuen, privateren Seite zeigen.
Dieser, 1836 als 13. Kind eines Maurermeisters in Schrobenhausen geboren, verdankte seinen Durchbruch nicht zuletzt der frühen Förderung durch den Sammler und Mäzen Adolf von Schack. Der hatte ihn nach Italien geschickt, wo der junge Lenbach die großen Meister kopierte und das Handwerk der Malerei von der Pike auf erlernte. Als begehrter Portraitmaler des Adels sowie des emporgekommenen Bürgertums brachte Lenbach es in München selbst zu Berühmtheit und Wohlstand. Ihm wurde sogar die Ehre zu teil, Papst Leo XIII. zu portraitieren.
Lenbach verband eine Männerfreundschaft mit Bismarck
„Mit Otto von Bismarck verband meinen Großvater eine Männerfreundschaft. Ganze 83 Mal hat er ihn portraitiert“, erklärt sein Enkel. Bismarck habe eine würdige Uniform angezogen, sich auf einen prächtigen Stuhl gesetzt und bedeutungsvoll geschaut, damit der Freund ihn angemessen malen könne. Neven Du Mont erzählt es ganz so, als sei er als kleiner Junge im großväterlichen Atelier hinter Staffeleien und Leinwänden versteckt gewesen.
Bei den Werken indes, die von 17. Oktober bis 8. November im Schlösschen zu betrachten sein werden, handelt es sich nur zum Teil um Lenbachs berühmteste Gemälde. Darunter das Palastinterieur in Kairo sowie das Bildnis eines Arabers, die er nach seiner Ägyptenreise 1876 vollendete. Interessanter noch mögen die unbekannten Bilder sein, die der Enkel nun endlich aus der Bläschenfolie wickeln wird – und die ihm selbst viel verraten haben über den berühmten Großvater, die Großmutter Lolo sowie die behütete Kindheit der Mutter, die sie in München sowie in der Villa Lenbach in Söcking verlebte.
Hierhin brachte Gabriele nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre eigenen Kinder in Sicherheit vor den Bomben, die Köln in Schutt und Asche legen sollten. „Das Haus war voll von Lenbach. Überall seine Bilder und Möbel. Es roch nach Lenbach“, erinnert sich Neven Du Mont an eine glückliche Zeit, die mit 13 Jahren abrupt enden sollte: „Der Krieg war vorbei, wir mussten zurück. Für mich war es ein Sturz aus einem paradiesischen Bayern in ein zerstörtes Köln.“
Im Schlösschen werden intime Momente einer kleinen Familie gezeigt
Heute, zurückgekehrt in die mütterliche Heimat, lässt Neven Du Mont das Erbe seines Großvaters in neuem Licht erscheinen, zeigt ihn als fürsorglichen Familienmenschen. So nennt Kuratorin Catharina Geiselhart die Ausstellung auch „Entdeckungen – Unbekannte Werke von Franz von Lenbach.“ Diese nämlich lassen den Betrachter teilhaben an intimen Momenten einer kleinen Familie. Wenn Lolo sich zärtlich über die wenige Monate alte Gabriele beugt und fasziniert die Tochter betrachtet, schnurrt die Zeit zusammen. Die hier um die Jahrhundertwende auf Leinwand gebannte Liebe ist ja dieselbe, die Mütter heute fühlen.
Dabei bringen die Gemälde, darunter natürlich auch das von Gabriele mit ihrem Pferdchen, eine weitere Facette des ehrwürdigen Porträtisten ans Licht, die „Lolo und Gabriele stets abgelehnt haben, wir rühren hier an ein echtes Familientabu“, verrät der Enkel schelmisch. Lenbach nämlich habe sich gern der Fotografie bedient, um seine viel beschäftigten Kunden lebensecht malen zu können – ohne ihnen dafür zu viele Portraitsitzungen abringen zu müssen. Was als Fortschrittlichkeit und Technologieoffenheit gewertet werden könnte, erschien Witwe und Tochter wohl als trivial. Gefallen habe es ihnen jedenfalls nicht, weiß Neven Du Mont. Dabei ist es faszinierend zu sehen, wie etwa das Gemälde Franz von Lenbach mit Frau Lolo und Töchtern Marion und Gabriele mit der Original-Fotografie korrespondiert: Auf beiden huscht der Vater noch schnell ins Bild, bevor der Selbstauslöser funktioniert. Lenbach als früher Selfie-Jäger also.
Weitere Informationen zu der Ausstellung und zum Begleitprogramm folgen auf herrsching.online.




