Das „Stilt“: Ein Stelzenhaus aus und für Herrsching

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  • so könnte das Stilt im Wald aussehen. Das tiny house auf Stelzen haben die Herrschinger Antonia Cruel und Max Seeberger entwickelt.
    Ruhe und Erholung finden Stilt-Bewohner besonders gut, wenn das Stelzenhaus im Wald aufgestellt wird. Ein Vorteil des tiny houses drei Meter über dem Boden: Es zieht keinen Flächenverbrauch nach sich. Copyright: Stiltlife GmbH
  • So könnte sich das autarke Stelzenhaus im urbanen Kontext ausmachen.
  • Selbst Hochwasser könnte dem Stilt nichts anhaben, wie das Rendering zeigt.
  • Derzeit wird der Innenausbau des Stilt-Prototypen vorangetrieben.
    Derzeit wird der Innenausbau des Prototypen vorangetrieben. Copyright: Stiltlife GmbH

Von Susanne Böllert

Das Ziel: innovativen und regenerativen Lebensraum für Menschen zu schaffen, ohne dafür Lebensraum für Tiere oder Pflanzen zu zerstören. Die Lösung: das „Stilt“, ein drei Meter über dem Boden schwebendes Häuschen, das auf Teleskopstelzen thront. Die Erfinder: Antonia Cruel und Max Seeberger aus Herrsching. Ihr Wunsch: ein Grundstück für den Prototypen in ihrer Wahlheimat zu finden, um das Stelzenhaus hier ausgiebig zu testen.

Die in Tölz geborene Architektin und der aus Bamberg stammende Wirtschaftsingenieur haben das Wohnen auf kleinstem Raum selbst schon ausprobiert: In der Corona-Zeit lebte das Paar monatelang in einem umgebauten, über einem fränkischen See schwebenden Schiffscontainer. Das Pandemie-Experiment, so minimalistisch und naturnah wie möglich zu leben, scheint geglückt. Und zwar derart, dass die beiden inzwischen nicht nur eine kleine Familie gegründet, sondern damals schon die ersten Entwürfe für ihr mobiles Stelzenhaus ausgearbeitet haben.

Antonia Cruel und Max Seeberger sind die Gründer der stiltlife GmbH in Herrsching und haben ein tiny house auf Stelzen entwickelt
Antonia Cruel (32) und Max Seeberger (36) suchen in Herrsching ein Grundstück, um ihr Stelzenhaus zu testen. Deswegen haben sie jetzt im Bauausschuss das Konzept von Stiltlife vorgestellt.

Das „Stilt“, wie Cruel und Seeberger ihre von Bayern Innovativ sowie dem Bundeswirtschaftsministerium geförderte Erfindung nennen, ist längst mehr als eine Idee: Der 3,5 Tonnen leichte, sieben Meter lange, vier Meter hohe und 2,50 Meter breite Prototyp ist fertig gebaut und hat seine Testaufstellung auf einem Andechser Bauernhof bereits hinter sich. Derzeit befindet er sich in der Werkstatt, wo der Innenausbau und die Elektrik noch den letzten Schliff erhalten.

Stiltlife sucht optimalen Teststellplatz für das Häuschen auf Stelzen

So bald wie möglich, möchten die Gründer der Stiltlife GmbH&CoKGH ihr Stelzenhaus nun unter realen Bedingungen testen. „Es geht zum einen um die wirtschaftliche und technische Umsetzbarkeit“, erklärt Max Seeberger, „zum anderen um den sozialen Faktor. Wie wohl fühlen sich die Bewohner im Stilt und in Bezug auf ihre Umgebung? Und als dritten Punkt wollen wir den angenommenen ökologischen Nutzen sowie den Klimaresilienz-Aspekt des Stelzenhauses im Betrieb testen.“

Stiltlife befindet sich bereits in Verhandlungen mit einigen Herrschinger Privatleuten, die ein Grundstück für die temporäre Aufstellung zur Verfügung stellen würden. Benötigt sind etwa 50 Quadratmeter, der Testzeitraum soll sich auf ein bis zwei Jahre belaufen. Um in der Ammersee-Gemeinde, in der das Paar seit zwei Jahren lebt, aber wirklich den optimalen Aufstellungsplatz zu finden, haben Antonia und Max ihr mobiles Wohnprojekt nun auch dem Bauausschuss vorgestellt. Der zeigte sich gegenüber der „regenerativen Wohninnovation“ durchaus offen und interessiert. Vor allem der Aspekt, dass das Stilt ganz im Sinne der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie keine Flächenversiegelung nach sich zieht, sondern etwa über bestehenden Parkplätzen oder auch auf Wald- und Wiesenboden aufgestellt werden kann, fand Anklang bei den Gemeinderäten.

„Ich finde die Idee sehr cool“, lobte Karin Casaretto (Die Grünen), die sich schon als Pro-Natur-Gründerin und im Wahlkampf als Bürgermeisterkandidatin intensiv gegen weitere Versiegelungen ausgesprochen hat. „Das Stelzenhaus könnte vor allem für junge Menschen eine gute Wohnalternative sein“, glaubt sie. Christiane Gruber von der Bürgergemeinschaft Herrsching plädierte indes dafür, die wenigen freien Gemeindegrundstücke eher für bezahlbaren Wohnraum zu nutzen, anstatt für ein Projekt, das sie eher an Glamping (also „glamouröses Camping“) erinnere. Ob das Stilt nicht besser für Campingplätze in der Umgebung geeignet sei?

Unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten – Errichtung braucht keine Baugenehmigung

Tatsächlich, so erklären es seine Erfinder, eigne sich das auf Baumkronen-, beziehungsweise Erster-Obergeschoss-Höhe befindliche Stilt für unterschiedliche Zwecke. So hätten sie bereits mehrere Anfragen von Campingplätzen oder Seminarorten erhalten, besonders aus Österreich und Italien, die ihr Übernachtungsangebot durch das mobile Stelzenhaus erweitern wollten. Das Stilt ließe sich genauso gut von Privatleuten im Garten aufstellen und hier als externes Büro oder Gästezimmer nutzen. Es sei eine Alternative für Ferien auf dem Bauernhof sowie in ländlichem, aber auch urbanem Umfeld durchaus geeignet, um dauerhaft darin zu leben, da es, was die Wasser- und Stromversorgung angehe, komplett autark sei. Besonders in Städten spielen Platznot und Nachverdichtungsdruck eine immer größere Rolle.

Die Kaufkosten variieren je nach Ausstattung zwischen 80.000 und 120.000 Euro. Wie teuer eine Übernachtung wäre, sei dann Sache des jeweiligen Betreibers, erklärte Seeberger im Bauausschuss. Besonders wichtig sind ihm und seiner Partnerin ein weiterer Vorteil ihres mobilen Mini-Hauses gegenüber konventionellem Wohnen: Mit seinen 65 Kubikmetern ist der Prototyp ohne Baugenehmigung aufzustellen. Erst bei einem Raumvolumen von mehr als 75 Kubikmetern wird ein Bewilligungsverfahren nötig. Und anders als eine Microarchitektur am Boden kann das Stelzenhaus auf demselben Grundstück auch problemlos versetzt werden. „Es ist in vier Stunden auf-, bzw. abbaubar“, ergänzte Antonia Cruel.

Die verwendeten Materialien sind ausnahmslos nachwachsende und naturnahe Baustoffe wie die portugiesische Korkeiche für die Außenwände, österreichische Schafwolle für die Dämmung sowie nachhaltig angebaute Fichte für die Innenwände in Holzständerbauweise sowie den Innenausbau. „In die offenporige Korkfassade haben wir Vogelnistplätze eingebaut, außerdem werden hier viele Insekten einziehen“, sind die zwei überzeugt. Und: „Wird das Stilt in der Natur aufgebaut, bildet sich dank des reduzierten Feuchtigkeitseintrags der für die Biodiversität wertvolle Magerrasen.“

Ob sich all diese Annahmen bewahrheiten, nach denen das Stelzenhaus von Antonia und Max nicht nur Wohnraum für Menschen schafft, sondern auch für Flora und Fauna einen wertvollen Beitrag leistet, anstatt sie zu schädigen? Das soll die Testung nun zeigen. Und wer weiß? Vielleicht verbringen Sie ja auch einmal eine Nacht im Stilt-Prototypen?

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