Großes Kino für den Kreis

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Matthias Helwig Foto: Jan Roeder

Die Idee der Breitwand-Kinos ist nun 40 Jahre alt. Betreiber Matthias Helwig ist eine Licht-Gestalt für Cineasten.

Von Susanne Böllert

Fürs Breitwandkino im Kreis Starnberg ist noch lange nicht Schluss – auch wenn der Betreiber selbst seinen 66. Geburtstag neulich schon gefeiert hat. Udo Jürgens‘ Gassenhauer gilt jedenfalls nicht für Matthias Helwig: „Bei mir hat das Leben nicht erst mit 66 angefangen. Es war auch davor ein sehr schönes und glückliches Leben, wenn auch von einer zunehmend schwierigen Branche stark beeinflusst.“ Helwig hat in der Kinolandschaft Deutschlands drei wichtige Namen platziert: Die Breitwand-Kinos in Gauting, Starnberg und Seefeld sind klingende Namen unter Cineasten. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass die Fünfseenland-Bewohner zwischen ungewöhnlich vielen Kinos in ihrer Region wählen können. „Ich bilde mir ein, ich hätte etwas mit diesem wahrscheinlich sogar deutschlandweit einzigartigen Angebot für Cineasten zu tun,“ scherzt Matthias Helwig. Immerhin war er es, der vor 40 Jahren gleichermaßen blauäugig wie leidenschaftlich die Breitwand-Ära im Landkreis Starnberg eingeläutet hat. Sogar in Herrsching gab’s mal ein Arthouse.

Nur eine traurige Nachricht kann uns Matthias Helwig nicht ersparen: Dass die Herrschinger Filiale zurückkehrt, die bis 2018 auch das Kulturleben am Ammersee-Ostufer bereichert hat, sei aufgrund der hohen Kinodichte rundherum allerdings sehr unwahrscheinlich, erklärt Helwig im Interview mit herrsching.online. Auch das in Zeiten von Netflix & Co insgesamt sinkende Interesse an Filmgenuss fernab der Wohnzimmercouch macht wenig Hoffnung auf Neueröffnungen. So zählte man 2017 bundesweit noch 150 Millionen Kinobesucher im Jahr, seit 2024 dümpelt die Zahl bei um die 90 Millionen.

Wenn sich der hochgewachsene Mann mit dem silbergrauen Haar an das Jahr 1986 erinnert, in dem er das Film-Casino in Gilching übernahm und in Breitwand Kino umtaufte, muss er lachen. Laut und herzlich. „Kinobesitzer zu werden, war wahrlich nicht mein Kindheitstraum! 1984 wollte ich eigentlich nur meinen Abschlussfilm in meiner Stadt zeigen. Ich war Absolvent der Münchner Filmhochschule, ein Mitzwanziger in Birkenstocks und Strickjacke, und musste einsehen, dass die Vorführung meines Films meine finanziellen Mittel deutlich überstieg.“ Das Jobangebot „Filmvorführer“, das ihm Film-Casino-Betreiber Willy Velten stattdessen machte, kam dem jungen Vater dafür umso gelegener. „Die Arbeit war wirklich langweilig“, verweigert Helwig dem inzwischen ausgestorbenen Beruf jede nachträgliche Verklärung. Denn: „Wir haben immer nur einen Film pro Woche gezeigt, den hat man ein-, zweimal gesehen und saß ansonsten an der Kasse ‚rum und hat auf die Leute gewartet.“

Als Velten zwei Jahre später tödlich verunglückte, bewarb Helwig sich um die Nachfolge. Veltens Witwe sowie die Bank ließen sich von der tiefen Liebe des Filmvorführers zum Kino überzeugen. Sie schenkten Vertrauen, gewährten Kredit. Zu verdanken hatte Helwig die „Obsession Cinema“ seinem früh verstorbenen Vater, an dessen Seite er noch als Kind im Dunkeln der Kinosäle die „Macht der Bilder“ erfuhr, die heute noch auf ihn wirkt. Schnell gelang es Helwig, mit seinem Lichtspielhaus, dem ersten Programmkino im Westen Münchens, Maßstäbe zu setzen: Schon 1987 erhielt das Arthouse-Kino, in dem bald auch Kinderfilme und von Anfang an Filmklassiker liefen, Matineen und Kultur-Events veranstaltet wurden, die ersten bayerischen sowie bundesweiten Kinoprogrammpreise.

1998 musste Helwig sein erstes Haus schließen, 1999 folgten aber bereits die Breitwand Kinos im Schloss Seefeld und in Herrsching, für das 2018 der Mietvertrag auslief. 2002 eröffnete das Breitwand Starnberg, 2016 das Kino in Gauting mit fünf Sälen und Restaurant. Die Kinos sind im Laufe der Zeit dutzendfach ausgezeichnet worden, auch als Bestes Kino Bayerns und Deutschlands. 2007 gründete Helwig außerdem das Fünf Seen Filmfestival (fsff), das zu den größten seiner Art in Süddeutschland zählt.

Unter Helwigs fünf Kindern und sieben Enkeln hat sich aber bislang niemand gefunden, der einmal in seine Fußstapfen treten möchte. „Die Kinder habe ich, als sie klein waren, vielleicht zu sehr eingespannt. Ein Bankdirektor verlangt jedenfalls von seinem Nachwuchs nicht, Plakate zu kleben.“ Da ist es wieder, das laute, herzhafte Helwig-Lachen.

20 Jahre Filmfest feiern er und seine treue Crew diesen Sommer. Zwischen dem 3. und 19. August gibt’s wieder Open Air Kino im Seebad Starnberg. Vom 3. bis 13. September steigt das Hauptfestival  in Starnberg, Gauting, Seefeld und auch Weßling. Häufig wiederholte Drohungen, das fsff nicht mehr leiten zu wollen, hat Helwig glücklicherweise noch nicht wahrgemacht. Auch sein Versprechen, die Breitwandkinos noch eine ganze Weile führen zu werden, wird der Filmliebhaber sicher nicht brechen. Stattdessen lädt er am Sonntag, 28. Juni, ein, ausgewählte Filme zu Preisen von 1986 anzusehen: Ein Kinobesuch kostete damals 7,50 DM.


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