CSU-SPD-Mehrheit im Bauausschuss zündet den Bauturbo im Außenbereich von Widdersberg/Mitten auf der Wiese könnte ein Mehrfamilienhaus entstehen/Gemeinde will vergünstigte Wohnungen für Herrschinger Bürger vertraglich festschreiben///
Der neue Bauturbo könnte im Wortsinn neue Räume schaffen. Sicher aber ist jetzt schon, dass er in den Gemeinden auch Streit und Verwirrung stiftet. Das ließ sich im Bauausschuss des Gemeinderates beobachten: In einer formlosen Anfrage wollte ein möglicher Investor wissen, ob er in Widdersberg mitten in einer landwirtschaftlichen Fläche ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen bauen könne. Das Grundstück befindet sich im Außenbereich, in dem eigentlich nur die Landwirtschaft bauen darf. Der Bauausschuss aber zog den neuen Paragrafen 246e aus dem Hut und signalisierte: Könnten wir uns vorstellen.

Allerdings steckt in der Zustimmung auch eine Kröte für den Bauherrn: Er müsste mit der Gemeinde einen städtebaulichen Vertrag abschließen, in dem er sich verpflichtet, 30 Prozent der Wohnfläche auf 30 Jahre vergünstigt an Herrschinger Bürger zu vergeben. Der Bauturbo, viel gerühmt als Verdichtungstool im Ortskern, könnte so zur Zersiedelung der Landschaft beitragen. Außerdem, so sagt es die Verwaltung selbst, könnte das neue Projekt neue Begehrlichkeiten anderer Bauinteressenten wecken.
Einen Wildwuchs in der Pampa will man mit einer konkreten Bestimmung verhindern: Mehr als 100 Meter von einer Bebauung darf das neue Gebäude nicht entfernt sein. Außerdem dürfe der östlich angrenzende landwirtschaftliche Betrieb in seinen Entwicklungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt werden.
Die neue Gemeinderätin Karin Casaretto (Grüne) brachte einen eher grundsätzlichen Vorschlag in die Debatte ein, der bei der CSU und der SPD allerdings auf wenig Gegenliebe stieß: Sie forderte neue Leitlinien in der Gemeinde, die klar regeln sollten: In diesen Gebieten darf der Bauturbo angewandt werden, auf anderen Flächen nicht. Casaretto deutete an, dass andere Städte und Gemeinden ähnliche Leitplanken errichten wollen. Wolfgang Schneider war gegen solche Turbo-Kartierungen: „Ich möchte nicht, dass wir Flächen für den Bauturbo ausweisen.“ Auch CSU-Rat Bischeltsrieder hielt nichts von dem Vorschlag: „Das funktioniert nicht, weil die Grundstücke alle verschieden sind.“
Gemeinderat Welsch (Grüne) mahnte an, dass die Gemeinde ihre Gestaltungsmöglichkeiten nicht aus der Hand geben sollte. Er brachte deshalb wieder Bebauungspläne ins Gespräch. Außerdem sollte bei Ausnahmegenehmigungen à la Bauturbo der Mehrwert der Gemeinde zugute kommen. Wenn die Gemeinde nicht gestalte, sehe es bald aus „wie Kraut und Rüben“.
Bei der Beschlussfassung war dann von planerischem Ehrgeiz nicht mehr die Rede – das Vorhaben kann also dank der Bauturbo-Paragrafen verwirklicht werden: Mit der fast schon in Beton gegossenen Mehrheit von sechs zu drei Stimmen bekam das Projekt ein vorläufiges Go. Die Grünen Welsch und Casaretto sowie Susanne Hänel von der BGH stimmten nicht zu. Casaretto deutete an, dass man das Thema in den Gemeinderat holen und dort noch einmal diskutieren wolle.



