Es ist kein Blick zurück in Altersmilde: Der Grüne Hans-Jürgen Böckelmann gehört nach 24 Jahren dem Gemeinderat nicht mehr an. Hat sich der Einsatz gelohnt, war die mühselige Arbeit für die Katz? Seine persönliche Bilanz nach fast einem Vierteljahrhundert am Ratstisch fällt zwiespältig aus. Der Grüne Böckelmann hatte schon einmal die Ehre, als Zweiter Bürgermeister die Gemeinde zu vertreten. Im neuen Gemeinderat verweigerte eine konservative Mehrheit den Grünen einen Stellvertreter-Posten. Wäre vielleicht auch schwierig geworden, weil der Erste Bürgermeister Schiller nach Böckelmanns Einschätzung „nach rechts gerückt ist“. Positiv Böckelmanns Fazit als Baumschutzbeauftragter: „Die damals gültige Baumschutzverordnung konnte Bäume erhalten.“ Die Irrungen und Wirrungen in der Gemeindepolitik hatten sich sogar in der eigenen Familie niedergeschlagen: Gemeinderat Böckelmann war für ein Betonparkhaus am Bahnhof, seine Frau dagegen. Bleibt die Frage: Wieviele Jahre haben sich gelohnt im Gemeinderat, Herr Böckelmann?
herrsching.online: 24 Jahre im Gemeinderat, wieviele Jahre haben sich gelohnt?
Böckelmann: Wahrscheinlich die Hälfte. Die ersten sechs Jahre waren natürlich spannend, weil die neue Bürgermeisterin Christine Hollacher viele Ideen hatte, die wir versucht haben umzusetzen. Wir in der Grünenfraktion waren zu zweit, und 18 andere Gemeinderäte saßen noch am Tisch, 20 insgesamt, weil Herrsching noch unter 10 000 Einwohner hatte. Komisch ist und war schon immer, dass der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin Chef der Verwaltung und gleichzeitig Vorsitzender des Gemeinderates ist, also eines Gremiums, das die Verwaltung kontrollieren soll. Eigentlich ganz ungut…
herrsching.online: Das ist ein Geburtsfehler der Gemeindeordnung?
Böckelmann: Ich habe das immer mal wieder thematisiert, aber ich kann ja die Gemeindeordnung allein nicht ändern. Diese Regelung ist bayernweit gültig. Das ist eine so eigenartige Konstruktion wie bei der Feuerwehr, die ehrenamtlich tätig ist und gleichzeitig gesetzlich verpflichtet wird, den Dienst zu leisten.
herrsching.online: Ein Beamter, der durch eine demokratische Instanz kontrolliert wird, aber selbst mitdiskutieren und mit abstimmen darf, eine eigenartige Konstellation…
Böckelmann: Nicht nur das, der Bürgermeister gibt alle Themen vor und hat damit alles in der Hand.
herrsching.online: Noch einmal zu Ihren ersten sechs Jahren als Zweierfraktion: Haben die anderen Fraktionen mit den Grünen gefremdelt?
Böckelmann: Damals gab’s noch andere Eigentümlichkeiten. Weil Vater und Sohn nicht im Gemeinderat sitzen durften, musste damals der SPD-Mann Schief sich zurückziehen, weil sein Sohn für den Gemeinderat kandidiert hatte. Der Vater hatte sich sozusagen geopfert. Später ist er wieder in den Gemeinderat zurückgekehrt. Mittlerweile ist es ja zulässig, dass mehrere aus einer Familie kandidieren.
herrsching.online: Was habt Ihr beiden Grünen denn vollbracht im Gemeinderat?
Böckelmann: Zum Beispiel das Sammeltaxi. Helene Falk hatte alles durchgeboxt, aber die Taxler wollten nicht mitmachen. Was in Fürstenfeldbruck gelungen war, konnte mit den Taxi-Unternehmen in Herrsching nicht durchgesetzt werden.
herrsching.online: Wann sind Sie Zweiter Bürgermeister geworden?
Böckelmann: 2008 wurde Christine Hollacher von Christian Schiller abgelöst. Dann ging’s um die Frage: Wer hat genug Zeit für den Posten des Zweiten Bürgermeisters? Ich hatte dann signalisiert, dass ich im August in Ruhestand gehe, also Zeit hätte. Der positive Wahlausgang war für mich als Grünen dann schon nochmal eine Überraschung.
herrsching.online: Wenn Sie den damaligen Christian Schiller mit dem heutigen Bürgermeister Schiller vergleichen: Hat er sich verändert?
Böckelmann: Ja, er ist nach rechts gerückt.
herrsching.online: Was beherrschte damals die Debatten im Gemeinderat?
Böckelmann. Damals war der Mobilfunk ein großes Thema. Es ging bei den Sendemasten um die Strahlungsbelastung für die Einwohner, aber auch um das Ortsbild. Man hat zum Beispiel in Herrsching versucht, einen Plan für die Installierung von Sendemasten über alle Bebauungspläne zu legen. Die Planungen haben sehr viel Geld gekostet, weil es sehr kompliziert war. Und dieser Plan ist dann irgendwann in der Versenkung verschwunden, so wie mancher andere Bebauungsplan auch.
herrsching.online: Und um was ging’s damals städtebaulich?
Böckelmann: Beim Bau des Breitbrunner Kindergarten gab’s mitunter eigenartige Entscheidungen. Wir Grüne hatten die Idee, als Baumaterial Holz zu nehmen. Das gab bei der CSU höhnische Kommentare, so nach dem Motto: So ein Schmarrn. Vier Wochen später kam von der CSU genau dieser Antrag, dem gemeinschaftlich zugestimmt wurde.
herrsching.online: Auch das Projekt Parkhaus am Bahnhof war ein hart umkämpftes Thema. Die Planungen lagen schon vor, da entdeckte die CSU, dass ein Betonmonster kaum mehr Parkplätze bieten würde als ein Bodenparkplatz. Wie haben Sie damals diese Schlacht erlebt?
Böckelmann: Dieses Projekt hat sogar ein Bürgerbegehren ausgelöst, und in unserer Familie war das Meinungsbild auch unterschiedlich: Meine Frau war dagegen, ich war dafür.
herrsching.online: Gab’s noch andere Auseinandersetzungen in Ihrer Familie? Sie, Frau Böckelmann, waren eine ehemalige Gemeinderätin, Sie, Herr Böckelmann, noch amtierend. Da kann es schon mal sein, dass man auf eine hauseigene Opposition trifft…
Böckelmann: Wenn es sehr strittige Themen im Gemeinderat gab, dann war ich immer dafür, dass man ausgleichend argumentiert, mit einem positiven Ausgang für die Gesamtgemeinde. In der Nachbetrachtung muss ich sagen, dass das Parkhaus schon eine monströse Kiste gewesen wäre. Und, da hat meine Frau immer darauf hingewiesen: Der Bau von sozial geförderten Wohnungen wäre dann auch an dieser Stelle nicht mehr möglich gewesen. Aber unabhängig davon schreit dieser Parkplatz danach, dass man über den Parkflächen noch ein Geschoss mit Wohnungen draufsattelt. Aber es gibt wie bei jedem Projekt natürlich rechtliche Probleme, weil der Parkplatz öffentlich gefördert wurde. Da muss man dann verhandeln, bis eine Lösung gefunden wird. Man darf sich nicht ins Bockshorn jagen lassen.
herrsching.online: Viele Bürgermeister haben furchtbare Angst vor rechtlichen Auseinandersetzungen.
Böckelmann: Man darf keine Angst haben vor einer rechtlichen Auseinandersetzung. Aber man darf sich natürlich auch nicht leichtfertig in einen Rechtsstreit treiben lassen, wie es unser ehemaliger Verkehrsminister mit seinen Mautplänen gemacht hat.
herrsching.online: Da sind wir schon im Minenfeld. Sie waren ja auch mal Baumschutzbeauftragter der Gemeinde. Klingt heute irgendwie prähistorisch.
Böckelmann: Ja, mit Frau Ackermann aus dem Gemeinderat, dem Bauhofchef und der Gemeindefachfrau haben wir als Baumschutz-Kommission viele Vor-Ort-Besichtigungen durchgeführt. Meistens ging es um Anträge zur Fällung.
herrsching.online: Konnte die Baumschutzverordnung tatsächlich Bäume schützen?
Böckelmann: Ja, sie konnte Bäume erhalten. Aber der Baumschutzverordnung der Gemeinde, die bis 2017 galt, hat eine soziale Komponente gefehlt. Auch wir hier merken das in unserem Garten. Da stecken schon mal drei- bis viertausend Euro in die Baumpflege.
herrsching.online: Es gab eine spektakuläre Rettungsaktion am Parkplatz des Seehofs direkt an der Promenade. Damals wollte der Seehof schöne alte Bäume abholzen, und selbst der Bürgermeister berief sich damals auf die Baumschutzverordnung.
Böckelmann: Die Arbeit in der Baumschutzkommission hat alle vierzehn Tage einen halben Tag Arbeit gekostet. Ich hatte zwar vom Patentamt frei bekommen, aber meine Arbeit musste ich trotzdem machen.
herrsching.online: Haben Sie mal ausgerechnet, wieviel Zeit und Geld Sie in den 24 Jahren in die Gemeinderatsarbeit gesteckt haben?

herrsching.online: Herr Böckelmann, es gibt gute und schlechte Lehrer, Ärzte, Polizisten. Und natürlich auch Gemeinderäte. Manche Räte bereiten sich gewissenhaft auf die Sitzungen vor, einer guckte in den Sitzungen Sportsendungen auf dem Laptop an. Wie ernsthaft nehmen Gemeinderäte Ihrer Wahrnehmung nach diese Ehrenamtsarbeit?
Böckelmann: Es gab Gemeinderäte, die sich sehr gewissenhaft auf Sitzungen vorbereiteten, zum Beispiel der SPD-Gemeinderat Schief. Und solange man die Unterlagen als Papier bekam, war die Vorbereitung auch überschaubar. Aber seit wir Rechner bekamen, gibt es oft eine Flut von Dokumenten. Wir haben bis zu 500 Seiten Unterlagen als Dateien bekommen. Fleiß, Einfluss und Ideen von einzelnen Gemeinderätinnen und -räten schlagen sich oft nicht in den Wahlergebnissen nieder. Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, dass die CSU-Kandidatin Kodisch-Kraft nicht mehr gewählt wurde, obwohl sie auf dem fünften Listenplatz kandidierte. Dafür wurde ein Mann wiedergewählt, der gefühlt jede zweite Gemeinderatssitzung versäumt hat.
herrsching.online: Wir müssen noch darüber reden, wie sich Herrsching in den letzten 20 Jahren verändert hat. Schauen wir nur in die berühmt-berüchtigte Schönbichlstraße. Auf der einen Seite gilt ein Bebauungsplan, auf der Seite mit den Protzbauten wird nach dem Gummiparagrafen 34 entschieden. Braucht Herrsching wieder mehr Bebauungspläne?
Böckelmann: Nein.
Böckelmann: Ja, auf jeden Fall. Ich habe immer wieder gesagt: Geht runter auf den Parkplatz Ländtbogen und schaut euch den Hang an. Überall da, wo kein Bebauungsplan gilt, wird oft nach dem Motto verfahren: Darf’s ein bisschen mehr sein – und zwar nicht nur 20 Prozent, sondern bis zu 40 Prozent mehr als ein Vergleichsobjekt hergibt, wobei die Mehrung beim Paragrafen 34 die neue Basis bei jedem Folgeprojekt in der Umgebung ist, während beim Bebaungsplan die Basis fix bleibt.
herrsching.online: Ihr letzter Redebeitrag nach 24 langen Jahren klang wie ein Vermächtnis. Es ging um die Umbenennung der NS-belasteten Straßennamen. Sie haben den Anwohnern beider Straßen, die mehrheitlich gegen eine Umbenennung waren, „politische Unempfindlichkeit“ vorgeworfen. Die gesamte grüne Fraktion stimmte dann für eine Umbenennung, Sie haben Ihre Kollegen mitgerissen.
Böckelmann: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man was bewegen kann, wenn man vorher rechtzeitig auf die Leute zugegangen ist.
herrsching.online: Hinterlassen Sie eine große Lücke?
Böckelmann: Nein. Ich bin jetzt eigentlich froh, weil die Arbeit als Gemeinderat eine Frage der eigenen Kräfte ist, die man in meinem Alter gut einteilen sollte.




