



HERRSCHINGER KÖPFE
Balletttänzerin ist kein Beruf. „Es war meine Identität“, sagt Heather. Als Jugendliche tanzte sie am National Ballet of Canada. Mit 19 am Stuttgarter Ballett. Zuletzt am Norske Opera & Ballett, dem norwegischen Staatsballett. Corps de ballet, Demi-Solistin, Solistin. Heather hat alles getanzt. Auf Spitze, auf gebrochenen Füßen. In den zehn Jahren danach hat sich die 37-Jährige eine neue Identität aufgebaut. Als Partnerin, Mutter, Ballettlehrerin. Als Herrschingerin. Bis plötzlich das alte Leben an ihre Tür klopfte: Am Samstag, 14. November, tanzt sie die Constanze, die weibliche Hauptrolle in Mozarts Requiem. Ihre Partner, ihr Choreograph, alles ehemalige Profis. So wie Heather.
Am liebsten würde man mal nachschauen, ob Heather MacIsaac kleine, versteckte Sprungfedern unter ihren Fußsohlen angebracht hat. Sie steht kerzengerade in der neuen Realschulturnhalle und zeigt den Wettkampf-Turnerinnen, bei denen die East-Coast-Studio-Lehrerin heute als Gasttrainerin eingeladen ist, wie man eine Pirouette springt. Wir lernen: Der Körper muss ganz im Lot stehen, weder zu weit nach vorn noch zu weit nach hinten gelehnt, sonst verliert die Tänzerin das Gleichgewicht. Dann springt Heather in die Höhe, dreht erst auf dem Höhepunkt des Sprungs ihren Körper blitzschnell um die eigene Achse und landet lautlos wie auf Samtpfoten. „Am wichtigsten ist aber: Du musst vorher wissen, wo du landen willst, dann gelingt es dir auch“, bläut sie den jungen Turnerinnen ein. Dieser Zusammenhang muss ihr selbst sehr früh bewusst gewesen sein. Ohne diesen klaren Fokus wäre die Ballerina wohl nicht im Scheinwerferlicht der großen Balletthäuser gelandet.
Füße wie aus Marmor
Einige Wochen später beim Interviewtermin darf ich mich vergewissern: Unter den Füßen der Kanadierin sind keine Federn angebracht, da mag sich Heather noch so schön auf „feather“ reimen. Die Füße der 1,65 Meter großen und 48 Kilo leichten Frau mit dem langen blonden Haar fühlen sich indes an wie Marmor. Glatt, kühl, steinhart. Sie stellt sich ins Pliée, die Knie-Innenseiten aneinander gedrückt. Ihre Beine beschreiben ein X. „Das sind perfekte Ballett-Beine, da habe ich Glück gehabt“, sagt Heather ganz sachlich, bevor sie ihren Fuß über den Boden schleifen lässt, zu einem runden Bogen gekrümmt, der Normalsterblichen unmöglich ist.

Natürlich bräuchte es den passenden Körper, die richtigen Proportionen, um im Ballett in die Profi-Liga aufzusteigen, erklärt sie. Aber nicht nur. Eine große Portion Talent, mindestens genauso viel Ehrgeiz und ein eiserner Wille seien weitere Voraussetzungen sine qua non. „Meine Liebe zum Ballett habe ich dabei meiner Oma zu verdanken“, erzählt Heather von ihrer Kindheit in Ajax am Lake Ontario. „Jedes Jahr hat sie mich mitgenommen ins kanadische Staatsballett, Tschaikowskys Nussknacker. Marie zu tanzen, war immer mein Traum.“ Mit 12 lebte sie selbst im Internat der nationalen Staatsballettschule. Endlich war das Mädchen den Einladungen der kanadischen Kaderschmiede gefolgt, die nach jedem der nationalen Wettbewerbe erfolgt waren, die es Jahr für Jahr gewonnen hatte. Als Heather später tatsächlich Marie, die Hauptrolle im Nussknacker tanzte, lebte ihre Großmutter leider schon nicht mehr.
„If you do something, do it properly.“
Diesen Leitspruch, den sie häufig vom Vater hörte, hat Heather, von Geburt an Perfektionistin, tief verinnerlicht. „Wenn du etwas machst, mach’s gscheit“, übersetzt sie mit englischen Akzent ins Bayerische. Das väterliche Motto, eine wahnsinnige Leistungsbereitschaft, aber auch das Gefühl, rein gar nichts zu verpassen, wenn die anderen clubben gingen. All dies half dem Teenager, sechs Jahre lang nur an den Wochenenden und in den Ferien heimzukommen, ohne Unterlass zu trainieren, zu lernen, Abitur und schließlich die Abschlussprüfung an der kanadischen Staatsballettschule abzulegen.
„Stay humble“ – also „bleib bescheiden“ war dagegen der Rat der Mutter. Auch den befolgte Heather und vermied viel Neid und Missgunst unter ihren Mitschüler(innen). Auch wenn sie jahrelang für die Hauptrolle der Schulaufführungen gesetzt war und sie, noch als Ballett-Elevin, regelmäßig für Auftritte im kanadischen Nationalballett gebucht wurde. Unverbrüchliche Kameradschaft, eine ganzheitliche Ausbildung, zu der Ernährungswissenschaft, Physio- und Psychotherapie zählten, sowie die Gesundheit der Tänzer als erste Priorität – das sind die Dinge, die Heather noch immer mit ihrer Schule verbindet und vor allem mit ihrer legendären Leiterin Mavis Staines.
„Ballett ist eine Mischung aus Sport und Kunst“, weiß die Wahl-Herrschingerin, die im East Coast ein für einen 12.000-Einwohnerort qualitativ unschlagbares Angebot an (neo-)klassischen Ballettstunden etabliert hat. „Du kannst 32 Fouettées am Stück (Drehungen auf Spitze) perfekt hinbekommen und bist doch keine gute Balletttänzerin, wenn deine Bewegungen nicht aus dem Herzen kommen. Kunst wird es erst, wenn echte Emotionen dazu kommen“, sagt sie.
Vielleicht war es eben diese Kombination, die ihr Kollege im East Coast Studio, der Ballettpädagoge und Choreograph Alexander Galitski in der 37-Jährigen erkannt hat. Neben der technischen Perfektion das tief empfundene Gefühl, das Heathers Ballettkörper transportiert.

„Man sieht ihr die Klasse einfach an, auch wenn sie schon lange nicht mehr professionell tanzt“
So erklärt Galitski, warum er ausgerechnet sie für Mozarts Constanze gewinnen wollte. „Für meine neoklassische Interpretation von Mozarts Requiem, meinem absoluten Lieblingsstück, wäre Heather, die so geschmeidig tanzt, genau die richtige Besetzung“, hatte der 53-Jährige geahnt und sie schon im letzten Winter gefragt. Jetzt, nach monatelangen Proben an der Seite des Australiers Alexander Diedler und Ilia Sarkisovs, ehemaliger Solist am Staatsballett München, sieht Galitski sich bestätigt: Heather ist die Richtige.
„Mit 19 stand ich nur mit einem Koffer in Stuttgart“, geht diese in Gedanken noch einmal zurück zu einem der bisher größten Scheidepunkt ihres Lebens: Sie war dem Ruf des Stuttgarter Balletts sowie der renommierten John Cranko Schule gefolgt und hatte dafür ihre Komfortzone weit, weit hinter sich gelassen. Das National Ballet of Canada, in dem sie das Küken war, das protegierte Nachwuchstalent, lag nach nur einer Spielzeit Tausende von Kilometern hinter ihr. „Ich wollte nicht bequem werden“, sagt Heather. An der Cranko Schule traf sie Ana Jojic wieder, die ihr Talent bereits auf der anderen Seite des Atlantiks gefördert hatte. „Mavis steckte mich in Kanada in Anas Jungsklasse. Hier lernte ich zu springen wie die Männer.“ (Das erklärt die Sache mit den unsichtbaren Sprungfedern.)
Norwegen – die letzte berufliche Herausforderung für die Profi-Tänzerin
Nach wiederum nur einem Jahr verließ Heather die Schule und tanzte fortan acht Jahre im Stuttgarter Ballett. Mit Jahresverträgen, maximal einem freien Tag pro Woche und einem relativ kleinen Monatsgehalt.. Den Vergleich mit den Millionen-Gehältern von Profi-Fußballern erspare ich ihr natürlich. In Stuttgart lernte sie ihren heutigen Mann kennen. Auf den raschen Zusammenzug folgte eine Trennung auf Zeit. Heather ging nach Norwegen, ans Staatsballett. Dann wurde sie 28 und stellte sich die eine große Frage: „Was tu‘ ich in Oslo in einer leeren Wohnung nachmittags um drei, wenn es draußen schon dunkel ist, und meine Liebe lebt in Stuttgart?“ Sie beendete ihre Ballett-Karriere, schweren Herzens natürlich. Heute ist es erfüllt von den drei Männern in ihrem Leben (zwei ganz kleinen und dem einen, den sie geheiratet hat).
Die Chance, noch einmal professionell zu tanzen, hat Heather, die den Ammersee heute fast so sehr liebt wie den Ontariosee, und glücklich ist als Lehrerin an einer kleinen Tanzschule in Oberbayern, erst nicht als eine solche empfunden. „Ich habe lange gebraucht, um damit fein zu sein, einen professionellen Auftritt zu machen und dabei den Ansprüchen aus meiner Profi-Zeit nicht mehr gerecht zu werden“, erklärt die Ballerina, wieso sie erst Monate später Galitski zugesagt hat. „Jetzt aber, wo ich meinen Frieden gemacht habe, kann ich so frei tanzen wie nie zuvor in meinem Leben.“
Wer sie sehen will, muss am Samstag um 17 Uhr in den Florianstadl nach Andechs kommen. Restkarten gibt es hier.
Susanne Böllert


