Kaindl wird 100: Der Spezialist fürs Universelle

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Baggern ganz schön viel weg: Kathy Kaindl und ihr Mann Richard. Am Wochenende wird's festlich auf dem Bauhof in Breitbrunn: Die Firma feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Foto: Gerd Kloos

Zwei Firmen wurden 1926 gegründet, die eine kennt jeder, die andere ist rund um den Ammersee eine Berühmtheit: Ja, die Baufirma Kaindl in Breitbrunn ist tatsächlich so alt wie die Daimler-Benz AG in Stuttgart. Die eine glänzt mit feinster Technik auf dem Asphalt, die andere arbeitet gerne auch im Untergrund: Kaindl war am Bau des neuen  Gymnasiums, beteiligt, legte beim Bezahlbarem Wohnen die Versorgungsleitungen und hilft der AWA, das alte Leitungsnetz zu sanieren. Das zweite Jahrhundert kann also kommen: Denn Kathy und Richard Kaindl sind mit ihren 35 Mitarbeitern Universalspezialisten: Sie können nicht nur Tiefbau, auch bei Haussanierungen und im Hochbau bringt Kaindl die generationübergreifende Expertise ein.

Übetriebene Normen treiben die Baupreise hoch

Natürlich drücken auch kleine Unternehmen ohne riesiges Kostengerüst Sorgen: So beklagt Richard Kaindl, Bauingenieur mit TU-Diplom, die steigenden Baupreise, für die er übetriebene Normen verantwortlich macht: „Warum muss eine Betonplatte fast einen Meter dick sein, wenn auch ein halber Meter für ausreichende Stabilität reichen würde?“ fragt er, schon fast verzweifelt über den deutschen Sicherheitswahn und die Angst vor drohender Haftung. Dass im Jahr 2000 ein Rohbau 150 000 Euro gekostet hat, heute aber 250000 Euro verschlingt, hält er nicht für ein Naturgesetz, sondern für die Folge von übertriebenem Sicherheitsdenken.

Mit Bauvorschriften solcher Art musste sich sein Großvater Johann Kaindl 1926 nicht herumschlagen. 1926 hatte die deutsche Wirtschaft wieder Tritt gefasst, die Wirtschaftskrise und die Währungsreform waren überwunden, technischer Fortschritt und neue Maschinen gaben den Menschen Mut, Neues zu wagen. Zu den Mutigen gehörte auch der gelernte Maurer Johann Kaindl, der in München arbeitete und an den Wochenenden am Ammersee die Kelle schwang.

Die Ehefrau des Chefs schleppte Wasser auf die Baustelle

Warum aber für andere schuften, sagte sich Johann Kaindl I mit 26 Jahren  und machte sich selbstständig. Das erste Haus des Bauunternehmers Kaindl war dann das Welschhaus an der Seeleite. Damit die Maurer in aller Herrgottsfrüh anfangen konnten, schleppte die Ehefrau Wasser vom nahen See auf die Baustelle. Damals hatten  Unternehmersgattinnen eher eine Kelle in der Hand als das Cabrio-Lenkrad.

Ein Meilenstein in der Firmengeschichte war nach dem Krieg der Kabelpflug, mit dem Kaindl die Telefonleitungen ohne mühsame Grabarbeiten verlegen konnte. Diesen Kabelpflug hatte die Firma sogar zum Patent angemeldet.

Die nächste Generation in der Firmengeschichte füllte dann Sohn Johann Kaindl II aus. Der Junior war 1931 geboren worden, ging in Herrsching beim Bauunternehmen Pittino zur Lehre und schloss später ein Studium an. Er saß über 40 Jahre im Gemeinderat in Breitbrunn und Herrsching. 1957 baute Kaindl das Wohnhaus auf dem Firmengelände, 2009 wurde es kernsaniert. In diese Zeit fiel auch die spektakuläre Versetzung der Bucher Kapelle.

Sportlerehrgeiz trifft auf Firmentradition

2003, Johann Kaindl war längst eine kommunale Legende mit seinem allgegenwärtigen Zollstab, übergab er die Leitung an seinen Sohn Richard, der in diesem Jahr auch seine spätere Frau Kathy auf einem Bauingenieursfest kennenlernte. Kathy war zwar nicht vom Fach, aber beseelt vom Leistungswillen – sie hatte ein Diplom in Sportwissenschaften.

Die Tradition einer kleinen Firma trifft auf Tempo und Temperament einer Leistungsportlerin, da kann’s nur aufwärts gehen. Kathy schaute sich die Firma „aus der Vogelperspektive“ an, fuchste sich in Finanzbuchhaltung und andere kaufmännische Fähigkeiten rein und wird bald als Chefin, im Managersprech CEO, respektiert. Inzwischen, gesteht sie nebenbei, studiert sie mit 51 noch „Positive Psychologie im Business-Context“ und legt demnächst ihre Masterarbeit vor. Dieses Wissen, gerne auch im akademischen Orchideenfach verortet, helfe auch in einem Industriebetrieb, denn „der Ton im Baugewerbe ist rau“. Zwei Workshops hat sie mit der 35-köpfigen Belegschaft schon veranstaltet, was der Stimmung im Betrieb geholfen habe.

Ein „Labor“ für gehobene Unternehmenskultur

Man könnte die Firma fast als Labor für gehobene Unternehmenskultur bezeichnen.

Heute arbeiten neben den Angestellten zwei Kräne, vier Lastwagen, zehn Bagger und zehn Pritschenwagen fürs Wohl der Firma.

Und wenn nichts dazwischen kommt, dann wird das Kaindl- Logo mit dem roten Punkt überm I weiterhin zum Ortsbild gehören.

Die technischen Voraussetzungen sind da: Zum Beispiel eine in Deutschland einmalige Maschine, mit der Kaindl marode Wasserleitungen aus der Erde zieht wie der Chirurg in einem minimalinvasiven Eingriff eine Sehne. Die Maschine, die es nach Firmenangabe nur in Breitbrunn gibt, verlegt dann auch gleich wieder eine neue Leitung, ohne dass das Erdreich umgegraben wird.

Vielleicht könnte man das mit dem Setzen eines Stents am Herzen vergleichen. Der Vergleich hinkt, aber er könnte andeuten, dass am Bau längst filigrane Technik eingesetzt wird. 

Dank dieser Technik kann die 100-jährige Jubilarin zuversichtlich in die Zukunft sehen. „Handwerk“, sagt Richard Kaindl, „hat immer noch goldenen Boden.“ Auch wenn KI ringsum Berufsbilder bedroht wie der Frost den Straßenasphalt – um einen Vergleich aus dem Bauwesen zu bemühen.

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