„Unverschämt schön“

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Pfarrer Ulrich Haberl bei seiner (Königs-)Bergpredigt im Rahmen der Herrschinger Sommerkirche. Foto: Gerd Kloos

Am „schönsten Platz rund um den Ammersee“, dem Königsberg in Breitbrunn, hat der evangelische Pfarrer Ulrich Haberl über ein Thema gepredigt, das für die einen zum Schönsten gehört, für die anderen ein Massengrab der guten Vorsätze ist. Mit Blick auf den tintenblauen See, die unschuldigen Cumuluswolken, die stoischen Berge am Horizont ging es um die sexuelle Revolution, kirchliche Verdammungsstrategien, und eine neue Sexualmoral der Kirche. Der Ort war gut gewählt. Vielleicht genau dort, wo Pfarrer Haberl bei seiner Predigt stand, feierte König Ludwig der Erste seinen Geburtstag, und er scherte sich dabei nicht um höfische Etikette und später auch nicht um eheliche Treue. Und das Thema passte auch in die aktuelle Disussion um LSBTIQ+ und die terroristischen Bedrohungen. Es war eine Predigt weit über den Sonntag hinaus. herrsching.online veröffentlicht deshalb Auszüge aus dem Text.

Der Auslöser der sexuellen Revolution

Auslöser war die Pille in den 60iger Jahren. Sexualität wurde entkoppelt von der Folge,  dass daraus neues Leben entstehen kann.  Die Katholische Kirche hatte sich 1968 entschlossen, diesen Weg nicht bejahend mitzugehen, es kam zur Enzyklika Humanae Vitae, die sagt, dass Empfängnisverhütung keine Handlungsmöglichkeit ist.  Die Empfängnisverhütung hat vielen Menschen ein neues Verständnis für Sexualität geöffnet. Sexualität ist ein elementarer Ausdruck der Verbundenheit mit einem anderen Menschen. Damit hat sich auch die Verbindung von Sexualität und Ehe entkoppelt oder ein bisschen gelockert hat.

Der Kuppeleiparagrafen im Strafgesetzbuch  

Ich hatte kürzlich ein Ehepaar aus Anlass der diamantenen Hochzeit besucht, das mir gesagt hatte: „Wir mussten heiraten.“  Ich wollte schon sagen, ach, war was Kleines unterwegs,  Nein, sagten sie, sie hatten eine Wohnung angeboten bekommen.  Und der Vermieter durfte sie nur vermieten, wenn die beiden verheiratet waren. Bis 1973 war dieser Kuppeleiparagraf im Strafgesetzbuch. Wir sehen es heute als unproblematisch, wenn Menschen, bevor sie heiraten, zusammenleben.  Und unter jüngeren Menschen wird auch diskutiert, ob Sexualität gebunden sein muss an die eine Liebesbeziehung, die man im Leben hat.  Oder ob man daneben mit anderen Menschen sexuelle Beziehungen haben kann. Stichwort Polyamorie.

Der Paragraf 175 hat immer nur für Männer gegolten

Ein weiteres Element war, dass in Folge der sexuellen Revolution Homosexualität  gesellschaftlich enttabuisert wurde. In der DDR ging das alles etwas schneller, die Bundesrepublik war etwas konservativer und hat dann nachgezogen.  1969 wurde der Paragraf 175 dahingehend geändert, dass zwei Männer, die erwachsen sind,  einvernehmlich eine sexuelle Beziehung haben können.  Seltsamerweise hat dieser Paragraf nur für Männer, nicht für Frauen gegolten. 1994 ist der Paragraf dann ganz abgeschafft worden. 2017 wurden homosexuelle Beziehungen ganz gleichgestellt, und Ehen zwischen Männern und Männern und Frauen und Frauen sind gesetzlich erlaubt worden.

Erst 1997 hat das Strafgesetzbuch Vergewaltigung in der Ehe verboten

Bis 1997 gab es den Paragrafen 77 im Strafgesetzbuch, in dem die Vergewaltigung  beschrieben wird. Da ging es nur um den außerehelichen Beischlaf.  Es war sozusagen die Vergewaltigung nicht ausdrücklich verboten. Erst 1997 hat sich das dann geändert.  Jetzt geht die Diskussion dahin, dass sexualisierte Beziehungen nur dann ok sind, wenn sie im Konsens von beiden Partnern eingegangen werden.

Niedergang der Moral oder Überwindung von Heuchelei und Vertuschung?

Wie soll man all diese Entwicklungen bewerten? Soll man sagen, dass all diese Regeln, die ja Menschen auch schützen sollten,  innerhalb von wenigen Jahren weggepustet worden sind,  das ist ein Ausdruck des Niedergangs der Moral der westlichen Welt?

Es ist nicht schade, dass all die Normen,  an die sich viele gehalten haben,  alle gehalten haben,  manche zähneknirschend, manche aus Überzeugung,  von den Leuten einfach nicht mehr akzeptiert werden? Und jeder sagt, ich lebe, so wie es mir selber gefällt. Und von Autoritäten lass ich mir nichts mehr vorschreiben.

Ist es also ein Niedergang von Moral, oder hat es auch positive Auswirkungen? Die Überwindung von Heuchelei und Vertuschung.  Die Befreiung von Menschen, die ja zu allen Zeiten  in anderen Formen ihre Sexualität gelebt haben. Homosexualität ist ja nicht erst entstanden, als sie nicht mehr verboten war. Die gab’s ja schon immer in der Menschheit. 

Ist es nicht auch eine großartige Errungenschaft,  dass auch ganz viele patriarchale Muster und Normen, die Frauen kleingehalten haben, endlich auch in Frage gestellt und vom Tisch gewischt worden sind?

Ist das der Niedergang des Christentums?

Und wie soll man das als Pfarrer und Theologe, als Vetreter der Kirche sehen? Bedeutet es irgendwie den Niedergang des Christentums,  dass Leute sagen, wir wollen auch im Bereich der Sexualität ein selbstbestimmtes Leben führen? Oder ist es neue Chance auch für das Christentum,  das Verständnis von Sexualität neu zu durchdenken? Und vielleicht auch anders aufzutreten in der Begegnung mit Menschen? Nicht von oben herab Regeln verkünden, an die sich die Leute dann doch nicht halten, sondern im Gespräch, auf Augenhöhe mitander zu suchen, was eine verantwortliche Form ist. 

Zeit für ein fröhliches Verständnis von Sexualtiät

Ich finde es an der Zeit, dass wir im Christentum ein positives und fröhliches Verständnis von Sexualtät entwickeln. Früher sind kirchliche Vertreter damit aufgetreten, dass Sexualität irgendetwas Gefährliches ist. Heute sollte man betonen, was für eine wunderbare Dimension unserer Geschöpflichkeit, unserer Leiblichkeit Sexualität ist.

Vor einigen Jahren ist ein neuer Entwurf einer evangelischen Sexualethik entstanden mit dem wunderschönen Titel „Unverschämt schön“. 

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