Von Gerd Kloos und Susanne Böllert
Eine 76-jährige Herrschingerin ist vor wenigen Tagen einem Schockanruf auf den Leim gegangen. Die Rentnerin händigte den Betrügern 100.000 Euro aus. Die Täter sind flüchtig. Ob die Frau das Geld zuvor von der Bank geholt oder in der Sparsocke versteckt hat, verrät die Polizei nicht. Bei der Herrschinger Volksbank seien schon mehrere Betrugsversuche vereitelt worden, teilte Banksprecherin Franziska Distler herrsching.online mit. „Wenn ein Kunde oder eine Kundin sehr nervös wirkt und ängstlich um sich schaut, werden unsere Servicekräfte misstrauisch und forschen nach, warum größere Abhebungen vorgenommen werden sollen“, sagt die Bankfachfrau Distler. Die Polizei rät übrigens, mit Verwandten ein Codewort zu vereinbaren. Wenn ein Schockanrufer das Wort nicht kennt, sollte man sofort die Polizei informieren.
100.000 Euro unterm Kopfkissen. Hat doch kein Mensch! „Und ob!“, sagt Andreas Aichele, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, „Sie glauben gar nicht, wie viele ältere Menschen Wertsachen in sechsstelliger Höhe zu Hause horten, etwa in Form von Gold, meist Goldschmuck, oder als Bargeld.“
Damit ist die Herrschinger Rentnerin, die wie berichtet am 9. Oktober skrupellosen Telefonbetrügern aufgesessen ist und ihnen 100.000 Euro zur Rettung der angeblich krebskranken Tochter übergeben hat, alles andere als ein Einzelfall. Erst am 14. Oktober hat es auch einen älteren Schondorfer getroffen. Die angebliche Staatsanwältin teilte ihm mit, sein Sohn habe jemanden totgefahren und käme jetzt ins Gefängnis. Es sei denn, der Vater zahle 50.000 Euro Kaution. Der Vater zahlte.
„Tatsächlich ist es so, dass die Schadensummen, die durch die Schockanrufe erzielt werden, steigen, steigen, steigen“, macht Aichele klar, „während wir andererseits von einer sehr hohen Dunkelziffer bei den Fallzahlen ausgehen müssen.“ Und zwar deshalb, weil sich die Opfer für ihre Leichtgläubigkeit derart schämten, dass sie den Betrug häufig nicht zur Anzeige brächten. Es sei sogar davon auszugehen, dass der ein oder andere Suizid auf ein solches Erlebnis zurückzuführen sei. Aichele: „Die Menschen verlieren oft ihre gesamte Lebensleistung. Sie geben sämtliche Ersparnisse her, den Ehering, das Erbe der Kinder. Sie haben dann gar nichts mehr.“
Weshalb so viele ältere Leute ihr Geld lieber zuhause aufbewahrten, als es zur Bank zu bringen? Da könne er nur spekulieren, räumt der Polizeibeamte ein: „Manche haben wohl immer noch Angst, dass ihr Geld auf dem Konto plötzlich komplett wertlos wird. Viele haben immerhin zwei Währungsreformen erlebt.“
Perfide Panikmache lässt die Menschen nicht mehr klar denken
Die Masche, mit der meist aus dem Ausland agierende, kriminelle Banden ältere Menschen um ihr Hab und Gut bringen, ist denkbar perfide. Sie rufen die Senioren an und unterbreiten ihnen eine zwar falsche, aber umso schockierende Nachricht. Ein naher Verwandter sei verunfallt oder plötzlich schwer erkrankt und nur durch horrend teure Medikamente oder Behandlungsmethoden noch zu retten. Höchste Eile sei geboten. Die Angerufenen müssten unverzüglich die aufgerufene Summe bezahlen, um den Tod des Angehörigen zu verhindern. Ausgehändigt wird das Geld dann einem Mittelsmann, dem letzten Glied in der Kette der Verbrecher.
Natürlich führe nicht jeder Anruf zum Erfolg, weiß der Pressesprecher. Viele Senioren seien schon so oft angerufen worden, dass sie sofort auflegten, wenn ihnen etwas seltsam vorkäme. „Aber wenn die Menschen dem Anrufer doch Glauben schenken, dann setzt sofort Panik ein und diese Panik scheint jedes rationale Denken auszuschalten“, hat der Polizeibeamte immer wieder festgestellt. Unter den Geschädigten sei sogar einmal ein pensionierter Richter gewesen.
Polizei unternimmt umfangreiche Aufklärungskampagne
Um den Schockanrufern Einhalt zu gebieten, hat die Polizei eine umfangreiche Aufklärungskampagne gestartet und arbeitet dabei an allen Fronten. „Fachberater der Kriminalpolizei halten auf Einladung von Vereinen und Verbänden Vorträge, die meist an Senioren gerichtet sind. Mit Social Media Kampagnen versuchen wir die Enkelgeneration zu erreichen, die wiederum ihre Großeltern sensibilisieren soll. Sie können zum Beispiel ein Geheimwort wie ‚Spinnenspucke‘ oder so miteinander ausmachen, mit dem sich die Anrufer, die sich häufig für die Enkel oder Kinder der Angerufenen ausgeben, identifizieren sollen“, erklärt der Pressesprecher des Präsidiums Oberbayern Nord.
Doch da natürlich nicht jedes Betrugsopfer die verlangten Riesensummen zuhause hortet, sondern doch auf dem Bankkonto liegen hat, werden auch die Bankmitarbeiter geschult, so Aichele. Und die hätten schon so manches Unglück verhindert, indem sie gezielt nachfragten, ob in der Familie jemand plötzlich krank geworden sei oder ob der Bankkunde einen dringenden Anruf erhalten hätte. „Richtig gemein wird es aber, wenn der Anrufer am Telefon bleibt und die Senioren die Bedrohung in der Hosentasche mit sich führen. Dann ist erstens die Leitung blockiert und das Opfer kann gar nicht die Polizei oder einen Verwandten anrufen“, erklärt Aichele, „und zweitens sind die Menschen dann so unter Druck, dass sie sich den Bankangestellten dann doch nicht anvertrauen und ihr Bankkonto leerräumen.“




