Von Gerd Kloos
Vision 2035: Wie Herrschings bröselnder Bahnhof eine Zukunft haben könnte, wollten 26 Herrschingerinnen und Herrschinger im Allgäuer Leutkirch besichtigen: In der oberschwäbischen Provinz steht ein historischer Bahnhof, der sich so schön herausgeputzt hat, als stamme er aus einer Modelleisenbahn-Idylle. Auf die damals 100 Jahre alte Eisenbahn-Immobilie hatte 1986 die Abrissbirne gewartet, aber die Bürgerschaft verhinderte den Kulturfrevel. Die Stadt Leutkirch kaufte schließlich die Bruchbude, sie merkte aber schnell, dass sie ein Millionengrab erworben hatte. Aber dann geschah das Wunder von Leutkirch.
Fast alles, was die Herrschinger Besucher von ihren Allgäuer Gastgebern hörten, kam ihnen bekannt vor: Kauf, Illusionen und Ernüchterung – die Stationen eines folgenschweren Immobiliendeals, wie sie auch Herrsching erlebt. Die Gäste vom Ammersee, darunter sieben Gemeinderätinnen und -Räte, wollten von den Allgäuer Bahnhofsmachern wissen, wie sie das Wunder der Bahnhofsrettung geschafft haben. Die Busfahrt nach Leutkirch wurde im Auftrag des Gemeinderats von Gerd Mulert (Grüne) organisiert, bezahlt hatte die Busfahrt das Rathaus. Am Steuer saß übrigens der Drittte Bürgermeister Wolfgang Schneider.

Bahnhof(f)nungslos
Es begann mit einem Architektenwettbewerb – und einer bitteren Erkenntnis: Das Relikt aus der Kaiserzeit in die Moderne zu retten, hätte fünf Millionen Euro gekostet. Allen war klar: Der Zug war abgefahren. Die Kommunalpolitik hielt das Projekt für bahnhof(f)nungslos.
Doch 2005 nahm das Wunder von Leutkirch seinen Lauf: Fünf Leutkircher glaubten, dass der „ortsbildprägende Bahnhof“ mit einer privaten Initiative erhalten werden könnte. Wenn die Bürger in Form einer Genossenschaft Geld einlegen, könnte man die alte Hütte sanieren, glaubten Bernd Hösch, Alex Müller, Christian Skrodzki und Genossen. Grundstock für die Bahnhofsanierung sollte eine erfolgreiche Gastronomie mit hauseigener Brauerei werden. Und das im Allgäu, dessen Menschenschlag nicht zu Hochrisikogeschäften neigt.
„Wir haben im Straßenkampf Anteilscheine verkauft“
Deshalb gab es natürlich Widerstände. Ein Brauer versicherte, dass es keine zwei Brauereien in Leutkirch geben werde, so lange er lebe – auf drei Enthusiasten in Deutschland kommen bekanntermaßen vier Bedenkenträger. Aber der Inititiativkreis ließ nicht locker: „Wir haben eine Genossenschaft gegründet und im Straßenkampf Anteilsscheine verkauft“, erzählt der heutige Chef Bernd Hösch, „und wir haben Botschafter in die Vereine und Institutionen geschickt. Diese Botschafter sollten die Idee erklären und Gerüchten entgegentreten. Es gab schließlich Leute, die behaupteten, wir fünf Initiatoren wollten uns nur den Bahnhof unter den Nagel reißen.“ Zwei Jahre lang hatte die Bahnhofsbrigade jeden Tag für ihr Projekt gerackert. Und rund 700 Bürgerinnen und Bürger machten ihr Portemonnaie auf und legten mindestens 1000 Euro in den Genossenschaftsschatulle („das ist viel für einen Allgäuer Bürger“, meinte Hösch lachend). Finanz-Fachmann Skrodzki: „So kamen 1,1 Millionen zusammen.“
Das Dach war undicht, im Keller stand das Wasser
Der Zustand des damals 130 alten Gebäudes war jämmerlich: Durchs Dach hatte es reingeregnet, im Keller stand das Wasser. Aber ein Allgäuer gibt nicht auf, sondern krempelt die Ärmel hoch. „Unter den Handwerkern, sonst Konkurrenten, gab’s ein kollegiales Miteinander, man lieh sich gegenseitig Maschinen aus und rechnete auch nicht jede geleistete Arbeitsstunde ab“, schwärmte Genossenschaftschef Hösch.
Trotzdem kostete die Wiederauferstehung des Hauses rund vier Millionen Euro. Davon kamen on top 1,5 Millionen von dem Gastro-Investor Barfüßer. 550 000 Euro steuerte die Stadt Leutkirch bei, die gleiche Summe kam vom Land, 240 000 Euro investierte das Denkmalamt, und 250 000 Euro wurden über Bankkredite und Spenden akquiriert. Und rund 700 Genossen zeichneten Anteilsscheine von mindestens 1000 Euro. Insgesamt sammelte die Genossenschaft rund 1,1 Millionen Geld für die Sanierung ein.

Zwei Jahre Bauzeit – für Deutschland ein atemberaubendes Tempo
2010 hallte der erste Hammerschlag, 2012 strahlte das Haus im neuen Glanz – zwei Jahre Bauzeit, das schafft kein öffentlicher Bauherr. Sogar Landesvater Kretschmann schwärmte: „Die Bürgergenossenschaft hat Verantwortung übernommen für die gesellschaftliche Entwicklung der ganzen Stadt.“ Die Motivation der Aktivisten und Geldgeber war schlichter Bürgerstolz: Der ehrenamtliche Vorstand und Altbausanierer Christian Skrodzki zu herrsching.online: „Das Einstehen für ein eigentlich öffentliches Gebäude stärkt den Bürgerstolz und das Zutrauen in die Fähigkeit der Gemeinschaft, gemeinsam etwas zu schaffen.“
Dabei ist der Bahnhof 2.0 kein sozialromantisches Lieblingsprojekt woker Gutmenschen. Um soziokulturelle Ziele ging’s den Sanierern nicht: Wer den schönen großen Saal unterm Dach für Party, Konzert oder Firmen-Meetings mieten will, zahlt Pacht, rund 300 Euro für ein Wochenende. Ein Verein, der kein Geld bezahlen wollte, musste draußen bleiben. Immerhin zahlt die Genossenschaft als Erbpächter 12 000 Euro pro Jahr an Pacht – in die Stadtkasse.
Kein Platz für sozialromantische Träume
Sozialromantische Träume von einem kostenlosen Bürgertreff mit kultureller Bespaßung könnten denn auch in einem sanierten Herrschinger Bahnhof ausgeträumt sein. Gemeinderat Gerd Mulert, einer der Treiber einer genossenschaftlichen Lösung, macht sich keine Illusionen. Ein Bahnhofsprojekt braucht ein tragfähiges Geschäftsmodell. In einem solchen Konstrukt hätte natürlich ein Fahrkartenverkauf Platz („Herr Vetter muss bleiben“), Genussgeschäfte wie Wein- und Obsthandel würden die Attraktivität steigern, und eine florierende Gastronomie spendiert das Sahnehäubchen für die Bilanz.
Vom Sahnehäubchen dürfen in Leutkirch übrigens auch die Genossen lecken. In diesem Jahr, so Genossenschaftschef Hösch, schüttet die Gesellschaft 33 000 Euro an Dividenden aus. Kein Grund für die Anteilseigner, gleich Chamapagner in der Bahnhofsgastro zu bestellen – pro Anteil sind das unter 50 Euro.
Das Engagement der ersten Anteilseigner aber ist immerhin in Stein gemeißelt – auf einer Steintafel steht ihr Name – so lange der Bahnhof steht.
In Leutkirch brummt übrigens das Restaurant der Barfüßer-Gruppe: Abends um 6 warten die Gäste vor der Kneipe wie durstige Wiesnbesucher vor dem Festzelt.
Stell dir vor, Herrsching bekäme wieder ein Gasthaus, in dem man alle trifft – den Villenbesitzer und den Hollandradfahrer. Den Bürgermeister und den Briefträger. Und beide trinken das im Keller selbstgebraute Helle namens Seebräu.

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