Im Nebenberuf Wirt, im Hauptberuf Philosoph: Der Betreiber der kleinen Insider-Location Chiringüito am Seespitz ist dann mal weg: Jamal schließt seinen kleinen Kiosk und wandert nach Spanien aus – nicht ohne philosophischen Überbau. Am Dienstag, 15. September, ist wieder eine Institution an der Promenade Geschichte///
Am Dienstag hat Jamal zum letzten Mal seinen Chiringüito unterhalb des Seespitz-Restaurants geöffnet. Die Saison ist zu Ende. Und für den Marokkaner auch ein Lebensabschnitt. Jamal wandert aus. In Spanien will er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin fortan als Selbstversorger leben.
Von Susanne Böllert
Miene, Goro, Mato und jetzt auch noch Jamal. Die Herrschinger Promenade mag weder besonders gut in Schuss sein noch durch eine Vielzahl erlesener Restaurants bestechen. Aber sie besitzt mit ihrem lässigen Charme eine immense Anziehungskraft, ist Versammlungsort Einheimischer sowie Ortsfremder, sobald das Wetter einen Drink im Freien zulässt. Zu verdanken hatte sie dies über viele Jahre vor allem den Typen, die hier ihre Dienste anboten: Miene, der sich mit seiner Bayerischen Brandung als Demotivationstrainer einen Namen machte; Goro, der stets freundlich-cool seine Boote verlieh; Mato, der fleißig seine Fischsemmeln unter die Leute brachte.
Und wenn abends auf der Promenade nichts mehr ging, dann hieß es eben „Wir gehen noch zu Jamal“. Gemeint war der kleine Kiosk, der neben der Kampfsportschule unterhalb des Restaurants Seespitz gelegen, bis spät in die Nacht Alkoholisches, viel gute Laune und immer entspannte Musik verbreitete. Untrennbar verbunden war der Chiringüito (Spanisch für Strandbar) mit seinem Besitzer Jamal, in Herrsching bekannt wie ein bunter Hund. Auch wenn kaum jemand weiß, wie sein Nachname (El Ouassil) lautet oder wie alt der in Rabat geborene Gastwirt eigentlich ist. Und wen kümmert es?
Viel wichtiger war immer Jamals Haltung. „Mir ist egal, ob jemand für 500 Euro konsumiert hat oder für fünf, bei mir waren alle willkommen“, sagt der Marokkaner, der vor 16 Jahren nach Herrsching zog und vor zehn Jahren den damals defizitären Kiosk übernahm, um ihn in Herrschings Chiringüito zu verwandeln. Wie es mit diesem Kultort, der weit über Herrschings Grenzen bekannt ist und sogar internationales Publikum anzog, in der nächsten Saison weitergeht, steht noch in den Sternen. „Ich bin am 26. September weg, das ist sicher“, betont Jamal. Er geht in einen kleinen Ort zwischen Huelva und Sevilla, wo er Obst und Gemüse anbauen und gemeinsam mit seiner Freundin als Selbstversorger leben will.
Viel brauche er nicht, erklärt der diplomierte Wirtschaftspolitikwissenschaftler, der sein Leben der Angewandten Philosophie verschrieben habe. Schopenhauer, Epikur – die hätten ihn besonders geprägt. Eineinhalb Jahre habe er in völliger Askese gelebt, nie mehr als fünf Euro am Tag ausgegeben, wobei ihm das andere Extrem durchaus auch bekannt sei. „Ich habe immer fünfeinhalb Monate in Herrsching gewohnt und gearbeitet, sechseinhalb Monate bin ich durch Südostasien gereist. Vietnam, Kambodscha, Philippinen“, erzählt Jamal, während im Hintergrund „La falsa moneda“ (Die falsche Münze) läuft. „Und wenn du dort auf den Philippinen einen armen Fischer fragst, was er heute Nacht gefangen hat und er lachend sagt ‚gar nichts‘ und seine Niederlage feiert, dann wird dir etwas klar“, sagt der Marokkaner: „Reichtum verdirbt den Charakter.“
Dieses Fazit, gezogen in einer der wohlhabendsten Gegenden Deutschlands, ist einer der Gründe, seine Zelte am Ammersee abzubrechen, Weißbier gegen Sangría einzutauschen und in Andalusien, Land der Gitanos und des Flamencos, einen Neuanfang zu wagen. Alter, Gesundheit, Weisheit hätten ebenfalls zu dieser Entscheidung beigetragen, die manchem irrwitzig erscheinen könnte. „Ja, ich setze alles auf eine Karte“, räumt Jamal ein. Aber es sei einfach mal wieder Zeit für einen Neuanfang: „Eine neue Kultur, eine neue Sprache, ein neues Land kennen zu lernen, das war immer eine Herausforderung, der ich mich gerne gestellt habe“, sagt der Mann, der inzwischen neun Sprachen fließend spricht und dem das (Aus-)Wandern im Blut zu liegen scheint. Er sagt: „Das schüttelt den Geist wieder wach!“ Und dass er wieder nach Herrsching zurückkommen wird, wenn auch nicht mehr als Gastwirt, sondern als Gast.





Alles Gute und Liebe Euch !!!! n