Bürgerbahnhof auf dem Abstellgleis?

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Schafft die Gemeinde jetzt klammheimlich Fakten für die Zukunft des Bahnhofs? Bürgermeister Schiller, so heißt es aus gut unterrichteten Quellen, soll Mieter schon auf einen Verkauf des historischen Gemäuers vorbereitet haben. Der wichtigste Mann im alten Bahnhof, Ticket-Experte Hansgeorg Vetter, gehörte nicht zu den „informierten Kreisen“. Vetter bleibt aber trotz der Verkaufsgerüchte entspannt: „Das dauert mindestens als fünf Jahre, bis die Gemeinde einen Käufer für den Bahnhof findet.“ Schiller hatte in einer Presseerklärung geschrieben, dass die derzeitige Haushaltslage der Gemeinde weder eine kurz- noch eine mittelfristige Sanierung des Bahnhofs zulasse. Es gibt allerdings noch keinen Beschluss im Gemeinderat, den alten Bahnhof an einen Investor zu verkaufen. CSU-Mann Thomas Bader sprach in einer Gemeinderatsdebatte schon einmal von sieben Millionen Kosten für die Sanierung. Ob diese Kostenschätzung Investoren eher abschreckt als anzieht, wird in Herrsching unterschiedlich diskutiert. An eine genossenschaftliche Lösung glaubt man im Rathaus nicht. Schiller verweist in Diskussionen immer wieder andere Bahnhofe, bei denen Bürger-Gesellschaften gescheitert seien. Grüne und BGH streben trotzdem eine Konstruktion an, in der Geld aus der Bürgerschaft als Initialzündung dienen soll.

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In Umfragen der Bürgergemeinschaft Herrsching (BGH) hatten fast alle Bürger einen großen Wunsch: „Vetter muss bleiben.“ Der bleibt – und er bleibt vorerst ganz ruhig. Die Investitionskosten für eine grundlegende Sanierung und Umnutzung des über 120 Jahren alten – denkmalgeschützten – Gebäudes sind so hoch, dass es einen „Gutmenschen braucht, der zufällig noch Millionär ist“, wie herrsching.online schrieb. „Die Gemeinde kann ja mal bei Donald Trumpf fragen“, scherzte Vetter und kassierte seinen Rat gleich wieder ein: „Ach so, der ist ja kein Gutmensch.“

Dass das gemeindeeigene Doppel-Haus mit Verbindungshalle unter der Fuchtel des Denkmalamtes steht, macht die Suche nach einem Investor nicht einfacher. Außerdem ist das Haus schon so marode, dass eine statische Ertüchtigung, die Dämmung der Geschossdecken, die Brandschutzmaßnahem und die Renovierung der Wohnungen nach alten Schätzungen 240 000 Euro kostet. Bei den aktuellen Baupreisen rechnen Fachleute mit dem zehnfachen Betrag. Sind diese Arbeiten erledigt, kommt die Kostenlawine erst richtig ins Rollen: Der Investor will die beiden Gebäudeköpfe und die Halle ja gewinnbringend nutzen – zum Beispiel als Restaurant oder als Wohnhaus.

Auf die lange (Werk-)Bank kann man die Sanierung nicht schieben. Im Frühjahr stand der kleine Keller unter Wasser, im letzten Jahr flogen lose Ziegel vom Dach. Der Ex-Bahnhof entwickelt sich Richtung Ruine.

Der Gemeinderat hatte sich schon vor drei Jahren intensiv mit einer Nutzung des über 120 Jahre alten Endbahnhofs befasst. Architekt und Gemeinderat Christoph Welsch stellte bereits vor drei Jahren ein Konzept mit zwei Varianten vor.

So stellen sich die Planer von Werkraum A das Erdgeschoss des neuen Bahnhofs vor. Im linken (südlichen) Kopfteil sind eine kleine Restaurantküche und die WC untergebracht. Die ehemalige Halle (Mitte) wird zum Gastraum. Im nördlichen Kopfteil sind 3 Läden geplant. Plan: Werkraum A

Architekt träumt von Marktständen und Gastro-Betrieb

In der A-Variante wird der ehemalige Wartesaal als öffentliche Markthalle mit vielseitiger Nutzung geplant. Vereine und Organisationen könnten die Halle mieten. Außerdem könnten (demontierbare) Marktstände für Kioske, Bücher, Blumen und Fahrkarten entstehen. Diese Stände könnte man nach außen verschieben, wenn kulturelle Veranstaltungen im Innenraum geplant sind. Der nördliche Kopfbau könnte als Tagesbar oder Cafe genutzt werden. Im südlichen Kopfbau sollen die Räume beibehalten werden. Im Obergeschoss sollen Wohnungen von 45 bis 95 Quadratmeter entstehen.

In der B-Variante soll der ehemalige Wartesaal vor allem für kulturelle Veranstaltungen dienen. In diesem Planspiel ist auch eine Eventgastronomie unter Einbeziehung der gewerblichen Verkaufsräume vorgesehen. Zum geöffneten Kienbachufer hin soll eine Außengaststätte romantische Aussichten bieten. Der nördliche Kopfbau ist für eine gewerbliche Nutzung gedacht (Wein, Obst, Fahrkarten). Hier könnten auch ein Kiosk, eine Eisdiele oder ein Blumengeschäft entstehen. Im südlichen Kopfbau werden alle Nebenräume für die Gastronomie untergebracht. Im Obergeschoss sollen Wohnungen von 45 bis 95 Quadratmeter entstehen.

Ein Jahr vorher hatte der Gemeinderat ohne konkrete Gegenfinanzierung beschlossen:

Das Wünsch-Dir-was-Konzept des Gemeinderats

• Das Gremium will einstimmig einen gastronomischen Betrieb, der auch mal für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden kann.

• Das Reisezentrum mit Fahrkartenverkauf fand einstimmigen Beifall.

• Kleine Geschäfte, eventuell auch Marktveranstaltungen, fanden nur eine knappe Mehrheit von 11 Stimmen.

• Wohnungen sollen erhalten und saniert werden.

• Auch die „Möglichkeit einer Kulturausübung ohne Gaststätte“ im Bahnhof wurde abgelehnt, obwohl die CSU in ihrem Vorschlagspapier davon sprach, dass der „Innenraum als Saal für sämtliche Geschäfte und Veranstaltungen nutzbar sein soll“.

• Von einer Mehrheit abgelehnt wurden ein Aufenthaltsraum und Bürgertreff außerhalb der Gastronomie.

Das waren, wie wir jetzt wissen, Luftschlösser, weil die Gewerbesteuer in Herrsching eingebrochen ist. Jetzt herrscht sogar eine Haushaltssperre, die nur noch Pflichtaufgaben gestattet.

Soviel kostet allein die Grundsanierung

Dabei muss die Bruchbude, die in der Regentschaft von Kaiser Wilhelm II, gebaut wurde, zuerst einmal saniert werden. Für die statische Ertüchtigung, die Dämmung der Geschossdecken, die Brandschutzmaßnahem und die Renovierung der Wohnungen sind, so Architekt Welsch vor drei Jahren, mindestens 240 000 Euro fällig. Inzwischen haben sich die veranschlagten Kosten auf einen siebenstelligen Betrag erhöht.

Neues Leben im alten Haus kostet viele Millionen

Was aber würde die gesamte Verwandlung der rüstigen Ruine kosten? Architekt Welsch rechnete damals

• für die Hallenkonstruktion mit Gastraum und Passage 970 000 Euro,

für die Haustechnik 570 000 Euro,

für die Außenanlagen 50 000 Euro.

Mit allen Nebenkosten ergibt sich damit eine Summe von rund 2 350 000 Euro. Gemeinderat Thomas Bader (CSU) geht nun sogar von sieben Millionen Baukosten aus – eine aktuell utopische Summe für den klammen Gemeindehaushalt.

Angesichts leerer Kassen hat sich der Bürgermeister nun entschlossen, sich für eine „rasche Lösung am Bahnhof durchaus offen zu zeigen“. Er hält es offensichtlich für möglich, einen Investor, eine Genossenschaft oder ähnliches für einen Kauf oder einen Erbpachtvertrag zu gewinnen. Diesen Käufer, so Schiller, könnte man in einem privatrechtlichen Vertrag dazu verpflichten, innerhalb von x Jahren mit der Sanierung zu beginnen. Wenn das nicht der Fall ist, müsste der neue Eigentümer den Bahnhof zu gleichen Bedingungen wieder an die Gemeinde zurückgeben.

Gesucht: ein Gutmensch, der zufällig Millionär ist

Ein solcher „weißer Ritter“, der dazu noch ein veritabler Gutmensch sein müsste, würde also mehrere Millionen in die Sanierung und Renovierung eines Geschäftsmodells investieren, in das die Gemeinde via Privatvertrag noch reinregieren könnte.

Der Kaufpreis für die kaiserliche Bruchbude wäre das kleinste Problem: Die Gemeinde zahlte 2010 nur 350 000 Euro an die Bahn ohne großen Grund um die Mauern: Eine Außengastronomie wäre also nur mit Duldung oder einem fetten Pachtvertrag mit der Bahn möglich. Unwahrscheinlich, dass ein Millionär in einer sentimentalen Gemütswallung soviel Geld auf den Tisch legen würde.

Die Grünen, die natürlich auch wissen, dass die Gemeine keine Gelddruckmaschine hat, favorisieren aber eine genossenschaftliche Lösung. So schwärmt Casaretto von „Kooperationsmodellen zwischen Kommune und Bürgerschaft. Die Gemeinde bleibe Eigentümer, eine Bürgergenossenschaft übernehme die Entwicklung, Sanierung und den Betrieb des Bahnhofs. Ein Verein solle die Bürgerbeteiligung organisieren, das Nutzungskonzept entwickeln und den Bahnhof mit Leben füllen – für Kultur, Jugend, Senioren, Vereine und Herrschinger Unternehmen. In ihrem Statement schwingt zum Schluss noch rhetorisches Pathos mit: „Die 1250-Jahr-Feier hat eindrucksvoll gezeigt, was Herrsching gemeinsam leisten kann. Genau diesen Geist braucht auch unser Bahnhof. Er ist das Tor zu Herrsching und könnte das Herzstück einer lebendigen Ortsmitte werden.“ Deshalb will sie zusammen mit Verwaltung und Ratskollegen nach Leutkirch fahren, wo ein Bahnhof auch dank einer Bürgergenossenschaft saniert wurde. Der Projektleiter Christian Skrodzki, gelernter Banker, ist übrigens zuversichtlich, den Bürgern Geld entlocken zu können: Geld, sagt er im Gespräch mit herrsching.online, ist genug da in Bayern. Es liegt halt nur auf den falschen Konten.

9 Comments

  1. Wenn man 800.000 € in ein Fremdprojekt steckt (Festsaal alte Nikolauskirche), dann braucht man sich nicht wundern, wenn für das eigene Projekt
    (alter Bahnhof) kein Geld mehr da ist.

      • Ich stimme Ihnen zu. Anonyme Kommentare belasten die Kommunikation in den sozialen Medien und rücken diese Medien in die „Grauzone“ der negativen Welt der Öffentlichkeit. Warum nicht offen kommunizieren?

  2. Vielleicht gelingt es dem Herrschinger Bürgermeister mit dem Gemeinderat, das Projekt Bahnhof nicht zu verschieben und zu einem guten Ende zu bringen. Das würde ich mir wirklich wünschen. Aber Herr Schiller weist ja gerne immer daraufhin, dass Politik kein Wunschkonzert ist. Also lieber abwarten und hoffen…

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