Sollte Herrsching einen Teil aus dem Tafelsilber verscherbeln, weil sich die Gemeinde das gute Stück nicht mehr leisten kann? Der Bürgermeister regte in einem schriftlichen Statement leicht verklausuliert an, dass man den Bahnhof entweder verkaufen oder in Erbpacht an einen Investor weitergeben solle. Grund: Die derzeitige Haushaltslage lasse weder eine kurz- noch eine mittelfristige Sanierung des Bahnhofs zu. Diese Wende um das denkmalgeschützte marode Stück Geschichte bewegt nun die Kommunalpolitik. Die Sprecherin der grünen Fraktion, Karin Casaretto, erinnerte den Bürgermeister an sein Wahlprogramm, in dem er verspreche, „besonders am Bahnhof Ideen schnell umzusetzen“.
Der Gemeinderat hatte sich schon oft und intensiv mit einer Nutzung des über 120 Jahre alten Endbahnhofs befasst. Architekt und Gemeinderat Christoph Welsch stellte bereits vor drei Jahren ein Konzept mit zwei Varianten vor.

Architekt träumt von Marktständen und Gastro-Betrieb
In der A-Variante wird der ehemalige Wartesaal als öffentliche Markthalle mit vielseitiger Nutzung geplant. Vereine und Organisationen könnten die Halle mieten. Außerdem könnten (demontierbare) Marktstände für Kioske, Bücher, Blumen und Fahrkarten entstehen. Diese Stände könnte man nach außen verschieben, wenn kulturelle Veranstaltungen im Innenraum geplant sind. Der nördliche Kopfbau könnte als Tagesbar oder Cafe genutzt werden. Im südlichen Kopfbau sollen die Räume beibehalten werden. Im Obergeschoss sollen Wohnungen von 45 bis 95 Quadratmeter entstehen.
In der B-Variante soll der ehemalige Wartesaal vor allem für kulturelle Veranstaltungen dienen. In diesem Planspiel ist auch eine Eventgastronomie unter Einbeziehung der gewerblichen Verkaufsräume vorgesehen. Zum geöffneten Kienbachufer hin soll eine Außengaststätte romantische Aussichten bieten. Der nördliche Kopfbau ist für eine gewerbliche Nutzung gedacht (Wein, Obst, Fahrkarten). Hier könnten auch ein Kiosk, eine Eisdiele oder ein Blumengeschäft entstehen. Im südlichen Kopfbau werden alle Nebenräume für die Gastronomie untergebracht. Im Obergeschoss sollen Wohnungen von 45 bis 95 Quadratmeter entstehen.
Ein Jahr vorher hatte der Gemeinderat ohne konkrete Gegenfinanzierung beschlossen:
Das Wünsch-Dir-was-Konzept des Gemeinderats
• Das Gremium will einstimmig einen gastronomischen Betrieb, der auch mal für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden kann.
• Das Reisezentrum mit Fahrkartenverkauf fand einstimmigen Beifall.
• Kleine Geschäfte, eventuell auch Marktveranstaltungen, fanden nur eine knappe Mehrheit von 11 Stimmen.
• Wohnungen sollen erhalten und saniert werden.
• Auch die „Möglichkeit einer Kulturausübung ohne Gaststätte“ im Bahnhof wurde abgelehnt, obwohl die CSU in ihrem Vorschlagspapier davon sprach, dass der „Innenraum als Saal für sämtliche Geschäfte und Veranstaltungen nutzbar sein soll“.
• Von einer Mehrheit abgelehnt wurden ein Aufenthaltsraum und Bürgertreff außerhalb der Gastronomie.
Das waren, wie wir jetzt wissen, Luftschlösser, weil die Gewerbesteuer in Herrsching eingebrochen ist. Jetzt herrscht sogar eine Haushaltssperre, die nur noch Pflichtaufgaben gestattet.
Soviel kostet allein die Grundsanierung
Dabei muss die Bruchbude, die in der Regentschaft von Kaiser Wilhelm II, gebaut wurde, zuerst einmal saniert werden. Für die statische Ertüchtigung, die Dämmung der Geschossdecken, die Brandschutzmaßnahem und die Renovierung der Wohnungen sind, so Architekt Welsch vor drei Jahren, mindestens 240 000 Euro fällig. Inzwischen ist die Baufälligkeit sogar aktenkundig: In einem Sturm sind lose Dachziegel auf den Bahnhofsvorplatz gefallen.
Neues Leben im alten Haus kostet viele Millionen
Was aber würde die gesamte Verwandlung der rüstigen Ruine kosten? Architekt Welsch rechnete damals
• für die Hallenkonstruktion mit Gastraum und Passage 970 000 Euro,
für die Haustechnik 570 000 Euro,
für die Außenanlagen 50 000 Euro.
Mit allen Nebenkosten ergibt sich damit eine Summe von rund 2 350 000 Euro. Gemeinderat Thomas Bader (CSU) geht nun sogar von sieben Millionen Baukosten aus – eine aktuell utopische Summe für den klammen Gemeindehaushalt.
Angesichts leerer Kassen hat sich der Bürgermeister nun entschlossen, sich für eine „rasche Lösung am Bahnhof durchaus offen zu zeigen“. Er hält es offensichtlich für möglich, einen Investor, eine Genossenschaft oder ähnliches für einen Kauf oder einen Erbpachtvertrag zu gewinnen. Diesen Käufer, so Schiller, könnte man in einem privatrechtlichen Vertrag dazu verpflichten, innerhalb von x Jahren mit der Sanierung zu beginnen. Wenn das nicht der Fall ist, müsste der neue Eigentümer den Bahnhof zu gleichen Bedingungen wieder an die Gemeinde zurückgeben.
Gesucht: ein Gutmensch, der zufällig Millionär ist
Ein solcher „weißer Ritter“, der dazu noch ein veritabler Gutmensch sein müsste, würde also mehrere Millionen in die Sanierung und Renovierung eines Geschäftsmodells investieren, in das die Gemeinde via Privatvertrag noch reinregieren könnte.
Der Kaufpreis für die kaiserliche Bruchbude wäre das kleinste Problem: Die Gemeinde zahlte 2010 nur 350 000 Euro an die Bahn ohne großen Grund um die Mauern: Eine Außengastronomie wäre also nur mit Duldung oder einem fetten Pachtvertrag mit der Bahn möglich. Unwahrscheinlich, dass ein Millionär in einer sentimentalen Gemütswallung soviel Geld auf den Tisch legen würde.
Die Grünen, die natürlich auch wissen, dass die Gemeine keine Gelddruckmaschine hat, favorisieren aber eine genossenschaftliche Lösung. So schwärmt Casaretto von „Kooperationsmodellen zwischen Kommune und Bürgerschaft. Die Gemeinde bleibe Eigentümer, eine Bürgergenossenschaft übernehme die Entwicklung, Sanierung und den Betrieb des Bahnhofs. Ein Verein solle die Bürgerbeteiligung organisieren, das Nutzungskonzept entwickeln und den Bahnhof mit Leben füllen – für Kultur, Jugend, Senioren, Vereine und Herrschinger Unternehmen. In ihrem Statement schwingt zum Schluss noch rhetorisches Pathos mit: „Die 1250-Jahr-Feier hat eindrucksvoll gezeigt, was Herrsching gemeinsam leisten kann. Genau diesen Geist braucht auch unser Bahnhof. Er ist das Tor zu Herrsching und könnte das Herzstück einer lebendigen Ortsmitte werden.“ Deshalb will sie zusammen mit Verwaltung und Ratskollegen nach Leutkirch fahren, wo ein Bahnhof auch dank einer Bürgergenossenschaft saniert wurde. Der Projektleiter Christian Skrodzki, gelernter Banker, ist übrigens zuversichtlich, den Bürgern Geld entlocken zu können: Geld, sagt er im Gespräch mit herrsching.online, ist genug da in Bayern. Es liegt halt nur auf den falschen Konten.




