„Nicht nach Gutsherrenart im Bauausschuss beschließen“

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Gemeinderat Alexander Keim

Der neue Bauturbo wird als Wunderwaffe gegen die Wohnungsnot geprießen. Und Herrschings Mehrheit im Bauausschuss hat deshalb schon einmal den Turbo in Widdersberg angeworfen und die Genehmigung eines Mehrfamilienhauses im Außenbezirk durchgewinkt. Der FDP-Gemeinderat Alexander Keim wehrt sich im Interview mit herrsching.online gegen eine Landschaftszerstörung durch die hemmungslose Anwendung des Bauturbos. Herrsching habe nämlich keine Wohnungsnot, sondern ein Bezahlbarkeitsproblem. Sein Gegenvorschlag: Nicht im Außenbereich versiegeln, sondern im Ort bezahlbaren Wohnraum schaffen.

herrsching.online: Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Wohnungsnot in Herrsching?

Keim: Reden wir Klartext: Eine Wohnungsnot, die ein Mehrfamilienhaus auf der grünen Wiese in Widdersberg rechtfertigt, gibt es in Herrsching nicht. Was wir haben, ist ein Bezahlbarkeitsproblem – und das trifft genau die Falschen: junge Familien, Pflegekräfte, Handwerker, Erzieherinnen, die sich ihren eigenen Heimatort nicht mehr leisten können. Diesen echten Bedarf nimmt die CSU-SPD-Mehrheit nun als Vorwand, um den Bauturbo dort zu zünden, wo er am wenigsten hilft und am meisten zerstört. Wer wirklich bezahlbaren Wohnraum für Herrschinger schaffen will, fängt im Ort an – nicht auf einer Wiese ohne Infrastruktur, wo man selbst für die Frühstückssemmel nach Herrsching oder Seefeld fahren muss. Die soziale Frage wird hier vorgeschoben, nicht beantwortet.

herrsching.online: In welchen Fällen halten Sie es für vertretbar, dass die Gemeinde Bauen im Außenbezirk und Bauen außerhalb von bestehenden Bebauungsplänen erlaubt?

Keim: Im Grundsatz nur als seltene, hart begründete Ausnahme – und Widdersberg ist das genaue Gegenteil davon. Hier soll mitten in einer landwirtschaftlichen Fläche im Außenbereich, weit entfernt von der übrigen Bebauung, ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen entstehen, in einem Gebiet, in dem eigentlich nur die Landwirtschaft bauen darf. Und der Auslöser? Eine bloße formlose Anfrage eines möglichen Investors. Mehr brauchte es nicht, damit die Mehrheit den Paragrafen 246e aus dem Hut zog und signalisierte: Könnten wir uns vorstellen. So entsteht kein Wohnraum, sondern ein Präzedenzfall – die Einladung an den Nächsten, der seine Wiese am Ortsrand zu Bauland machen will. Für mich gilt: Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Und wenn Herrsching den Bauturbo überhaupt nutzt, dann nach vorab beschlossenen, transparenten Kriterien, die für alle gelten – nicht nach Gutsherrenart im Bauausschuss. Eine Mehrheit, die im Einzelfall nach Gefühl entscheidet, ersetzt Recht durch Beliebigkeit.

herrsching.online: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Zielkonflikt zwischen der Ankurbelung von Bauprojekten und Landschafts- und Naturschutz?

Keim: Selbstverständlich – und wer das bestreitet, hält die Bürger für dumm. Jeder versiegelte Quadratmeter ist für immer weg. Und ausgerechnet die Landschaft, die hier verbaut werden soll, ist Herrschings größtes Kapital: Sie trägt Tourismus, Lebensqualität und den Wert jedes Grundstücks im Ort. Wer sie der Bequemlichkeit eines beschleunigten Verfahrens opfert, sägt am eigenen Ast. Der Bauturbo gibt der Gemeinde mehr Macht – und die Mehrheit beweist gerade, dass sie damit nicht verantwortungsvoll umgeht. Tempo ist kein Ersatz für Augenmaß. Wir wollen schneller bauen, ja – aber im Bestand, in den Lücken, in die Höhe. Nicht auf der Wiese, nicht im Außenbereich, und nicht als Einstieg in die Tegernseeisierung Herrschings.

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