Durch die Nikolauskirche schwebten Klänge, die mutmaßlich noch nie in einer deutschen, ganz sicher aber nicht in einer Herrschinger Kirche zu hören waren: Aus einem Seitengang kamen plötzlich zarte Klänge einer Mundharmonika, und das 33-köpfige Orchester ließ das „Lied vom Tod“ anklingen. Der Mundharmonikaspieler entpuppte sich als Holm Dressler, Thomas Gottschalks Fernsehproduzent. Es war nicht die einzige Überraschung dieser klangvollen Stunde: 19 Luftballons haben bei der gleichnamigen Polka taktvoll ihr Leben geopfert für knallige Effekte. Das Publikum in der Kirche rastete ob dieser Special effects förmlich aus, das Konzert war – jetzt in der Westernsprache – von echter Kracher.
Das Konzertprogramm wird, so die Dirigentin, gemeinsam mit den Musikerinnen erarbeitet, wobei die Erfahrung den Taktstock führt: ein Musical, ein Medley aus der Popmusik und eine Referenz an die klassische Blasmusik sind die Erfolgsgaranten. Im letzten Jahr hatten sich Dehn und ihr Orchester an America von Leonhard Bernstein gewagt (und gewonnen), Stücke aus der WestSideStory lösten Beifallsorkane aus und ABBA hatte als Rausschmeißer perfekt funktioniert.

In diesem Jahr fuhr dem Publikum in der Kirche die Polka Luftballon mit Knalleffekten in die Beine, ein Medley aus Udo-Jürgens-Hits grüßte aus dem letzten Jahrhundert. Natürlich war auch Hildegard Knefs Ewigkeitshit Für mich soll’s rote Rosen regnen ein Erfolgsgarant. Einen Höhepunkt vor dem großen Finale borgte sich die Blaskapelle von dem italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone aus Spiel mir das Lied vom Tod. Den Charles Bronson im Film gab in Herrsching der ebenfalls berühmte Fernseh-Produzent Holm Dressler, der seit 1984 in Herrsching lebt und übrigens am 13. Dezember seinen 76. Geburtstag feiert. Vielleicht bekommt er zum Dank für den Gastauftritt ein Ständchen von der Blaskapelle.
Wieviel Zeit, Beharrlichkeit, Talent und Disziplin in einem solchen Konzert stecken, können sich vermutlich viele Zuhörer nicht vorstellen. 70 Mal im Jahr treffen sich die Musikerinnen und Musiker im Jahr zu den Proben, die Übungsstunden zu Hause nicht mitgerechnet. So übt zum Beispiel Trompeter Klaus Wirries im heimischen Heizungskeller. „Beim Üben gibt es einen schönen Nebenaspekt: Man vergisst sofort Probleme, Ärger oder Sorgen des Alltags, man denkt nicht mehr an die Arbeit oder andere Dinge. Deshalb lasse ich mir auch meine Dreiviertelstunde am Tag nicht nehmen.“
Ein Orchester ist nicht nur ein Klangkörper, sondern auch ein kompliziertes soziales Gemeinwesen. Trompeter Wirries: „Wenn bei zehn Musikern neun die Erste Stimme spielen und nur eine die Begleitung macht, gibt das eine furchtbare Musik. Wenn aber einer die erste und ein anderer die zweite Stimme spielt und acht begleiten, gibt das eine wunderschöne Musik. Beispiel Rolling Stones. Die Hintermannschaft wird viel zu wenig erwähnt. Auf die setzen sich dann die Solisten drauf. Wenn die Hintermannschaft anschiebt und einen Grund-Rhythmus gibt, wird’s gut werden. Wir sind zum Beispiel mit drei Posaunen besetzt, das ist mehr als mächtig, das schiebt die Musik an. Da kommt es auf die Flügelhörner oder die Klarinette hin und wieder mal an, aber die anderen müssen übers ganze Stück die Leistung bringen.“
Dass die Herrschinger Blaskapelle inzwischen ein Level erreicht, das ein Konzert mit zehn Stücken trägt, verdankt sie auch der Dirigentin Gabriele von Dehn, die seit 19 Jahren am Dirigentenpult steht. Vereinsvorstand Bruno Türk versprach denn auch in seiner kleinen Dankesrede, dass der Blumenstrauß für von Dehn „im nächsten Jahr zum Jubiläum größer ausfällt“. Was auch im nächsten Jahr nicht mehr steigerungsfähig sein dürfte, ist der Applaus (Klaus Wirries: „Der trägt uns über Wochen weiter- davon zehren wir lange Zeit“).

Der Pfarrer der Nikolauskirche, Simon Rapp, hatte in seinen Begrüßungsworten die gute Laune schon mal geweckt: „Man könnte neidisch werden“, meinte beim Blick auf (s)ein volles Haus, „die Blaskapelle hat offensichtlich eine größere Fangemeinde.“
Weil neben der Leistung der Dirigentin Gabriele von Dehn auch alle Musikerinnen und Musiker einen großen Tag hatten, seien sie hier einzeln aufgeführt:
• An den drei Querflöten: Anne Jäger, Mi Young Knippelmeyer-Park und Elisabeth Pelz;
• am stärksten vertreten waren Klarinetten und Saxophon: Alexandra Bigge, Theresa von Dehn, Dr. Svenja Dittrich, Christine Fogt-Groß, Claudia Knof, Regine Lauffer, Dr. Stephanie Lishek, Elke Sommer und Blaskapellle-Vorstand Bruno Türk, der sogar einen Solopart spielte;
• am Flügelhorn und an den Trompeten: Alexander Auhuber, Christophe Blanc, Susanne Haas, Markus Haase, Alexander Schümann und Klaus Wirries;
• am Tenorhorn und Bariton: Ingbert Bauknecht, Xaver Renz, Heinz Süß, Andreas Türk und Andreas Weiß;
• am Horn und Posaunen: Josephine Haase, Jakob Lishek, Jürgen Pelz, Severin Sutor und Simone Rummel;
• an der Tuba Hartmut Groenda, Dr. Clemens Helmbrecht;
• am Schlagzeug und Percussion: Manuel Dreher, Markus Kaiser und Magdalena Römmelt,
• am Dirigentenpult Gabriele von Dehn. Die Moderation hatte wieder Tom Kaiser.





