Sie schippten, als müssten sie die Tiefgarage ausgraben: Die Spatenstichler beim Festakt am Mühlfeld. Von links nach rechts: Architekt Professor Schürmann, die Fördervereins-Vorsitzende Sulzmaier, die Ku-Mi-Vertreterin Grams-Loibl, die Landtagsabgeordnete Eiling-Hütig, Landrat Stefan Frey, Bürgermeister Schiller, Kreiskämmerer Pilgram und Projektleiter Hasler

Gymnasium auf kostbarem Grund: Landrat schwingt mit Stolz die Schippe

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Da hätten die 7 Damen und Herren lange schippen können, um 60 000 Kubikmeter Erdreich zu bewegen, aber sie haben es ja nur für die Fotografen gemacht: Das neue Gymnasium des Landkreises Starnberg hat nun auch den offiziellen Spatenstich hinter sich. Landrat Stefan Frey genoss den Anlass sichtlich, zwischen Flüchtlings-Management und Corona-Politik etwas für die „Ewigkeit” zu schaffen: Das Gymnasium über dem Ammersee ist eines der baulichen Leuchtturmprojekte des Kreises: Ein Schulgebäude dieser Größe „in einem Land, das von Regeln geprägt ist”, wachsen zu sehen, erfülle ihn mit „Stolz”. Stolz sind auch die Kosten: Der Landkreis verbaut auf dem „kostbaren Grundstück” (Architekt Schürmann) 88 Millionen Euro – und die dürften, so der Landrat vorsichtig, nicht reichen.

Professor Felix Schürmann: „Mit Beton muss man selbstkritisch umgehen”

Stolz ist auch der leitende Architekt des Projektes, Professor Felix Schürmann, der mit dieser Schule ein Pionierprojekt in die Wiese zwischen Panoramastraße und Ammersee setzt: Das zweigliedrige Gebäude liegt auf einem Betonsockel, aber die beiden oberen Geschosse werden aus Buchenholz entstehen. „Mit diesem Werkstoff Holz haben wir die konstruktive Entsprechung zu dem kostbaren Grundstück”, sagt Professor Schürmann im herrsching.online-Interview. Schürmann ist die ökologische Brisanz von Beton sehr bewusst. Deshalb fiel die Wahl des Baustoffs für die beiden oberen Geschosse auf eine Leimbinder-Konstruktion aus Buchenholz.

Das Gymnasium besteht aus 2 Gebäuden: der Schule und der Sporthalle, die im Untergeschoss miteinander verbunden sind. Das Erdgeschoss schiebt sich zum Teil in den Hang und bildet den Sockel für die beiden Geschosse. Sie sind in vier Einzelhäuser aufgeteilt. Im Untergeschoss der Schule liegen Technik- und Lagerräume und die Tiefgarage für 80 Autos, 230 Fahrräder und 10 Motorräder. Über das Untergeschoss angebunden entsteht westlich der Schule die Dreifachturnhalle. Die Umkleiden- und Nebenräume befinden sich weitgehend unter den Außenanlagen. Dort macht sich auch der Sportplatz breit.

Das Energiekonzept sieht eine Geothermie-Anlage vor, damit das Gebäude in die Energie-Effizienzklasse EG 40+EE kommt.

Mitgedacht und mitgeplant ist auch ein fortschrittliches Lernhauskonzept: Professor Schürmann schwärmt vom Lernen, das „selbstverantwortet” funktioniert und den traditionellen Frontalunterricht soweit wie möglich ersetzen soll. Die Schule, so Schürmann, sei wie eine Wohnung organisiert. Für die bayerische Schulphilosophie also ein Paradigmenwechsel – das Ku-Mi in München (Lehrersprech für Kultusministerium) galt nicht als Brutstätte für alternatives Lernen. So wurde eine Gesamtschule in München Neuperlach jahrelang von den Ministerialen mit äußerstem Misstrauen begleitet.

Mit Misstrauen blickte auch der damalige Minister für Unterricht und Kultus, Ludwig Spaenle, auf die Forderungen nach einem zweiten Gymnasium im westlichen Landkreis. Er glaubte nicht an die Prognosen der Schülerzahl-Entwicklung. Aber er hatte nicht mit dem Ehrgeiz und der Hartnäckigkeit des Fördervereins zweites Gymnasium gerechnet. Die Co-Vorsitende Dr. Sonja Sulzmaier, berichtete herrsching.online beim Spatenstich, wie sie mit ihrem Kollegen Jens Waltermann für das Gymnasium gekämpft hatte.

2013 hatte sich die CSU-Kreisgruppe in Andechs getroffen, Ehrengast war der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer. Vor dem Bräustüberl waren zahlreiche Bürgerinitiativen versammelt, um der bayerischen Staatsregierung die Starnberger Weisheiten zu vermitteln. Sonja Sulzmaier erinnert sich noch genau daran, wie Seehofer im Bräustüberl verschwand und nur die beiden Vertreter des Fördervereins mit in den Saal bat. Dort hörte er sich die Argumente von Waltermann und Sulzmaier geduldig an und versprach dann, das Gymnasium-Projekt zur Chefsache zu machen. Und tatsächlich beschloss dann der bayerische Ministerrat im Sommer 2013 den Bau der Schule.

Demo fürs Herrschinger Gymnasium: Der Förderverein zog alle Register, um den Herrschinger Schülern das Pendeln nach Gilching und Germering zu ersparen. Sie zogen sogar Masken mit dem Gesicht von Kultusminister Spaenle auf, der sich den Wünschen der Herrschinger und Starnberger verweigerte. Sonja Sulzmaier und Jens Waltermann konnten dann zusammen mit der CSU-Abgeordneten Eiling-Hütig Ministerpräsident Seehofer überzeugen, der das Projekt zur Chefsache machte. Foto: Sulzmaier

An diesem Prozess war auch die CSU-Landtags-Abgeordnete Dr. Ute Eiling-Hütig beteiligt. In ihrer Ansprache beim Spatenstich erinnerte sie an ihren Anteil an diesem Beschluss und machte kein Hehl daraus, dass er gegen den Willen von Ludwig Spaenle gefallen war. Landrat Stefan Frey meinte dazu mit feiner Ironie, dass es „manchmal nicht ohne einen Draht zur politischen Spitze geht” (Er muss es wissen, schließlich hatte er 2021 dank guter Kontakte eine Extraportion Corona-Impfstoff besorgt).

Übrigens soll auch der damalige Finanzminister Dr. Markus Söder gegen das Herrschinger. Gymnasium gewesen sein.

Das Gymnasium soll nach dem jetzigen Stand der Dinge zum Schuljahr 2024/2025 den Unterricht aufnehmen. Zur Zeit werden die Spezialtiefbauarbeiten vorbereitet. Bis Mitte April sind die Erdarbeiten abgeschlossen. Dann folgen die Arbeiten an der Dichtwand und am Anker. Die vollständige Fertigstellung der Braugrubensohle ist bis Mitte September geplant. Ab Anfang August kann wahrscheinlich schon mit Rohbauarbeiten begonnen werden, die im Juni 2023 beendet werden sollten. Dann können die Holzbauarbeiten beginnen. Die Buchenholz-Elemente werden in Leimbinder-Konstruktion angefertigt und können deshalb schon vorgefertigt angeliefert werden. Buchenholz, so Professor Schürmann, sei sehr hart, aber beim Bau gegen Feuchtigkeit empfindlich. Deshalb muss das Holz zügig verbaut werden.

Die sogenannten Herrsching-Klassen am Gymnasium von Gilching werden im Sommer 2024 geschlossen an den Ammersee umziehen. Sie genießen dann einen der schönsten Ausblicke, die man als Schüler bekommt – eben wie die wohlhabenden Anwohner der Panoramastraße, unter denen es nicht nur begeisterte Anhänger des Großprojektes gibt: Im Gemeinderat musste die Bauamtsmitarbeiterin Melanie Faude 40 Seiten Einwände von 5 Gegnern vorlesen – samt Entgegnung der Verwaltung: Zuviel Pausenlärm, verbaute Aussicht, Wertverlust der Grundstücke und Verstöße gegen das Naturschutzgesetz, warfen die Anwohner den Planern vor.

Sogar die Frage, ob es der Feuerwehr rechtlich erlaubt sei, bei Einsätzen über den Pausenhof zu fahren, ist nun geklärt. Sie darf, sagte der Rechtsbeistand der Gemeinde, Dr. Jürgen Busse.

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