Von Susanne Böllert
Während in München im früheren Wohnhaus Franz von Lenbachs heute die Städtische Galerie beheimatet ist und schwerpunktmäßig Werke des Blauen Reiters und der Neuen Sachlichkeit präsentiert, kann sich das kleine Herrsching rühmen, ab 17. Oktober 14 Uhr Ausstellungsort noch nie gezeigter Werke des Münchner Malerfürsten zu sein. Zu sehen sind sie bis 8. November.

„Die Bilder haben ja alle ihr Wesen und nun, hier ausgestellt, kommt es in anderer Weise zur Wirkung“, sagt Reinhold Neven Du Mont, er sei sehr zufrieden. Der ehemalige Inhaber des Kiepenheuer & Witsch Verlages befindet sich in Herrschings Kurparkschlösschen. Er blickt auf die Werke seines Großvaters, die Kuratorin Catharina Geiselhart an Wände und Stellwände gehängt hat. Das klare Oktoberlicht, das durch die Fenster fällt, bescheint die schnellen Skizzen, die Vorstudien und auch die ausgearbeiteten Ölgemälde. Alles Werke, die Franz von Lenbach Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts angefertigt hat. Mit Bleistift, Kohle, Rötel, Pastellkreide oder Öl auf Pappe oder Leinwand. Einige Skizzenbücher, die ihn als ohne Unterlass Übenden sowie außergewöhnlichen Zeichner zeigen, ergänzen die über drei Stockwerke reichende Ausstellung.
„Normalerweise befinden sich die Bilder im Depot, sorgsam in Bläschenfolie verpackt, vor Licht und Feuchtigkeit geschützt. Keiner sieht sie“, sagt der Leihgeber. Wenn man aber eine solch bedeutende Bildersammlung besitze, dann sei man dazu verpflichtet, diese einmal öffentlich sichtbar zu machen. So erklärt der Wahl-Herrschinger, weshalb nun rund 50 Werke aus dem großväterlichen Erbe über drei Wochen im Schlösschen zu sehen sind. Man könnte aber auch sagen, dass nun endlich die Portraitierten, darunter Herzogin Ludovika von Bayern (Sissis Mutter), Königin Isabella II. von Spanien oder auch Otto Fürst von Bismarck, ihren Betrachtern ins Gesicht sehen können.
Eben dieser Dialog zwischen Betrachter und Betrachteten sei ja eines der großen Verdienste, die Lenbach – von Kunsthistorikern gern als wenig revolutionär kritisiert – gebührten, sagt Geiselhart. „Lenbachs Meisterschaft war es, aus einer historischen Figur ein aktuelles Gegenüber zu machen. Seine Portraits konservieren den Augenblick, fangen den Charakter des Gemalten ein und so treten wir mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung noch immer in direkten Austausch mit den Portraitierten“, erklärt die Zweite Vorsitzende des Herrschinger Kulturvereins. Im ersten Stock befinden sich die Werke, die der Leihgeber als seine Lieblingsbilder bezeichnet. „Das sind natürlich besonders die Portraits meiner Mutter. Denn die Mutter ist die Mutter ist die Mutter“, sagt der Sohn selbstironisch.
Vor allem aber zeigten sie, welch liebevoller und zärtlicher Vater Lenbach gewesen sei. Tatsächlich sind die Bilder von Gabriele sowie ihrer Schwester Marion und ihrer Mutter Lolo die wahren Entdeckungen im Schlösschen. Gerade Gabriele, Lenbachs Jüngste, blickt uns aus ihren hellen Augen so direkt an, als wolle sie sagen: „Lasst mich mit meinem Holzpferdchen weiterziehen, anstatt hier still zu stehen.“ Tatsächlich aber dürfte die Kleine durchs Haus getollt sein, während ihr Vater ihr rundes Gesichtchen, das weiße Blüschen und das verwuschelte Haar malte: Als Vorlage diente ihm ein Foto. Geiselhart zeigt die Reproduktion einer Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der unverkennbar das kleine Mädchen mit dem verrutschen Trägerchen zu erkennen ist. Es lehnt, locker von ihm gehalten, an der Brust des Vaters, über die sich der graue Bart wellt. Sekunden zuvor muss Lenbach auf den Selbstauslöser in seiner Linken gedrückt haben.
Wie fortschrittlich und technologieoffen der nicht selten als reaktionär eingestufte Malerfürst in Wirklichkeit war, ist eine weitere Entdeckung, die die Besucher machen werden. Gerade in seinen späteren Jahren bediente sich der Künstler seiner Fotografien sowie Skizzen und Farbstudien als Hilfestellung für die Portraits, auf die die Granden seiner Zeit so versessen waren. So manche Reproduktion Lenbachscher Fotografien korrespondiert in Herrsching mit den vollendeten Werken.

Der Kulturverein, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert und zu diesem Anlass sowie zum 190. Geburtstag Lenbachs (*13.12.1836) seine bisher hochkarätigste Ausstellung veranstaltet, würde sich freuen, wenn sich noch der ein oder andere Freiwillige fände, der eine der Zwei-Stunden-Schichten im Kurparkschlösschen übernehmen könnte.
- Die Öffnungszeiten: Mo – Fr von 14 bis 18 Uhr, Sa + So, 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet neun Euro, reduziert sechs, für Kinder und Jugendliche ist die Ausstellung kostenlos.
- Am Samstag, 24. Oktober, um 17 Uhr liest Neven Du Mont die Erzählung „Es lebe die Kunst“, die er auf Lenbach verfasst hat.
- Öffentliche Führungen finden sonntags um 11 Uhr statt, After Work immer mittwochs ab 18 Uhr.



