Theater auf Tuchfühlung

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Residenztheater im Gymnasium Herrsching

Das Residenztheater führt am Gymnasium Herrsching „Wolf“ von Saša Stanišić auf

Von Susanne Böllert

Passen, pritschen, baggern, bolzen, balancieren: Die Gymnasiasten nutzen ihre brandneue Dreifachturnhalle auf unterschiedliche Art und Weise. 60 Minuten lang (mehr oder weniger) still auf den blauen Matten hocken, zuhören und zuschauen – das haben sie bislang noch nicht ausprobiert. Am Dienstag aber hat diese ungewöhnliche Turnhallennutzung Premiere gefeiert. Zu Gast war nämlich das Münchner Residenztheater, das den fünften Klassen in der Reihe „Resi + Schule“ das bühnenadaptierte Stück „Wolf“ zeigte, das auf dem gleichnamigen Roman von Saša Stanišić basiert.

„Wir haben das Buch zuvor gelesen, es ist unheimlich dicht und spricht sowohl Erwachsene als auch Kinder an“, erklärt Deutschlehrer Maurus Adam, der sich selbst als eingefleischten Theaterfan bezeichnet. Als er erfuhr, dass die „mobile Reihe“, mit der das Residenztheater seit knapp vier Jahren in Grund- und weiterführenden Schulen gastiert, in dieser Saison das Stück „Wolf“ zum Thema Mobbing und Außenseitertum präsentiert, war das ein echter Glücksfall für den jungen Lehrer. Also lud die Fachschaft Deutsch die drei Nachwuchsschauspieler Elisa Bartelt, Laila „Muckl“ Gullotta und David Schmidt nach Herrsching ein, die vor Ort mit den versammelten Fünftklässlern in den Wald reisen würden, den die Schüler bereits aus der Lektüre kannten.

Mit großer Freude und Ungezwungenheit interpretierten die Drei wechselnde Rollen, verkörperten mal die übermotivierten und gleichzeitig irgendwie desinteressierten Betreuer, mal den in sich gekehrten Jörg, der ausgeschlossen, verlacht und attackiert wird, ebenso wie Marko, den fiesen Mobber, oder auch den gutmütigen Koch, die einzige wirklich sympathische Erwachsenenfigur. Immer wieder wird die Figur des Ich-Erzählers Kemi aufgeteilt und von allen drei Schauspielern gesprochen und gemimt. Für die Kinder mag dieser Kunstgriff verwirrend gewesen sein. Seine Rolle zu finden – das ist aber auch Thema des Stücks.

Linda Nerlich machte die Nachbesprechung.

Ziel von „Resi + Schule“ sei es wiederum, den Erstkontakt zum Theater so niederschwellig wie möglich zu gestalten, erklärt Theaterpädagogin Linda Nerlich gegenüber herrsching.online. Mit „Wolf“ erleben die Herrschinger Kinder Theater in „ihrem Habitat“, wobei der bekannte Raum „Turnhalle“ uminterpretiert wird und sich mithilfe einiger Zelte und einer Handvoll Requisiten in ein Ferienlager verwandelt.

Für ein „Theatererlebnis auf Tuchfühlung“ durchbrechen die Schauspieler regelmäßig die vierte Wand. So ist diie Grenze zwischen Figuren und Publikum fließend. Die jungen Interpreten setzen sich zwischen die Kids, schlagen Federbälle in die Turnmattenreihen, wenden sich an die Schüler – und ziehen sie an einer entscheidenden Stelle mitten hinein ins Stück und ins Mobben selbst: Denn Marko reißt Jörg einen Schuh vom Fuß, wirft ihn ins Publikum und fordert: „Gebt ihn weiter, ihr könnt ihn behalten, nicht zurückgeben! Werft ihn weiter!“ Jörgs leises Bitten, man möge ihm den Schuh wiedergeben, verhallt. Die Kinder, zwischen Mitleid und Spieltrieb hin- und hergerissen, behalten den Schuh.

Im anschließenden Gespräch mit dem „Fachpublikum“, als das Linda Nerlich die zehn- bis elfjährigen „Wolf“-Experten beschreibt, sagt ein Mädchen den einen Satz, der so gut beschreibt, in welcher Zwickmühle Beobachter von Mobbing-Attacken häufig stecken: „Eigentlich wollten wir den Schuh ja zurückgeben, aber wir wollten ja auch nicht selbst zu Außenseitern werden.“ Und der Wolf? Wer oder was ist eigentlich der Wolf, der Kemi und Jörg immer wieder in Angst und Schrecken versetzt, wollen die Kinder wissen. Ist es ein reales gefährliches Tier oder Symbol für die Angst, die es zu überwinden gilt? Oder ist der Wolf gar das verbindende Element einer aufkeimenden Freundschaft zwischen zwei ehemals Einsamen, die nun gemeinsam Spuren hinterlassen und wirksam werden?

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