Am Altar der Heilig-Geist-Kirche werden selten Mord und Totschlag, Intrigen und Komplotte verhandelt. Eine dieser Ausnahmen fand in der Kulturkirche 400 gespannte Zeugen: Oliver Pötzsch, 55, Bestsellerautor und ehemaliger BR-Journalist, breitete am Mittwoch noch einmal eines der dunkelsten Kapitel bayerischer Geschichte aus – das tragische Ende des Märchenkönigs Ludwig Zwei. 3000 Bücher seien über den Tod des „Justin Bieber des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts“ geschrieben worden, sagte Pötzsch in seiner Lesung, „und zwei Drittel davon verbreiten Blödsinn“. Ein Versprechen allerdings löste der Autor, der im Schatten des Breitbrunner Johannes-Kircherls aufgewachsen war, nicht ein: Was vor genau 150 Jahren mit Ludwig II im Starnberger See passiert war – „Sie werden es heute erfahren“. Am Schluss, kurz vor dem Agatha-Christie-Moment, ließ er den Ausgang seiner „Ludwig-Verschwörung“ (Ullstein Verlag) offen. Spoiler: Pötzsch glaubt wohl nicht an die offizielle Version von Suizid mit vorausgegangenem Psychiater-Mord. Wie der Buchtitel andeutet, hält er eine Verschwörung der Münchner Regierung für wahrscheinlicher.

Angekündigt hatten die Kulturkirchen-Macher eine schlichte Lesung, aber Pötzsch machte aus der Lesung eine erlesene Kleinkunst-Performance. Der Altar war hinter einem Vorhang verborgen, als müsse das schändliche Kapitel bairscher Geschichte vor dem Allerhöchsten verborgen werden. Pötzsch kam mit Gitarre auf die Bühne, die historischen Improvisationen und Lesungen aus dem Buch kommentierte die Bäuerin, Chorleiterin und Sängerin Andrea Tafertshofer aus Wiehlenbach mit Couplets von Valentin, dem Roider Jackl und anderen. Sie bildete mit ihrer rustikal-sympathischen Interpretation einen erfrischenden Kontrast zur Pötzschen Professionalität. Die beiden passen zusammen wie ein Gemälde und sein barocker Rahmen.
Der Autor („Nächste Woche stehe ich mit meinem neuen Buch auf Platz 6 der Spiegel-Bestsellerliste“) baute einen Spannungsbogen vom bauwütigen Frauenschwarm Ludwig zum fetten, zahnarmen, menschenscheuen Phantom-Monarchen auf, der 14 Millionen Reichsmark Schulden angehäuft hatte. Und bei einem Regenten, der den Staat in den Ruin treibt, kommen eben Minister auf finstere Gedanken: Wie wird man den unberechenbaren, verschwendungssüchtigen Kini los? Pötzsch berichtete von einem Gesetz, das die Absetzung eines offensichtlich nicht regierungsfähigen Monarchen erlaubt, wenn er ein ganzes Jahr lang seine Funktion nicht ausüben kann. Und da kamen die Minister auf den Psychiater Dr. Bernhard von Gudden, der per Ferndiagnose in einem Gutachten zum Schluss kam: Ludwig ist verrückt. Pötzsch hält allerdings nicht viel von dieser Diagnose – er verfügt da über familiäre Expertise, sein Vater ist Arzt und Therapeut. Nur weil Ludwig ein Popstar war (die Verehrung der Landbevölkerung für Ludwig verglich Pötzsch mit der Popularität von Michael Jackson), muss man nicht zwangsläufig verrückt sein. Pötzsch widmete in seinem Buch auch ein Kapitel den sogenannten „Fangkommissionen“, die den Auftrag hatten, den König, nun amtlich als nicht mehr regierungsfähig gemustert, einzufangen und nach Berg an den Starnberger See zu bringen. Der erste Versuch, so Pötzsch in seinem Buch, scheiterte an Dreschflegeln und Sensen der Allgäuer Bevölkerung, die ihren Kini verteidigte.
Und dann war er also doch in Berg, entmündigt, verschmäht und gedemütigt. Was dann am 13. Juni 1886 im damaligen Würmsee, also dem Starnberger See, passierte, ist für Verschwörungstheoretiker bis heute eine hollywoodreife Vorlage. Pötzsch jedenfalls breitet drei Theorien aus, über die Kini-Freunde, Ludwig-Gegner, Besserwisser und Geschichtsklitterer herfallen wie Jagdhunde über das Gekröse. Pötzsch jedenfalls, so haben wir ihn verstanden, hält eisern zu den Kini-Freunden, die ihn nicht für verrückt, allerdings auch für korrupt halten (er hat sich von Bismarck bestechen lassen). Und er glaubt wohl auch nicht an den Suizid Ludwigs mit vorangegangenem Mord an seinem Leibarzt Bernhard von Gudden. Pötzsch, ganz im Sinne eines spannenden Plots für sein Buch, erwähnt ein Luftgewehr, das beim Mordkomplott der Minister im Spiel gewesen sein könnte („deshalb hörte man auch keinen Schuss“). Bei der Obduktion Ludwigs habe man sogar das Gehirn untersucht, aber vergessen, in der Lunge nach Seewasser zu suchen. Schlamperei oder Verschleierung?
Immer wieder testet Pötzsch sein Publikum mit Pointen, die skurrile Vergleiche mit Gegenwartsbezug enthalten. Übertragen auf die Jetztzeit würde die damals offizielle Suizid-Version so lauten: Regent Söder schwimmt als Leiche im Wasser, neben ihm der gemeuchelte Dr. Müller-Wohlfahrt. Und der Mörder ist – Manfred Weber.
Stürmischer Applaus für Pötzsch und seine musikalische Begleitung. Was brauchen wir einen Tatort, wenn wir einen Kini haben.
Gerd Kloos





