In Herrsching wurde das Vorbild für alle NS-Finanzschulen errichtet. Das Bild entstand während einer öffentlichen „Geschichtsstunde" der Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer.

„Der Gemeinderat hat es beschlossen und fertig“

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Die Leserkommentare zum Dauerstreit über die NS-belasteten Straßennamen bringen viele kluge Argumente, sind voller Empörung, enthalten Vorwürfe an den Gemeinderat, fordern einen Schlussstrich. Doch der ist noch lange nicht gezogen. Wir haben wichtige Kommentare unserer Leser zu diesem Thema gesammelt und geben hier ein Meinungsbild wieder. Die Gegner von Straßenumbenennungen sind in dieser Zusammenstellung unterrepräsentiert, weil sie sich offenkundig nicht exponieren wollen. herrsching.online hat keine Meinungen unterschlagen. Die Kommentare stammen aus den Jahren 2025 und 2026.

Hoffnung auf neuen Gemeinderat

Es ist wirklich traurig, dass das Vertrauen in Entscheidungen des Gemeimderats immer weiter schwindet. Ob Baumschutz, Geothermie oder jetzt die Strassenumbenennungen usw.! Immer wieder nach langen Verhandlungen, Gutachten und Befragungen das AUS der bereits genehmigten Vorhaben. Da bleibt nur zu hoffen, dass das im Mai mit dem neuen Gemeinderat eine neue Richtung bekommt.

Ingeborg Donhauser

Dazu wird es nicht kommen

Beim amtierenden Bürgermeister wird es leider nicht dazu kommen.

Karl-Heinz Wirth

Wann hört das endlich mal auf?

Aber die Millionen, die die Gemeinde von Madeleine Ruoff bekommen hat, wurden gerne genommen. Wann hört das endlich mal auf? Vergangen ist vergangen. Ich rede nicht von Vergessen, aber irgenwann ist es auch mal gut. Und die Kosten trägt mal wieder der Bürger.

Petra B. (Name war nicht ausgeschrieben)

Wochen vor der Abstimmung das Ergebnis verkündet

Wer absichtlich die Frösche befragt um dann ein Argument gegen die Umbenennung zu haben, manipuliert. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Herr Schiller hat schon Wochen vor der Abstimmung das Ergebnis gegenüber Anwohnern verkündet.

Max Kellner

Bürgermeister hat doch einige Fans

Ich meine, er wurde mit knapp 66% wieder gewählt – der Bürgermeister hat also auch einige Fans in Herrsching oder? Und die Themen Baumschutz (nur mal so: wenn ein Baum stirbt, dann muss er einfach gehen, sonst wird er zur Gefahr für Leib und Leben) und Geothermie wurden (die Entscheidung trifft immer noch ein Amt in München) wurden hier doch schon mehr als einmal durch diskutiert. Für den neuen Gemeinderat gibt es einiges zu tun – wir durften die Zusammensetzung mitbestimmen und dürfen auf die Zeit ab Mai warten. Ich bin gespannt – geben wir allen Mitwirkenden die Chance auf einen Neustart in der neuen Konstellation.

Lily Werner

Beim Baumschutz geht es um höchst lebendige Bäume

Nur mal so: beim Baumschutz geht es um höchst lebendige Bäume und um deren Erhalt. Dass kranke und möglicherweise morsche Bäume gefällt werden müssen, steht nicht zur Diskussion.

Regine Böckelmann

Schwierig, in den Gemeinderat Vertrauen zu haben

Liebe Frau Donhauser. Ich schließe mich an. Es ist schwierig in den Herrschinger Gemeinderat, den Bürgermeister und die Verwaltung Vertrauen zu haben. Die Mehrheit der Strassenanwohner (eigentlich eine Minderheit in Herrsching) nimmt dem Gemeinderat die Entscheidung ab und dieser widerlegt seine eigene Vorabentscheidung für eine Umbenennung. Ich finde das hat etwas mit Willkür und Ziellosigkeit zu tun. Vielleicht reflektiert jeder Einzelne der Akteure mal seine Grundhaltung im Abstimmungsverhalten. Ich freue mich auch auf die neu gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäte.

Heidi Körner

Da wurde eine große Chance für Herrsching vertan

Wer soll einen Gemeinderat eigentlich noch ernst nehmen, wenn einmal gefasste Beschlüsse immer wieder zurück gezogen werden? Als Bürgerin wünsche ich mir Vertreter, die zu ihrem Wort stehen.
Vor allem wenn es darum geht, Ehrungen für ehemalige Nazis oder Nazi-Anhänger endlich rückgängig zu machen. Da wurde eine große Chance für Herrsching vertan. Sehr schade. Als Lehrerin hätte ich große Probleme das Schülern zu erklären.
Dass Anwohner aus Bequemlichkeit gegen eine Umbenennung sind, muss man vielleicht gerade noch verstehen, aber das ist noch lange kein Grund, dass wir hier nach der ganzen peniblen Vorarbeit von Frau Hellerer diesen Schritt jetzt immer noch nicht bereit sind zu gehen. Wo sind die Vorbilder, woran soll sich die Jugend orientieren?

Silvana Prosperi

Ich bin eher skeptisch, ob es richtig ist, sämtliche Straßennamen genauestens unter die Lupe zu nehmen

Ich finde, dass Straßen nicht nach Verbrechern oder wirklich schlimmen Missetätern benannt werden sollen – und wenn das geschah, muss eine Umbenennung erfolgen. Ansonsten bin ich persönlich eher skeptisch, ob es richtig ist, sämtliche Straßennamen genauestens unter die Lupe zu nehmen, ob dem Namensgeber aus heutiger Sicht irgendetwas anzulasten ist.

Frau Ruoff hat, wie es im Artikel heißt, im Krieg ein Grundstück + Gebäude der Gemeinde geschenkt, um einen Kindergarten einzurichten, sowie ein weiteres Anwesen als „Müttergenesungsheim“ der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Nach dem Krieg schenkte sie der Gemeinde ein weiteres Grundstück zum Betrieb eines Kindergartens. Kindergärten und Erholungseinrichtungen für kranke Frauen waren seinerzeit keineswegs selbstverständlich, sondern fortschrittlich und modern. Die Schenkungen von Frau Ruoff dürften in ihrer Dimension vermutlich ziemlich einmalig sein in der Geschichte Herrschings. Deshalb wurde die Straße nach der Schenkerin benannt – und nicht, weil man von einem „perfekten“ Menschen ohne Fehl und Tadel ausgegangen wäre (es müssten sonst ja sehr viele Straßen umbenannt werden).

Wie gravierend die Schuld ist, die Frau Ruoff während der Nazizeit auf sich geladen hat, müssen Historiker beurteilen. Und auch, ob die Schuld einen konkreten Zusammenhang zu den Schenkungen hat. Ob die Stellungnahme von Frau Hellerer hier ausreichend fundiert und ausgewogen ist, muss der Gemeinderat beurteilen. Wenn der Gemeinderat, wie es offenbar der Fall ist, die Stellungnahme als zutreffend akzeptiert (Umbenennung angemessen), dann hätte er meines Erachtens die Umbenennung aber auch durchsetzen müssen – und zwar unabhängig vom Willen der unmittelbar betroffenen Anwohner.

Man darf gespannt sein, ob nach diesem holprigen Verfahren nun Ruhe einkehrt oder das Ganze eine never ending story wird.

Nikolaus Haeusgen

Warum wird Dr. Hellerer mit Recherchen beauftragt, wenn man Ergebnisse in den Wind schlägt?

Ich bitte Sie: Frau Dr. Hellerer ist promovierte Historikerin, ihre Dissertation befasste sich mit dem Thema Aufstieg der NSDAP im Landkreis Starnberg und wurde mit magna cum laude bewertet.
Selbstverständlich ist sie auch mit der Geschichte Herrschings in dieser Zeit bestens vertraut.
Ich frage mich ja, weshalb man sie als Expertin auf diesem Gebiet überhaupt mit den Recherchen zu den Straßennamen beauftragt hat, wenn man das Ergebnis ihrer Nachforschungen dann doch in den Wind schlägt.

Was Frau Ruoff und ihre Großzügigkeit betrifft, war es wahrscheinlich kein großes Opfer für sie, der Gemeinde eine Immobilie zu schenken, nachdem sie sich vorher durch den Erwerb „preisgünstiger“ Immobilien bereichert hatte, deren jüdische Besitzer gezwungen waren, ihr Eigentum im Zuge der „Arisierung“ zu einem Spottpreis zu verkaufen.

Regine Böckelmann

Der Gemeinderat hat es beschlossen und fertig

Ich glaube wir haben heutzutage andere Probleme. Der Gemeinderat hat es beschlossen und fertig.
Absolutes Halteverbot in der Seestraße das keinen was angeht und auch nicht kontrolliert wird. Geothermie für Herrsching. Spritpreise, Baumschutz usw.

Werner

Eine Familie betreibt Geschichtsrevisionismus

Unglaublich, dass nun mit der Namensbeibehaltung Ploetzstrasse eine Familie geehrt wird, die Geschichtsrevisionismus betreibt und sie und uns in dem Glauben belässt, dass diese Verdrängungsmechanismen in Ordnung sind. Das häufig zitierte „Gras drüber wachsen lassen“ wird nur weiteres Gären im Boden darunter hinausziehen. Wie viele Jahre braucht eine Gesellschaft, um aufzuräumen? Achtzig Jahre scheinen nicht genug zu sein.
Es ist peinlich, dass der überwiegende Teil des Gemeinderats dieses manipulative Miteinander der alteingesessenen Herrschender protegiert! Das Thema wird damit in absehbarer Zeit wieder auf der Tagesordnung stehen.

Margit Utzmann

Statt Madeleine-Ruoff-Straße Keramikstraße

Ich hoffe, dass ich mit meinen bisherigen Kommentaren nicht andere Bürger unserer Gemeinde verletzt habe. Mir wäre es auch viel lieber gewesen, wenn bei der Ploetzstrasse eine Umbenennung in Asternweg oder so erfolgt wäre. Mir als Sonderschullehrerin war und ist es besonders wichtig, dass man nicht Alfred Ploetz ehrt. Er hat behinderte Kinder als lebensunwerte Menschen dem Hitlerregime im Grunde ausgeliefert, indem er eine „wissenschaftliche“ Rechtfertigung lieferte. Er war nicht der einzige Schreibtischtäter, aber eben ein sehr hochgestellter. Mein Vorschlag für die Umbenennung der Madeleine- Ruoff-Straße wäre der frühere Name: Keramikstrasse. Der war doch wirklich originell und sehr passend.

Heidi Körner

Wie erkläre ich das einem Herrschinger Gymnasiasten?

Wie erkläre ich den zukünftigen Gymnasiasten der neu gebauten Schule der neunten Klasse in Herrsching  das Thema Alfred Ploetz und die Vergangenheit der NS-Historie vor Ort?
Zuerst gab es eine Straße, die seinen Namen trug, dann wurde sie 2002 in Ploetzstraße umbenannt und jetzt bleibt der Straßenname, der jetzt keinen Bezug mehr hat zu früher, weil es ja eine Familie Ploetz gibt, die Grundstücke zum Gemeindewohl verkauft hat, weiterhin bestehen. Wer den NS-Rassehygieniker Alfred Ploetz im Netz sucht, findet den Verweis in Zukunft erklärt, so ist es angedacht.

Patricia Wolf

Straßenname erinnert täglich an eine Frau, die sich an arisierten Immobilien bereichert hat

Ja, die Immobilie wurde gerne genommen. Und zwar 1939/40 vom Bürgermeister Ludwig Schertel, der in der Nazi-Zeit schon einmal Bürgermeister in Herrsching war und mit Madeleine Ruoff gut bekannt war.
Er war es auch, der 1967, in seiner zweiten Amtszeit, die Umbenennung der Keramischen Straße in Madeleine-Ruoff-Straße veranlasst hat. Wie kann man Vergangenes vergangen sein lassen, wenn einen dieser Straßenname täglich an eine Frau erinnert, die sich an arisierten Immobilien bereichert hat?

Regine Böckelmann

Braune Seilschaften

Wie von Frau Böckelmann zutreffend erwähnt, wurde die Immobilie gerne genommen in einer Zeit, wo Deutschland zwar offiziell den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus hinter sich gelassen hatte, aber tatsächlich nach wie vor braune Seilschaften in Deutschland verbreitet waren. Da muss man sich nichts vormachen.

Ich frage mich auch: Wann hört das endlich auf? Es wäre naiv zu glauben, rechte Strömungen hätten irgendwann in Deutschland aufgehört zu existieren. Inzwischen erleben wir einen Rechtspopulismus, wie wir ihn noch vor 20 Jahren für undenkbar gehalten haben. Geschichtslehrer in politischen Spitzenpositionen versuchen, die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland umzuschreiben, verwenden offen Parolen aus dieser Zeit und bagatellisieren sie.

Leider leben wir in einer Zeit, wo uns das vergangen Geglaubte wieder einholt.
Insofern war es überfällig, sich in Herrsching gegen eine weitere Ehrung von Personen mit eindeutigem Bezug zum Nationalsozialismus durch Straßennamen zu entscheiden. Das ist meiner Meinung nach eine Frage der Haltung und nicht des Geldes. Insofern ist es großartig, dass dies nun in Bezug auf zwei Straßen – wenigstens – gelungen ist!

Claudia von Hirschfeld

Eine Mühe, die es wert ist

Ja, eine Adressänderung macht Mühe. Ein angemessener Umgang mit der Geschichte des eigenen Landes sollte diese Mühe aber wert sein.

Norbert Wittmann

Erinnerungskultur von Hans Well

Zum Thema: Kolumne von Hans Well (bekannt aus der „Biermösl-Blosn“, jetzt „Wellbappn 2.0“) aus der SZ vom Wochenende
https://www.sueddeutsche.de/meinung/erinnerungskultur-nationalsozialismus-strassennamen-ehrenbuerger-chiemsee-dietramszell-gersthofen-herrsching-li.3252488

Regine Böckelmann

Änderung ja, aber bitte mit allen Konsequenzen, auch die Ploetzstraße

Das Behalten der Grundstücke, die Personen der Gemeinde gestiftet haben und deshalb mit einem Straßennamen geehrt wurden, ist dann auch nicht konsequent. Vor allem weil die Gemeinde z.B auf den gemeindlichen Kindergarten, das Grundstück Seewinkel nicht verzichten kann und davon auch weiter profitieren wird/will. Grundstücke, die Millionen wert sind.
Wer kein Anwohner der betroffenen Straßen ist, hat bzgl. der Kosten leicht reden. Allein die Änderung im Grundbuch dürfte einiges kosten. Änderung ja, aber bitte mit allen Konsequenzen, auch die Ploetzstraße.

MoSi (keine weiteren Namensangaben)

Argumentativer Quatsch

Angenommen, keine Person, die im Gemeinderat gegen eine Umbenennung der jetzigen Namen argumentiert, relativiert Antisemitismus. Welche Motivation steckt dann hinter der Verweigerung Einzelner? In ALLEN Wahlprogrammen zur Bundestagswahl (außer bei den Faschisten) wird Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus verurteilt und abgelehnt. „….in jeder Form… Wenn aus der Geschichte der Gemeinde etwas wie fortschrittliche Entwicklung Herrschings gespiegelt werden soll, und Entwicklung „ein Vorwärts-Schreiten“ sei, dann ist die Beibehaltung eines Straßennamens argumentativer Quatsch. Angenommen, keine Person im Gemeinderat bestreitet, dass eine Benennung einer Straße nach dem Namen einer Person oder Familie eine Würdigung eben dieser ist, dann wird doch relativiert. Den bürokratischen Aufwand für die Anwohner/Innen, der ggf. Wählerstimmen kostet, als Argument anzuführen, gibt ein verstörendes Bild über die Motivation der handelnden Personen ab. Die Würdigung mittels Straßennamen zu belassen, ist nicht konsequent.

Konrad Herz

1 Comment

  1. Bürgermeister Schiller gibt den Bürgern von Herrsching wieder einmal Rätsel auf. Ist er nun für oder gegen eine Umbenennung der Straßen? Im September 2025 hat er sich für eine Umbenennung ausgesprochen. Bei der letzten Abstimmung stimmte er mit den bekannten Mitgliedern des Gemeinderates dagegen, obwohl er offensichtlich anderer Auffassung ist. Jedenfalls ist folgendes veröffentlicht:

    Auf die Frage, ob er sich persönlich für Herrsching ein Ende der Ehrung von Menschen mit NS-Vergangenheit gewünscht hätte, antwortete Schiller: „Ich hätte vielleicht auch gerne einen Schlussstrich gehabt.“ Und auf weitere Nachfrage: „Also Schlussstrich heißt schon Umbenennung“.
    Das Zitat habe ich aus einem Artikel des Ammerseekuriers entnommen: https://www.augsburger-allgemeine.de/ammersee/rolle-rueckwaerts-in-herrsching-bei-strassennamen-mit-ns-bezug-113925162

    Heute so, morgen so – kommt mir bekannt vor.

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