Susanne Krause besteigt El Capitan

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  • Die elfjährige Anna, Vater Thomas und der neunjährige Lukas teilen die Leidenschaft ihrer Mutter fürs Klettern. Sie haben ein außergewöhnliches Familienhobby gefunden. Foto: privat
  • Die elfjährige Tochter tritt in die Fußstapfen der Mutter - allerdings in der Vertikalen, wie es sich für eine Kletterfamilie gehört. Foto: privat

HERRSCHINGER KÖPFE

In lockerer Folge stellen wir HERRSCHINGER KÖPFE vor, also Menschen, die unseren Ort geprägt haben, über besondere Talente verfügen, sich für andere einsetzen, einfach ein bisschen anders ticken und uns vielleicht zum Nachdenken anregen. Dem heutigen Portrait müssen wir allerdings eine Warnung vorwegschicken: Wer nicht schwindelfrei ist, liest besser nicht weiter. Denn Susanne Krause nimmt uns mit auf El Capitan, den 2307 Meter in den kalifornischen Himmel ragenden Granitblock im Yosemite-Nationalpark, der auf Kletterer aller Länder eine magnetische Wirkung ausübt.

Um Susi Krauses Dilemma zu beschreiben, ließe sich Goethe zitieren. Denn auch in ihr, „wohnen ach! zwei Seelen in der Brust“. Während die eine sich vollständig dem Schutz der Natur verschrieben hat, drängt es die andere hinaus in eben diese Natur, um ihre Wunder und ihre Erhabenheit zu erleben, ja zu erobern: Krause ist am liebsten im Fels. Wer ihrem WhatsApp-Status folgt und sieht, wie sie an extrem glatten Steilwänden in den Seilen hängt oder sich Hunderte von Metern über dem Erdboden an winzigen Felskanten festkrallt, spürt beinah selbst das Adrenalin in die Venen schießen.

Dieses Bild vom „Mekka der Kletterer“ hat die Herrschingerin selbst gemalt. Der Berg, den sie nur zu zwei Dritteln bestiegen hat, ruft. Noch immer. Foto: Böllert

Schon als Jugendliche wollte sie hoch hinaus

Ihre Leidenschaft fürs Klettern hat Susanne als 13-Jährige im Alpenverein, Sektion Vierseenland, entdeckt. Die Fränkische Schweiz, Bad Heilbrunn und Paclenica in Kroartien lernten die Jugendlichen aus der Vogelperspektive kennen. Als Studentin in Brisbane turnte die gebürtige Starnbergerin auf einem Felsriegel am Fluss mitten in der Stadt herum, am Wochenende ging’s zum Trad-Klettern. Das Klettern hat die 1,79 große, drahtige Frau ihr Leben lang begleitet. Doch, als erst die Kinder und dann die Corona-Beschränkungen kamen, wurden die Ausflüge in den Fels weniger. Erst ein Fortbildungs-Kurs für Klettertrainer beim Alpenverein vor zweieinhalb Jahren hat die alte Liebe neu entflammt. „Mit 50 klettere ich auf El Cap“, nahm sie sich vor.

Arco am Gardasee, der Elbsandstein, die Granitwände in Chamonix, der Kalkstein in Verdon – Susanne kennt die Eigenheiten all dieser Klettergebiete, weiß, wo die Abstände der Bohrhaken größer sind, welche Wände Risse haben, um den „friend“ (ein Einklemmgerät) oder die getapte Hand in ihnen zu verkanten. Sie spürt, welche körperliche und mentale Fitness es braucht, um ihre Leistungsgrenze, auch Sturzgrenze(!) genannt, nicht zu überschreiten. „An schwächeren Tagen bin ich froh, wenn ich nachsteigen kann, an anderen gerate ich in einen Flow, dann sind Kopf und Körper eins“, beschreibt sie das Achtsamkeitstraining am Seil.

Für die Indienhilfe klärt Susanne Schüler über nachhaltige Entwicklung auf

Doch wie kann sie, die Agraringenieurin mit Master in ökologischer Landwirtschaft, es mit ihrem Gewissen vereinen, über den Atlantik nach San Francisco zu fliegen, um auf einen Haufen Granit zu steigen? Ich weiß, mit dieser Frage lege ich den Finger in die Wunde. Schließlich habe ich die 48-Jährige als Mitarbeiterin der Indienhilfe kennengelernt, zuständig für Bildungsarbeit im Bereich Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Als solche erklärt sie Schülern, wie wenig Sinn es macht, Papier aus Frischholz (in Form von Toilettenpapier) das Klo herunter zu spülen, wie wertvoll Wasser ist und wie sehr der Urwald durch unseren Konsum von Kakao, Kaffee und Palmöl bedroht wird. „Nachdem ich als junge Frau in Australien, Neuseeland, Südafrika und auf Kuba gelebt habe, waren die Flugmeilen fürs Leben eigentlich aufgebraucht“, erklärt Susanne, die nur noch an Orten urlaubt, die sich mit dem Bus erreichen.

Klamotten second hand kaufen, wenig Fleisch essen und lieber auf Restaurantbesuche verzichten als auf die teureren, im Bestfall fair gehandelten Bioprodukte – so hält Krause ihren CO2-Fußabdruck im Alltag so gering wie möglich. Und so konnte sie sich selbst den Flug Anfang Mai 2026 nach Kalifornien erlauben.

Ehrfurcht am Fuße der berühmtesten Steilwand Nordamerikas

Da stand sie also am Fuße der fast 1000 Meter steil nach oben wachsenden Wand des gigantischen Granitmonolithen im Unesco-Weltnaturerbe Yosemite-Park. An ihrer Seite ihr Freund Steffen und Michi, versierter Klettertrainer vom Alpenverein, den sie als Bergführer engagiert hatten. Ihr Lebensgefährte und die Kinder würden in drei Wochen nachkommen. In den Pfingstferien würde die Familie den Yosemite- und den Sequoia- Nationalpark erkunden, klettern, zelten und in Flüssen baden. Nach zwei Wochen Einkletterzeit im Granit des Joshua-Tree-Nationalparks und traumhafter Rissrouten im Valley hieß es nun, mehrere Tage in der Wand des Hauptmanns zu verbringen, wie sich „El Capitan“ übersetzen ließe. Wer würde da keine Ehrfurcht verspüren?

„Wir würden die Salathé-Route nehmen, die Alex Honnold 2017 in vier Stunden free solo geklettert ist“, erklärt Susanne. Also „allein“ und „ohne jede Sicherung“. Für die Nervenstarken verlinken wir den Youtube-Trailer. Susanne und ihre Seilschaft hatten drei Tage und drei Nächte für Auf-und Abstieg geplant.

Eine Nacht verbrachten die Herrschingerin und ihre beiden Begleiter auf einem lang gestreckten Felsvorsprung, der fast wo etwas wie Privatsphäre zuließ. Der Ausblick aus dem Steilhang unter dem Sternenhimmel war jedenfalls unbeschreiblich. Foto: privat

Die ersten zehn Seillängen, den „Freeblast“ meistern die Drei im Freikletter-Stil, bei dem das Seil nur zur Sicherung dient und der Kletterer ohne Hilfsmittel, allein durch Kraft und Geschick den Berg erklimmt. Michi beginnt mit dem Vorstieg, dann war ein paar Längen Steffen dran und die letzten beiden darf Susi vorsteigen. Bei traumhaftem Wetter, ohne Gepäck und nachmittags einfach wieder an den Fixseilen vom Heart Ledge aus abseilen.

„600 Meter Luft unterm Hintern“

Nach einer Nacht im Tal nehmen sie die Wand im Bigwall-Stil in Angriff. Jeder einen Fünf-Kilo-Rucksack auf dem Rücken und den 50 Kilo schweren Haulbag mit Wasser, Verpflegung, Kletterausrüstung und Klo-Eimer (!) abwechselnd hinter sich herziehend. „Ja, mit Privatsphäre ist es nicht weit her, wenn man angeseilt zu dritt auf einem Felsvorsprung schläft“, sagt die Herrschingerin und lacht. Dank Steigklemmen, die ins Seil eingehakt werden, steigen die Nachsteiger am Seil auf. Steffen, aus dem Elbsandstein damit vertraut, darf die Körperrisse vorsteigen. Michi die technischen Längen mithilfe von Stofftrittleitern, an denen man sich Schritt für Schritt hocharbeitet.

„Dieses technische Klettern dauert viel länger und ist sehr anstrengend. Wir haben für zehn Seillängen zwölf Stunden gebraucht“, sagt Susi. Zwölf Stunden von den Heart Legdes zum El Cap Spire ohne Pause, nur hin und wieder einen Riegel zur Stärkung, währen der Abstand zum Erdboden stetig größer wird. „Wir hatten in der Nacht 600 Meter Luft unterm Hintern“, sagt Susi, und „nein, Panik hab‘ ich nie verspürt. Die Tage und Nächte in der Wand waren unglaublich.“ Angespannt sei das Trio allerdings gewesen. Michi war zuvor gestürzt, hing mit dem Kopf nach unten am Seil. Das saß ihm in den Knochen. Und: Sie waren viel langsamer vorangekommen als erhofft. Sie hatten die Bigwalltechnik nicht intensiv genug geübt.

„Außerdem wussten wir, was uns auf dem letzten Stück erwartete: eine überhängende Wand mit einigen schweren technischen Längen, wo man mit den ‚friends‘ allein nicht weiterkommt, sondern zur Fortbewegung nur kleine Haken in Felskanten einklemmen kann und die Abstände zwischen den Sicherungspunkten größer werden“, schildert Susi, bis mir allein vom Zuhören mulmig wird. Sie sagt: „Du musst da oben alles richtig machen, volle Konzentration in jedem Moment, das war uns klar.“ Dann die Entscheidung am Vormittag des dritten Tages: Abbruch und Abseilen.

Einigermaßen versöhnt sei sie damit zwar. „Wir hatten ja schon zwei unglaubliche Tage und Nächte auf El Cap verbracht und 21 Seillängen geschafft“, erklärt sie fünf Monte später in ihrem gemütlichen Zuhause in Herrsching. Aber noch rufe der unter Kletterern heilige Berg ziemlich laut. Und wer weiß? Zum 50. sind es noch zwei Jahre. Sollte Susanne Krause irgendwann auch die fehlenden elf von 32 Seillängen bewältigen und dem Hauptmann auf der Nase herumturnen, erfahrt ihr es hier!

Susanne Böllert

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