Da ist einer gestorben, der wichtig war

4 mins read

Von Robert Volkmann

Der Breitbrunner Theologe Professor Dr. Georg Denzler ist am letzten Freitag im Alter von 96 Jahren gestorben. Denzler hatte in Bamberg Kirchengeschichte gelehrt, berühmt geworden aber ist Denzler durch seinen Kampf gegen die Sexualmoral und den Zölibat der Kirche. Denzler war geweihter Priester, musste seinen Dienst aber nach seiner Heirat quittieren. Der Verfasser dieses Nachrufs hat Georg Denzler noch als Ministrant gedient.

Die Statue Franz von Assisi an der Seeleite in Breitbrunn geht auf eine Idee von Georg Denzler zurück. Denzler verehrte Franz als einen „Heiligen ohne Misere“. Organisiert hatte die Stele der Kapellenverein mit Hans Greimel, gestaltet wurde sie von der Breitbrunner Künstlerin Marianne Schweigler.

Sei der, der du bist, und sag, was du fühlst! – Denn die, die das stört, zählen nicht – und die, die zählen, stört das nicht.

Da ist einer gestorben, der wichtig war. Der bekannt war, den die allermeisten sehr geschätzt haben, einer, der „Breitbrunner“ war seit 1971 (und fast ein Jahrzehnt zuvor in Buch).

Erstmals Bekanntschaft gemacht mit Georg Denzler hat der Schreiber Mitte der 1960er Jahre, als der junge in Buch lebende Theologe in Schlagenhofen die Gottesdienste hielt, in denen er Ministrant war. Er erinnerte sich gar nicht so selten daran, dass ihn der gerade an seiner Habilitation an der Universität München arbeitende Priester ausdrücklich dafür lobte, dass  er ja die Texte der lateinischen Gebete in der Messe verstehe. Da sei ihm, dem Priester, erstmals so richtig bewusst geworden, dass die allermeisten Gläubigen im Gottesdienst gar nicht so richtig wüssten, was sie da auf Lateinisch aufsagten. Für ihn ein klarer Grund dafür, Deutsch zur Gottesdienstsprache zu machen – und dies in der Kirche zu unterstützen. (Und das Zweite  Vatikanische Konzil unter Papst Johannes XXIII. gestattete dies auch Ende 1963).

Der Unterschied zwischen Kirche und Wirtshaus

Der junge Priester war aber auch durchaus deutlich, wenn es „ nur“ darum ging, den Schäflein klar zu machen, dass  Gottesdienste eine ernste Sache seien: In Schlagenhofen hat er einmal das halbe Dutzend junge Männer, das immer als allerletzte in die Kirche tröpfelnd zur kleinen Empore hochstapfte zu Beginn des Messopfers, vor allen Leuten gefragt, ob sie den Unterschied zwischen einem „Gotteshaus“ und einem „Wirtshaus“ kennten. Die Antwort gab er ihnen gleich mit: „Im Wirtshaus kann man kommen und gehen wie man will!“

Das ist schon auch ein wesentliches Kennzeichen von Georg Denzler gewesen: Klare Benennung der Dinge. Jahrzehnte später hat der Schreiber dieser Zeilen den mittlerweile sehr bekannt gewordenen Kirchengeschichtsprofessor der Universität Bamberg im Zusammenhang mit der Namensgebung für das Christoph-Probst-Gymnasium (welche er ausdrücklich befürwortete) zu Vorträgen nach Gilching eingeladen.

Die Kirche im Dritten Reich – kein ruhmreiches Kapitel

Ein paar Jahre später erschien dann auch Denzlers „Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich“. Die SZ schrieb damals: „ Ein unerschrockener Kirchenmann und Wissenschaftler, … der es wagt aus seinem kirchengeschichtlichen Verständnis heraus, die Haltung der Kirche im Dritten Reich anzuprangern“. Schon emeritiert, gönnte ihm die SZ eine ganze Seite in ihrer Wochenendausgabe vom 11./12. März 2020. Thema: „Die sündige Kirche“.  Prominenter Ort mit wahrscheinlich Hunderttausenden von Lesern!

Andra Gräpel hat Georg Denzler zu dessen 90. Geburtstag 2020 im Merkur eine schöne Würdigung seiner Person gewidmet. Schlagzeile: „90 Jahre und nicht müde im Kampf gegen den Zölibat“. Sie erwähnte eher beiläufig die 44 (!) Bände Standardwerk „Päpste und Papsttum“. Sie aktualisierte die Leistung Denzlers doch etwas auf die aktuellen Themen Zölibat und Rolle der Frau, und damit zurecht auf das, was Denzler und seine Familie in diesem Zusammenhang ganz direkt erleben und konkret erleiden mussten.

Breitbrunner Pfarrer, der keine Messe lesen durfte

Für sehr viele – nun deutlich in die Jahre gekommene – Breitbrunner war Denzler immer noch „ihr“ Pfarrer, auch wenn ihm die kirchlichen Leitungsorgane das Abhalten von Gottesdiensten untersagt hatten. Gar nicht so wenige hielten es mehr mit ihm als mit „Rom“ – etwas vereinfacht gesagt. Dem Verfasser hier ist ein Fall bekannt, in dem eine „alte“ Breitbrunner Familie sich wünschte, Denzler möge bitte den aus der Kirche ausgetretenen Vater kirchlich bestatten.

In seinen Erinnerungen „Mein 44. Jahr“ mit dem Untertitel „Persönliche Bilanz eines Kirchenhistorikers“ aus dem Jahr 2013 wird auch berichtet, wie es dazu kam, dass Denzler zunächst über Aushilfen für den Inninger Pfarrer Georg Hartmann und immer öfter für den unter seinen Kriegsverletzungen leidenden  Konrad Scherer aus Hechendorf (Pfarrer auch für Breitbrunn) mehr oder weniger zum Breitbrunner Pfarrer geworden ist. Fazit: „Schließlich übernahm ich die Gottesdienste in Breitbrunn ganz“ (S. 31 f).

„Jesus in schlechter Gesellschaft“

Die Rede ist auch von einem frühen Konflikt mit Kirchenoberen wegen eines von ihm im Schriftenstand der Kirche ausgelegten Buches des Kirchenkritikers Adolf Holl (provozierender Titel: „Jesus“ in schlechter Gesellschaft“). Irgendjemand hatte das dem Dekan in Traubing  gemeldet, dann ging die Sache zur Diözese, der Pfarrgemeinderat sah keinen Handlungsbedarf, stellte sich damit hinter den Priester.  Man teilte den Breitbrunnern aber von oben mit, dass es „Pflicht der Bischöfe ist, über die Reinerhaltung des Glaubens zu wachen und die Gläubigen vor Irrlehren zu schützen“.

„Zölibat steht theologisch auf sehr schwachen Füßen“

Und dann heiratete Georg Denzler auch noch seine Irene und meinte trotzdem Priester bleiben zu können. Abgekürzt: 1973 suspendierte ihn der Augsburger Bischof Josef Stimpfle und untersagte ihm alle kirchlichen Weihehandlungen. Für Denzler Anlass, das erst seit dem Jahr 1139 geltende Zölibatsgesetz seiner Kirche umfangreichen substantiellen Prüfungen zu unterziehen. Grob vereinfacht gesagt: Dieses stehe theologisch auf sehr schwachen Füßen…

Der Bayerische  Staat und die Universität Bamberg schafften es geschickt, sich dem Konflikt von Kirchenkonkordat und Lehrstuhlbesetzung an der Universität Bamberg im Falle Denzler dahingehend zu entziehen, dass  man den Kirchengeschichtslehrstuhl von Denzler einer anderen Fakultät zuordnete.

Denzlers Ausführungen könnten bald mehrheitsfähig werden

Vieles von dem, was Denzler gesagt und geschrieben hat, ist auch heute noch wichtig. Und er hat immerhin erreicht, dass  in der heutigen Katholischen Kirche in Deutschland doch einiges eher in der Richtung interpretiert wird, die er aus seinem jahrzehntelangen Studium der Kirchengeschichtsquellen herausgearbeitet hat. Gar nicht wenige meinen, Denzlers grundsätzliche Ausführungen zum Zölibat und zur Rolle der Frau in der Kirche seien zumindest in Deutschland in absehbarer Zeit vielleicht doch mehrheitsfähig. Und dies sei ohne Übertreibung ganz wesentlich auch Denzlers Verdienst.

Ach ja, er war der erste, der eine Art kleiner Breitbrunner Ortsgeschichte auf der Basis von Quellen erstellt hat. Sie ist in Teilen ins Breitbrunner Heimatbuch (Anm. d. Red: des Verfassers dieses Artikels) eingegangen. Und die Stele mit Franziskus an der Seeleite in Breitbrunn geht auch auf ihn zurück…

Typisch Denzler: „Der Franziskus, endlich ein Heiliger ohne Misere..“

Am Donnerstag, 3. September 2026 ist von 11 bis 12 Uhr Zeit für stille Trauer in der Trauerhalle am Friedhof, und dann um 13 Uhr der Trauergottesdienst in der Kirche.

Aktuellste Meldungen