Von Diana Dickmann und Gerd Kloos
Als offizielles „Geburtsjahr“ Herrschings gilt 776. In diesem Jahr wird der Ort erstmals urkundlich erwähnt: In einer Schenkungsurkunde übergab ein gewisser Isanhart seinen gesamten Besitz in „Horscaningun“ dem Kloster Schlehdorf – einschließlich bebauter und unbebauter Flächen, Wälder, Gewässer und des zugehörigen Gesindes. Diese Urkunde markiert für Historiker den Beginn der dokumentierten Ortsgeschichte, auch wenn die Region schon lange zuvor besiedelt war.
Archäologische Funde belegen eine deutlich frühere Besiedlung des Gebiets. Hinweise auf römische und frühmittelalterliche Anwesenheit sind ebenso vorhanden wie der jüngst entdeckte spektakuläre Fund eines keltischen Grabes aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Diese Spuren zeigen, dass die Landschaft rund um Herrsching schon lange vor der ersten schriftlichen Erwähnung ein bedeutender Lebensraum war.
Über viele Jahrhunderte hinweg blieb Herrsching eine kleine Siedlung am Ausgang des Kientals. Der örtliche Adel, die Hundtsberger, hatte seinen Sitz im heutigen Gasthaus zur Post. Während des Dreißigjährigen Kriegs litt die Bevölkerung – damals etwa 300 Menschen – unter Plünderungen und Zerstörungen. Abgesehen davon verlief die Geschichte des Ortes weitgehend unspektakulär und war geprägt vom Alltag der Landbevölkerung.
Die Eisenbahn macht Herrsching zum Geheimtipp
Vor der Bahnanbindung verlief das Leben in Herrsching vergleichsweise ruhig. Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Einführung der Bayerischen Gemeindeordnung brachten zwar neue rechtliche Rahmenbedingungen, doch wirtschaftlich blieb das Dorf arm. Um 1800 lebten hier rund 350 Menschen, die überwiegend von der Landwirtschaft abhängig waren. Erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts setzte ein grundlegender Wandel ein.
Einen entscheidenden Entwicklungsschub erlebte Herrsching im Jahr 1903 mit der Eröffnung der Bahnlinie Pasing–Herrsching. Das bis dahin landwirtschaftlich geprägte Dorf rückte damit in unmittelbare Nähe der Großstadt. Die aufkommende „Sommerfrische“ machte Herrsching rasch zu einem beliebten Erholungsort, während gleichzeitig neue Arbeitsmöglichkeiten entlang der Bahnstrecke Menschen in die Gemeinde zogen. Die wirtschaftliche Basis verlagerte sich zunehmend vom Agrarsektor hin zu Dienstleistungen, Handel und Tourismus.
Sonderkonjunktur durch Nazi-Bau
Kein Kapitel, auf das man stolz sein könnte, ist die Zeit des Nationalsozialismus: Herrsching erlebte durch den Bau der ersten Reichsfinanzschule zwar eine Sonderkonjunktur, hatte aber hohe NS-Funktionäre in seinen Mauern. „Die neue Finanzschule, mit der in den 30er-Jahren Herrschinger Handwerker viel Geld verdient haben, war die Blaupause aller 14 Finanzschulen des Dritten Reiches. Gebaut hatte sie der Steuerexperte und Staatssekretär Fritz Reinhardt, der mit seinen Lehrbriefen zur NS-Rhetorik 6000 bis 8000 Nazi-Propagandisten schulte und so Massenwirksamkeit erreichte. Die Finanzverwaltung, so Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer, sei übrigens die erste Behörde gewesen, die Juden systematisch diskriminiert habe. Mit Steuervergünstigungen kannte sich Reinhardt auch nach dem Krieg noch gut aus – er hatte sich erfolgreich entnazifiziert und durfte in der Bundesrepublik als Steuerberater arbeiten.
Warum Herrsching eine solche Faszination auf die braune Prominenz ausgeübt hat? Der Ammersee war wohl als Alternative zum teuren, überlaufenen Starnberg ein billigeres Pflaster, zumal Herrsching seit 1903 auch mit dem Zug erreichbar war. Und bald war Herrsching wohl ein Geheimtipp, dem zum Beispiel auch der „Polenschlächter“ Hans Frank gefolgt war. Er besaß in Lochschwab ein Ferienhaus.
Sogar der Festkalender wird von der dunklen Zeit beeinflusst
Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit schlug sich auch in dem Festkalender nieder, den der Verein zur 1250-Jahr-Feier herausgegeben hatte. Ein Blatt zeigte den Gründer der Reichsfinanzschule beim Hitlergruß. Der Verein hatte daraufhin beschlossen, eine zweite Kalenderversion ohne dieses Blatt anzubieten. Man habe dem Druck einiger Leute nachgegeben. Der Vereinsvorsitzende Ludwig Darchinger hatte sich gegen den Austausch ausgesprochen, weil die Bilder Zeitdokumente seien und „zeigten, dass das damals „keine gute Zeit war“. Der Auslöser für den Austausch sei von einigen Gewerbetreibenden ausgegangen, die sich geweigert hätten, den Kalender zu verkaufen. Auch dieser Vorfall zeigt, dass sich Herrsching mit der Vergangenheitsbewältigung nicht leicht tut.
Tempi passati, Herrsching zählt heute fast 12.000 Einwohner und gilt in der Region als lebendige, vielseitige Gemeinde – ein Ort, den manche augenzwinkernd als „Metropole am Ammersee“ bezeichnen. Die attraktive Lage am Ostufer des Ammersees, die weitläufige Uferpromenade, der Kurpark sowie ein vielfältiges gastronomisches Angebot machen Herrsching zu einem der beliebtesten Ausflugsziele im Fünfseenland.
Doch Herrsching ist nicht nur ein Magnet für Tagesgäste. Der Ort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem bedeutenden Bildungsstandort entwickelt. Neben der Realschule und dem Haus der Bayerischen Landwirtschaft prägt seit 2025 auch das neue Gymnasium das Bild der Gemeinde.
Bei der Jubelfeier wird in den offiziellen Reden auch viel Stolz mitschwingen.



