Vor hundert Jahren träumte man in diesen Räumen noch von der Zukunft der Keramischen Werkstätten. Als der Traum von einer künstlerisch wertvollen Keramikproduktion geplatzt war, hatte Michael Darchinger Haus und Hof gekauft und mitten in der Zeit der Inflation und Weltwirtschaftskrise ein neues Unternehmen aufgebaut. Zur Vernissage des Keramik-Fensters versammelte sich die Familie Darchinger zusammen mit 100 Gästen in der Schreinerei. Von links: Agnes Darchinger, Schaufenster- Gestalter Müller, Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer, Schreinereichef Wolfgang Darchinger, Seniorchef Otto Darchinger und Michael Darchinger mit Nachwuchs. Foto: Gerd Kloos

Wie Herrsching mit Keramik berühmt werden wollte

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Diese Geschichte handelt einem Startup in der Kaiserzeit, von einem Versuch, am Ammersee keramische Kunst zu produzieren, und von einem Unternehmer, der das Familienvermögen für eine phantastische Idee verzockte. Diese Geschichte zeigt aber auch, dass Unternehmer unter Kaiser und König von missgünstigen Nachbarn drangsaliert wurden. Diese Geschichte also handelt von den Keramischen Werkstätten zwischen 1909 und 1929. Die Familie Darchinger hat nun ein Schaufenster über Herrschings industrielle Vergangenheit vor über 100 Jahren gestaltet und kermanische Kunstwerke aus der Jugendstilzeit ausgestellt. Es könnte auch der unausgesprochen verdienstvolle Versuch sein, eine große, repräsentative Straße nach diesem Keramik-Kapitel Herrschings zu benennen.

Kunstvolle Vasen hat die Keramische produziert. Einige Stücke davon wurden vor ein paar Jahren in der Kunsthalle ausgestellt.

Zur Vernissage kamen rund 100 Besucher, die alle neugierig waren auf den Vortrag von Gemeindearchivarin Dr. Friederike Hellerer. Sie stellte ein Kapitel Industriegeschichte vor, das von Unternehmergeist, Mut, Illusionen und Nachbarschaftsärger erzählt.

Gründer der Keramischen Werkstätten in der Nähe des heutigen Seewinkels war Otto Koepke, der 1908 nach Herrsching kam und dem Kaufmann Rothenfußer und dem Kunstmaler Ludwig Scheuermann das Grundstück in der Nähe des Seewinkels abkaufte. Koepke stammte aus einer vermögenden Familie aus Chemnitz. Listigerweise war in den Koepke-Plänen für die Keramische Fabrik der Kamin nicht eingezeichnet, der den Nachbarn später die Luft verpestete.

Wie man auf die Idee kommt, ausgerechnet in Herrsching eine keramische Werkstätte aufzubauen, ist nicht so genau überliefert – in dem Bauerndorf gab es weder eine industrielle Tradition noch Rohstoffe noch ausgebildete Facharbeiter. Dort, wo heute der Kindergarten und die kardiologische Arztpraxis untergebracht sind, wurden die Betriebsstätten samt Kamin für den Brennraum errichtet. Und dieser Kamin löste dann auch Herrschings mutmaßlich ersten nachbarschaftlichen Krach wegen industrieller Emissionen aus – Nachbar Max Aumüller, Hotelbesitzer aus München, und Ludwig Scheuermann im späteren Kurpark wehrten sich gegen die Rauchbelästigung durch den Brennofen. Herrsching verstand sich schon damals eher als Zufluchtsort für Sommerfrischler denn als Produktivitätsstandort.

Und schließlich gab’s in dem Bauerndorf noch eine soziale Irritation: Viele Arbeiter, die von der Keramischen Fabrik angeworben wurden, waren – Gottseibeiuns – evangelisch. Plötzlich wuchs eine kleine evangelische Gemeinde heran.

Die keramische Werkstatt zog aber nicht nur Andersgläubige an, sondern auch begabte Künstlerinnen, die für die Gestaltung der keramischen Kunstwerke engagiert wurden. Emilie Butters, Clara Trueb und Elsa Kyander entwarfen Formen und Dekore zwischen den Jahren 1909 und 1913. Wilhelm Krieger, der für seine berühmten Tierplastiken bekannt war, stellte Figuren als Modell für Keramikprodukte zur Verfügung. Dann aber kam der Weltkrieg, und nach dem Krieg fegte die Inflation übers Land und raubte der Bevölkerung die Kaufkraft. Als sich dann Ende der Zwanziger das Kapitel Kermanik in Herrsching schloss, hatten die Nachbarn auch wieder bessere Luft.

Das Gebäude übernahm dann der Schreiner Michael Darchinger, der in schwersten Zeiten ein neues Unternehmen aufbaute.

Das Schaufenster in der Schreinerei Darchinger an der Keramikstraße mit wertvollen keramischen Schmuckstücken.

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