Spionieren können nicht nur die Russen: In den frühen Morgenstunden näherte sich ein Golf mit Münchner Kennzeichen dem Objekt der Begierde; der Fahrer interessierte sich auffällig für Breitbrunns bestgehüteten Schatz. Die Wächter, die schon eine sehr frische Frühlingsnacht auf dem Bolzplatz am Kindergarten hinter sich hatten, rieben sich die schmalen Augen. Steht ein Angriff auf Breitbrunns neuen Dorfschmuck bevor?
Dabei wurde für die hochaufgeschossene Dorfschönheit, die schon im blau-weißen Festgewand auf ihren großen Tag wartet, eine aufwendige Sicherheitsarchitektur entworfen: Der Wipfel des genau 30 Meter langen Baums steckt in einem Stahlcontainer. Doch der Maibaum-Meister Andy Steigenberger, 55, machte mit seinen Mannen noch ein Sicherheitsleck aus. Und so ließen sie einen Bagger auffahren, der seinen stählernen Arm fast zärtlich um den Container legte. Am Sockel behindert nun ein großes Wohnmobil die Rangierfreiheit für das bajuwarische Traditionsstangerl. Mission impossible für Langholzdiebe? Noch ist nicht 1. Mai.
Andy Steigenberger hat seit November letzten Jahres eines der wichtigsten Ämter in Breitbrunn inne: Am 1. Mai soll an der Ecke Kirch- und Schulstraße wieder ein Maibaum in die stählerne Fassung gewuchtet werden. Ihn haben die Vorstände der Sportfreunde Breitbrunn, der d’Jaudesbergler, der Morgenstern-Schützen und der Feuerwehr zum Chef des Maibaum-Orgateams gemacht. Schon im November lief der gelernte Schreiner mit seinen Mannen durch den Wald – sozusagen zum Baum-Casting. Dann kam die Familie Hirschvogel auf ihn zu und bot ihm eine stolze, stangerlgerade Fichte an. Damit war allerdings die Tradition gebrochen, dass der Jagdpächter den Maibaum bezahlt.
Schon beim Fällen war den Baumwerbern klar: Die wird’s, die ist – im Wortsinn – kerngesund. Noch im Wald hat Steigenberger mit seinen Helfern den Baum entastet, entrindet und kurz vor dem Abtransport gehobelt. Zwischendrin musste der Baum noch einmal umgedreht werden, damit auch auf der Unterseite die Feuchtigkeit entweichen kann. Steigenberger schätzt, dass Breitbrunns neues Wahrzeichen etwa 2,5 Tonnen wiegt und gut und gern sechs bis sieben Ster Holz unter der Rinde hatte.
Am vorletzten Samstag dann die große Stunde: Ein Traktor brachte den Baum aus dem Wald auf den Kindergartenbolzplatz, wo er unter einem 25 Meter langen Zelt – sozusagen in der Garderobe – blau-weiß herausgeputzt wurde.
Dabei hätte es der alte Maibaum schon noch ein Jahr getan, aber die Breitbrunner Vereine wollten ein exklusives Fest veranstalten – nicht im Jahr 2027 mit Buch und Herrsching konkurrieren. Den alten Maibaum, an einigen Stellen ein bisschen morsch, haben die Helfer so geschickt zersägt, dass mehrere schmucke Bänke daraus entstanden sind. Diese werden meistbietend versteigert.
Nicht auszudenken, wenn der alte Baum nur noch Stückwerk ist und der neue verschwunden wäre: Maibaumstehlen ist in Bayern so eine Art Männlichkeitskult und zugleich ein Intelligenztest. Schließlich müssen um die 20 Mann aufgeboten werden, um das Stangerl wegzutragen und über die Gemeindegrenze zu bringen. Erst dann gilt ein Maibaumdiebstahl als gelungen.
„Und was passiert, wenn da 20 Inninger oder Unterbrunner Buam im Breitbrunner Zelt stehen und die Fichte schultern wollen?“, fragen wir den „Baumboss“ Steigenberger. „Gibt’s dann eine Rauferei mit den Maibaumwachen?“
„Nein“, sagt er, „dann legen die Wachen die Hand auf den Baum und sagen: Der Baum bleibt da.“ Punkt. Das müsste, so Steigenberger, reichen.
Der Verlust des Maibaums wäre nicht nur eine Blamage, er würde das baumlose Dorf auch ziemlich teuer zu stehen kommen: „Als Auslöse für den geraubten Baum sind so drei Maß und eine Brotzeit üblich – pro Dieb.“ Da hält man lieber jede Nacht strenge Wacht, auch wenn die ebenfalls Geld kostet: Die Baumbewacher trinken nicht nur Kamillentee in den einsamen Stunden mit ihrem stummen Kunden.







