Rainer Maria Schießler, der etwas andere Prediger, in der Kulturkirche in Breitbrunn.

Medienstar am Altar

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Von Gerd Kloos

Niemand sang, keiner spielte Gitarre, nirgends ein Instrument. Nur ein älterer Herr, der sich dem Rentenalter nähert, steht am Altar. Und die Kulturkirche in Breitbrunn ist voll wie an Heilig Abend vor 30 Jahren. 400 Leute sind neugierig auf einen Pfarrer, der die Klatschspalten in München füllt, Hunde segnet, Bigotterie in der Amtskirche geißelt, Bücher schreibt und die Vorlage für eine Fernsehserie liefert: Rainer Maria Schießler, die Boulevardausgabe eines Großstadtpfarrers, bescherte Breitbrunn ein klerikales Erlebnis der besonderen Art. „Seid’s ihr bled, habt’s mich so lange reden lassen“, beschloss er seine Privatpredigt, „guat, dass die Bayern erst am Mittwoch spuin.“

Zuerst einmal hatte das Publikum mit der Akkustik zu kämpfen: Die Lautsprecher waren zu leise, mehrere ältere Herrschaften verließen die Kirche. „Ich bin nicht von hier“, entschuldigte sich Schießler am Mikro, bis der Hausherr schließlich seinem Stargast mehr Dezibel spendierte.

Volles Haus: Soviele Besucher gibt’s heute nicht einmal mehr an Weihnachten

Dann begann Schießler seine Predigt, oder war es ein Vortrag, eine Gute-Laune-Sendung oder Anekdotenkollekte, mit einem Einblick ins Privateste: seine kleine Wohnung, in der er einmal Kardinal Marx („eine raumfüllende Persönlichkeit“) bewirtet hatte. „Mögens ein Glas Champagner?“ fragte er ihn, und der fragte zurück: „Hätten Sie einen Schnaps?“ Hatte er. Auch bei Söder in der Zirbelstube war er schon und hat ihn locker gequatscht. Keine Zweifel, da stand einer am Altar, der nicht nur zum Allerhöchsten einen guten Draht hat, sondern auch mit den Höheren der Gesellschaft kann.

Und diese Prominenz könnte ihn auch schützen, wenn er gegen kirchliche Vorschriften verstößt oder sagen wir, sie intelligent umgeht. Zum Beispiel, wenn er das Adoptivkind eines queeren Paars tauft und zweimal Vater ankreuzt, wo eigentlich der Name der Mutter stehen müsste. „Das geht doch nicht“, wurde er von der Amtskirche belehrt. „Doch, das geht!“ erwiderte er. Aber die Kirche lernt inzwischen: Ehepartner verschiedener Konfessionen dürfen inzwischen gemeinsam zur Kommunion gehen, und kein Pfarrer bekommt deshalb Probleme.

Ein Fall besonderer Bigotterie empört Schießler aber bis heute: Ein Pfarrer hatte sich geweigert, ein Kind in einer Kapelle zu taufen. Schießler intervenierte bis hoch zum Bischof. Breitbrunner mit gutem Gedächtnis erinnern sich an einen ähnlichen Vorfall im Dorf, als sich vor Jahrzehnten ein Pfarrer weigerte, eine besondere Trauung zu gestatten. Wir wissen nicht mehr, wie die Sache damals ausging, sicher war nur: für die Kirche ging sie nicht gut aus.

Schießler bringt, entgegen der kirchlichen Praxis, auch aus der Kirche Ausgetretene unter die Erde. „Es geht nicht um den, der da im Sarg liegt, es geht um die Angehörigen, die sich eine kirchliche Beerdigung wünschen.“ Er freut sich auch über die sogenannten Jahresgäste in der Kirche, die sich immer nur an Weihnachten sehen lassen: „Sche, dass da seids. Jetzt ham a uns a ganzes Jahr net gsehn.“

Dass die Zuhörerinnen und Zuhörer gespannt an Schießlers Lippen hingen, lag an der süffigen Mischung aus Geschichten und Moral. Wenn er über Mut, Ehrlichkeit und Offene Türen sprach, folgte meist eine Episode, also die kleine Schwester der Epistel. Schießler erzählte, dass sein Berufswunsch immer Pfarrer war, und er wurde da auch von seinem Großvater bestärkt: „Merk dir, der Bauer und der Pfarrer verhungern nie.“

Wie jeder Stargast brachte auch Schießler seine Bücher mit.

3 Comments

  1. Die akustische Situation hätte durch ein Kopfmikrophon deutlich verbessert werden können. Der vortragende Redner kann mittels Kopfmikrophon grundsaetzlich beweglicher und lebhafter verbal agieren, ohne dadurch schlechter gehört zu werden. Pfarrer Schiessler nahm es mit Humor: „Für die Akustik bin ich hier nicht zuständig.“ Für eine katholisch humorvolle Auslegung der Glaubensinhalte und die Befolgung der Gebote (z. B. das Ehrlich sein), dagegen warb er mit viel Herzblut und erhielt entsprechenden Beifall. Ein seltenes Erlebnis für uns Breitbrunner bot uns damit die kirchliche Erwachsenenbildung als Veranstalter. Die Kulturkirche macht es möglich.

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