Herrschings längster Spargel ist ziemlich holzig, aber das ist gut so: Er muss als neuer Stolz von Breitbrunn ab 1. Mai die Fahne des örtlichen Gewerbes hochhalten. Halb Breitbrunn hat den neuen Maibaum, der schon im Wald entastet und entrindet worden war, zu seinem „Stammplatz“ geleitet, wo er für den großen Tag weißblau eingekleidet wird. Traditionell stiftet der örtliche Jagdpächter den Baum, der meist eine Länge zwischen 27 und 30 Metern hat. Besonders raffiniert ist in diesem Jahr die Diebstahlsicherung: Weil die Inninger Gaudiburschen einen legendären Ruf beim Maibaum-Klauen haben (und dazu noch einen kurzen Anfahrtsweg), steckt der neue Breitbrunner Stamm mit der Spitze und dem dicken Ende jeweils in einem schweren Container. Den müssten die Lang-Finger erst mal wegtragen. Trotz dieser Wegfahrsperren gibt es wieder feuchtfröhliche Nachtwachen („Mach ma jetzt Party oder ned?“).

Die Maibäume sind im Lauf der Jahrzehnte immer schmucker geworden. Früher, so weiß der Heimathistoriker und Buchautor Robert Volkmann aus alten Quellen, waren die Bäume nicht einmal entrindet und trugen ganz oben noch einen grünen Wipfel. Historisch unkorrekt sei, so Volkmann, auch die Baumart: „Früher wurden häufig Birken als Maibäume hergenommen“, erzählt Volkmann. Als Schmuck trugen sie Girlanden aus Papier und eiserne Ringe, die festlich geschmückt waren.
Es war nicht immer eine freiwillige Ehre, einen Maibaum stiften zu dürfen: In vielen Verträgen zwischen Waldbesitzern und Jagdgenossenschaften war vereinbart, dass die Flinten-Träger einen Maibaum zu spendieren hatten. Das konnte ganz schön ins Geld gehen: Oft maßen die stattlichen Bäume, die zwischen 80 und 120 Jahre alt waren, 40 Meter. Diese Festmeter waren bares Geld und schmerzten viele Jägersleute.
Volkmann kennt aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine herrliche Geschichte über Geist und Geiz der Brauchtumspflege. In den Vertragsklauseln zur Maibaumspende wurde häufig auch die maximale Länge des Stammes festgelegt. Als Graf Töring in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts beim Maibaumaufstellen in Breitbrunn bemerkt hatte, dass der Stamm deutlich länger als vereinbart war, wollte er die Breitbrunner zur Kasse bitten. Die Breitbrunner rächten sich, indem sie den Baum ohne jeden Schmuck aufstellten – sozusagen als rohes Schandmal.
Überhaupt galt der Maibaum in den unruhigen Jahren des 19. Jahrhunderts als revolutionäre Manifestation: Subversive Demokratieanhänger hatten aus dem jakobinischen Frankreich den Brauch importiert, den Maibaum der bürgerlichen Freiheit zu widmen. Ein hintersinniger Brauch: Die Jagdpächter galten als Teil der Obrigkeit und mussten einen Freiheitsbaum stiften.
Rund um die Freinacht zum 1. Mai wurden früher aber nicht nur mächtige Bäume aufgestellt. Junge Birken mussten dran glauben, wenn ein junger Bursch seiner Angebeteten einen grünen Wink geben wollte. Die Birke, die der schmachtende Liebhaber in den Garten stellte, musste aber von schönem Wuchse sein. War sie krumm und schiach, wusste die Jungfer, was der Baumaufsteller von ihr hielt.



