Krankenschwester, Biobäuerin oder Ärztin – der Freifahrtschein in den Gemeinderat?

2 mins read

Der Siegersekt ist getrunken, das Frustbier ausgeschwitzt, jetzt kommt der Kopf dran – Wahlanalysen fragen jetzt nach dem Warum. herrsching.online hat die Parteistrategen und Neulinge im Gemeinderat nach den Gründen für Sieg oder Niederlage gefragt. Hier kommt der grüne Gemeinderat Gerd Mulert zu Wort, der bei den Grünen auf Platz drei durchs Ziel ging. Zwei Sitze mussten die Grünen allerdings abgegeben. Wie geht’s ihm damit?

herrsching.online: Die Grünen haben mit 21 Prozent der Wählerstimmen fünf Prozent verloren – und damit zwei Sitze eingebüßt. Ist das ein Misstrauensvotum der Wähler oder ein allgemeiner Trend weg von Öko-Positionen?
Mulert: Ich finde unser Ergebnis mit fünf Sitzen in Ordnung. Vor sechs Jahren gab es eine absolute Hochstimmung, bis hin zu der Erwartung, dass die Grünen doch bald auch die Kanzlerin stellen werden. Unser siebter Platz hing damals an einem seidenen Faden. Jetzt ist die Linke mit einem Sitz dazu gekommen, und die BGH hat auch eine gute Politik gemacht, die in vielen Punkten sehr Grün-nah war. Das ergibt 10 Sitze für eine starke und eindeutige Opposition. Eine gute Basis.
Im Vergleich zu anderen Gemeinden im Kreis sind wir mit über 21 Prozent eine Hochburg für grüne Stimmen, trotz BGH und Linke.
Das Grünen-Bashing ist am Abklingen, aber hier und dort noch spürbar vorhanden. Außerdem sehen wir ja überall, wie schwer es Öko-Positionen aktuell haben. Der Iran-Krieg und die explodierenden Energiepreise werden wahrscheinlich zeigen, dass PV-Anlagen, E-Autos und Wärmepumpen der richtige Weg sind, um als Privatpersonen die Energiewende zu schaffen. 

herrsching.online: Sie liegen rund 300 Stimmen hinter Darchinger, obwohl Sie viele wichtige Anträge eingebracht haben. Ist das wieder ein Beleg dafür, dass Öko-Themen Stimmengift sind, oder sind die Wählerinnen und Wähler nicht ausreichend informiert?
Mulert: I
ch gönne Wolfgang Darchinger jede Stimme mehr, die er erreicht hat. Zum Beispiel sind seine Initiativen zum Eindämmen der Kippenflut nicht nur ökologisch total richtig, sondern auch mit Witz und Kreativität vorgetragen. Dagegen verblasst dann mancher vielleicht nur trocken vorgetragene Antrag. Mit Platz drei auf unsere Liste bin ich persönlich sehr zufrieden. Und im Kreistag bin ich von Platz 8 auf 5 vorgewählt worden.

herrsching.online: Es gab einen dramatischen Stimmenzuwachs der CSU mit 7,6 Prozent. Welche Erklärung gibt es dafür?

„CSU hat vom Amtsbonus von Christian Schiller profitiert“

Mulert: Die CSU in Herrsching hat sicher stark vom Amtsbonus von Christian Schiller profitiert, der sich in dieser Wahl eindeutig auf die Seite der CSU geschlagen hat. Christian Schiller ahnte wahrscheinlich genau, warum er einer öffentlichen Veranstaltung mit Karin Casaretto aus dem Weg gegangen ist. Das hätte seiner Gegenkandidatin mehr und der CSU weniger Punkte gebracht.  

herrsching.online: Über alle Listen hinweg gab es einen Trend: Frauen haben es in Herrsching schwerer, und ein Doktortitel ist fast schon ein Ticket in den Gemeinderat. Gibt es eine eher frauenskeptische Grundhaltung an der Wahlurne – es sei denn, die Frau ist promoviert?

Mulert: Alle Fraktionen sollten Frauen in verantwortliche Positionen bringen, die auch Profilierungschancen ermöglichen. Es zeigt aber auch ganz generell die Erfahrung, dass die Berufsbezeichnungen Krankenschwester, Biobäuerin oder Ärztin für viele Stimmen genügen. Kommt dann noch „Jung“ dazu, ist der Einzug fast gesichert. Und bei vielen Männern reicht oft, ganz viele Hände geschüttelt zu haben. Es ist schade, dass die eigentlich politische Arbeit, das Bohren dicker Bretter, weniger Anerkennung bringt.  


herrsching.online: Rein rechnerisch gibt es eine Pattsituation zwischen der CSU und Grünen, BGH und Linken. Auf welche Seite werden sich jeweils SPD, FDP und Bürgermeister schlagen, wenn es gilt, Herrsching für die großen Herausforderungen der Klimawende fit zu machen?


Mulert: Als Optimist hoffe ich, dass sich am Ende bei allen Fraktionen und beim Bürgermeister die guten Ideen durchsetzen, um die Klimawende zu erreichen. Immerhin ähneln sich die Programme zu dieser Wahl in Herrsching sehr, wie ich positiv festgestellt habe. Gefragt sind nun die einzelnen Personen; und da habe ich meine Sorgen, wenn ich mir den neuen Gemeinderat ansehe. Ob bei SPD, FDP und Bürgermeister der Hinweis auf die Programme helfen wird?


herrsching.online: Wer wird Fraktionssprecher bei den Grünen: Die Stimmenkönigin oder ein verdientes Mitglied der Fraktion?


Mulert: Darüber müssen wir natürlich noch sprechen. Am Donnerstag treffen wir uns intern erst einmal, um zu feiern und den vielen Aktiven Danke zu sagen. 

4 Comments

  1. Liebe Frau Dr. Voigtländer-Bolz, lieber Gerd Mulert,
    gerne gratuliere ich an dieser Stelle allen gewählten Personen zur gewonnenen Wahl und hoffe auf gute Entscheidungen für die kommenden 6 Jahre in der Gemeinde. Das Ehrenamt eines Gemeinderates hat meiner Meinung nach ihre Grenzen, da es den Buergermeister beraten soll und nur bei Mehrheitsentscheidungen bestimmen kann. Die Macht liegt nicht beim Einzelnen. Ich denke, wenn die Raete gestalten wollen, dann muessen sie solidarisch sein und nicht nur ihren persönlichen Vorlieben und familiären Zielen folgen. Also, alles Gute für die die politische Zusammenarbeit in der Sache.

  2. Lieber Herr Mulert,
    ich gratuliere Ihnen zur Wiederwahl und hoffe, dass Sie in den nächsten sechs Jahren auch wieder die ganz dicken Bretter bohren können. Mich hat vor allem eine Passage im Interview irritiert: dass bei Frauen offenbar die Berufsbezeichnung besonders hervorgehoben wird – Ärztin, Krankenschwester, Bäuerin – während sie bei Männern plötzlich keine Rolle spielen soll. Gerade von einem Vertreter der Grünen, bei denen Gleichberechtigung eigentlich selbstverständlich sein sollte, hätte ich da eine andere Tonlage erwartet. Wirklich bemerkenswert finde ich, dass im neuen Gemeinderat nur rund 33 % Frauen vertreten sind. Immerhin eine Frau mehr als in der letzten Legislaturperiode. Statt also Frauen-Bashing zu betreiben, wäre es sinnvoller, jeder engagierten Frau – ob Bäuerin, Ärztin oder in einem ganz anderen Beruf – den roten Teppich auszurollen. Gerade von den Grünen dürfte man sich da eigentlich jede Unterstützung wünschen.

    Und wenn wir von Aufbruch und Veränderung sprechen, wirkt es schon etwas paradox, wenn genau das plötzlich als Problem dargestellt wird: dass neue Menschen Verantwortung übernehmen, vielleicht sogar Frauen, vielleicht sogar mit Berufserfahrung außerhalb der Kommunalpolitik.

    Ich bin zum ersten Mal im Gemeinderat – das stimmt. In meinem beruflichen Alltag treffe ich allerdings täglich Entscheidungen unter Zeitdruck und auch mit Verantwortung für Menschen. Da relativiert sich die Aufregung über „Neulinge“ in der Kommunalpolitik ziemlich schnell.

    Kurz gesagt: Wenn Aufbruch wirklich gewollt ist, sollte man sich vielleicht einfach daran gewöhnen, dass auch mal jemand Neues durch die Tür kommt.
    Ich freu mich trotzdem auf unsere Zusammenarbeit.

    • Liebe Julia Voigtländer-Bolz,
      ich glaube, mit Herrn Mulert haben Sie sich den falschen Adressaten für Ihre Vorwürfe ausgesucht.
      Er konstatiert nur, dass viele Wähler:innen, die sich wenig mit Gemeindepolitik befassen und die Personen, die sich zur Wahl stellen, nicht kennen, tatsächlich oft den Beruf als Entscheidungshilfe einbeziehen.
      Ich vermute sogar, dass ich vor vielen Jahren selbst davon profitiert habe….
      Und jetzt verrate ich Ihnen noch ein (Wahl-)Geheimnis: abweichend von meinen sonstigen Präferenzen habe ich mein persönlich Möglichstes dazu beigetragen, dass endlich mal eine Frau die Männer-Riege der SPD auflockert. Dass dies gelungen ist, freut mich sehr – herzlichen Glückwunsch dazu ! Dieses Ergebnis tröstet mich ein wenig darüber hinweg, dass es bei den Grünen nicht gelungen ist, mehr Frauen an den Start zu bringen.

      • Liebe Frau Boeckelmann, gut dass Sie das Thema Frauenpolitik 1 in der Herrschinger Kommunalpolitik aufgreifen. Es ist das, was Frau Voigtländer in ihrem Kommentar anmahnt. Breitbrunn hat z. B. ausschließlich männliche Vertreter gewählt. Also 100% männlich. In meinem früheren Beruf als Volks- und Sprachbehindertenlehrerin habe ich immer mit 95 % weiblichen Kolleginnen zusammengearbeitet. Ich denke, das Aerztinnen deshalb eine ganz andere Berufssituation wie Lehrerinnen oder Handwerkerinnen haben. Deshalb, wichtig ist, dass der Buergermeister ganz verschiedene Menschen aus der Gesellschaft als beratenden Gemeinderäte hat und das haben wir gewählt. Dass die gewählten Frauen einen akademischen Titel haben, liegt an ihrem Beruf. Aerztinnen haben im Vergleich zu Geschaeftsfrauen, Lehrerinnen, Krankenschwestern grundsätzlich oft einen Doktortitel. Das ist so. Wichtig sind für das Ehrenamt aber die beruflichen Erfahrungen, ihre Kommunikationsfaehigkeit und die Allgemeinbildung der Raete. Frau Voigtländer und Herr Mulert werden da sicher eine gemeinsame Wellenlänge finden…so hoffe ich.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Aktuellste Meldungen

Goro geht

Neuer Bootsverleiher an der Promenade/Christiane „Tinsi“ Gruber zieht mit ihrem Mann nach Utting, behält aber ihr