• Die Heldinnen und Helden des Vereins Wir schaffen das. Von links: Brigitte Borst, Janna Nathrath-Bronner, Gudi Leuchtenberg, Karen Coelen, Brigitte Stabbauer, Jörg Reuther, Regula Fey, Johanna Neubauer-da Luz, Thomas Prosperi, Sonja Waldvogel-Freund, Ela Bauer, Alexander Rauch, Hedda Lindner, Claudia Strasser (verdeckt), Claus Wecker, Tom Hamaus, Lydia Heinen, Christine Hollacher und Silvana Prosperi. Alle Fotos: Gerd Kloos
  • „Jede Hilfe ist aller Ehren wert", lobte Stefan Frey beim Wir-schaffen-das-Jubiläum. Am 22. Januar kommt er ins ev. Gemeindehaus.
  • Bringt Musik in den Alltag der jungen Neubürger: Gitarrenlehrer Johannes Bauer.
  • Nikolaus Eisenblätter entstammt einer Künstlerfamilie. Um den Bildern aus dem Familienbesitz ein neues Ambiente zu geben, hat er viele Gemälde „verkauft". Den vom Käufer bestimmten Preis stiftete er an den Verein Wir schaffen das.

Wir haben das geschafft

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Sie haben den legendären Satz von Merkel „Wir schaffen das“ wörtlich genommen. Nach zehn Jahren nun kann der Verein vermelden: Wir haben das geschafft: Flüchtlinge, Asylsuchende, Neubürger an die Hand zu nehmen, auf Termine vorzubereiten, Dolmetscher zu bekommen, für einen Deutschkurs zu motivieren, als Ansprechpartner, Arbeits- und Wohnungsvermittler zu helfen – all das haben die vielen Vereinsmitglieder in ehrenamtlicher Arbeit geleistet. „Die Ämter und Behörden würden das alles nicht schaffen“, gestand Landrat Stefan Frey beim Jubiläumsfest im Kurparkschlösschen, „jede Hilfe ist aller Ehren wert“. Nicht nur wegen des amtlichen Lobes war’s ein fröhliches Fest, das die 20 Helferinnen und Helfer sichtlich genossen.

Prominenten Besuch hatte der Verein beim Jubelfest: Claus-Peter Reisch war Kapitän des Seerettungsbootes Lifeline. Er wurde wegen seiner Rettungsaktionen in Malta vor Gericht gestellt, dank großer Unterstützung dann aber freigesprochen. Er erhielt zahlreiche Preise für seinen riskanten Einsatz im Mittelmeer.

„Es braucht viel Kraft für die Asylsuchenden, hier in Deutschland zurechtzukommen“, begann der Vereinsvorsitzende Claus Wecker seine Rede. Er blickte dabei nicht nur in viele dankbare Augen aus der Flüchtlings-Community, sondern freute sich auch über den Besuch des Kapitäns des Flüchtlingsbootes Lifeline, Claus-Peter Reisch, und zahlreicher Unterstützerinnen des Vereins. Dass Deutschland auch von den Asylsuchenden profitiere, machte er an Beispielen gelungener Integration deutlich: Zum Beispiel am Installateur Aminallah, am Elektriker Jawad, am Schreiner Ahmad, am Landschaftspfleger Hamid und an der Supermarkt-Kassiererin Jevin. Die Grundlagen für diese Berufskarrieren in Deutschland wurden alle im Cafe Blabla gelegt.

Landrat Stefan Frey bescheinigte den Herrschinger Helferinnen und Helfern, dass ihre Arbeit eine Erfolgsgeschichte sei. Er räumte auch freimütig ein, dass es nicht einfach sei, sich durch die deutsche Bürokratie zu kämpfen. „Diese Arbeit für die Asylsuchenden kostet viel Kraft“, sagte Frey, „aber sie gibt dem eigenen Leben auch einen tieferen Sinn.“

Die Moderatorin des Abends, Silvana Prosperi, mit ihrem Mann Thomas auch treibende Kraft im Verein, lobte in ihren Danksagungen auch die Unterstützer des Projekts – zum Beispiel Nikolaus Eisenblätter, der 100 Gemälde aus dem Familienbesitz gegen eine Spende fürs Blabla „verkaufte“. Rund 100 Bilder hängen jetzt in anderen Häusern, und viele hundert Euro flossen in die zahlreichen Projekte des Vereins. Auch Steffi Leonhardt von der Kaffeerösterei am Ammersee bekam für ihre Spenden warme Worte.

Bürgermeister Schiller schickte eine Video-Grußbotschaft: „Der Verein hat Unglaubliches vollbracht. Sie haben allen Grund zu feiern.“

Der Verein hat nach zehn Jahren Arbeit tatsächlich viel erreicht, ist aber noch lange nicht entbehrlich. Im Februar dieses Jahren lebten 198 Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge in den beiden Gemeinschaftsunterkünften in Herrsching und Breitbrunn. Diese Zahlen gab die Gemeinderätin Hannelore Doch, Beauftragte für Integration, im Februar bekannt. Zu den Ukraine-Flüchtlingen gebe es keine Zahlen, sagte Gemeinderätin Doch.

Anerkannte Flüchtlinge sollten eigentlich nicht mehr in den Gemeinschaftsunterkünften leben, die Wohnungssuche gestaltet sich allerdings sehr schwierig. Bei der Wohnungssuche ist die Initiative raumgeben.net des Breitbrunners Dr. Georg Strasser stark engagiert. Im Herrschinger Containerdorf nahe der Goethestraße hatten im Februar 133 Personen eine Unterkunft, darunter 17 Familien und 47 Alleinreisende. Von den Bewohnern waren 44 männlich, 35 weiblich, 54 Kinder

Bei den Nationalitäten führte Afghanistan (67), es folgten Nigeria (18), Sierra Leone (12) und Kongo (13). 4 Bewohner kamen aus Syrien. In Vollzeitarbeit waren 21 Personen, 8 in Teilzeit, 3 in Ausbildung, 38 sind waren Schulkinder.

Unvergessen, oder doch schon wieder verdrängt ist eine Rede der ehemaligen Mitarbeiterin im Asyl-Helferkreis, Christl Voit, über das Leben in den Flüchtlings-Containern an der Goethestraße. „Diese Container sind hellhörig, fußkalt und im Sommer eine blecherne Sauna.“ Viele der 120 Asylbewerberinnen und -bewerber seien traumatisiert, müssten allein mit Verlustschmerzen fertig werden, wenn der Vater, der Bruder, der Sohn die Flucht nicht überlebt hatten. „Manche Frauen weinen nachts still in ihre Kissen, um die jungen Männer nicht aufzuwecken, die am nächsten Tag fit sein müssen. Afrikanerinnen hätten auf der Flucht Gewalt erfahren, die sich niemand vorstellen wolle. Eine 14-jährige Tochter schlafe immer noch im Bett bei der Mutter, um ihre Ängste zu bekämpfen. Professionelle psychologische Hilfe gebe es nicht. Unter den 56 Kindern im Containerdorf gebe es viele Schreibabys, die das Leben in den beengten Räumen auch nicht leichter machen. „Dazu kommen die Belastungen durch das Asylverfahren“, schilderte Voit ein Leben zwischen Hoffen und Bangen.

Solche düsteren Zustandsbeschreibungen allerdings waren kein Thema fürs Jubel-Fest – schließlich sollten zehn Jahre harte Arbeit gefeiert werden. Zum Beispiel mit dem Musiklehrer Johannes Bauer, der die Kinder aus den Flüchtlingsfamilien ins Gitarrenspiel einweiht. Mit einigen seiner Schülerinnen und Schülern gab er eine kleine Kostprobe.

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