Kommen sie, oder kommen sie nicht? In Herrschings Parteien wird vor der Kommunalwahl wild spekuliert, ob die AfD mit einer eigenen Liste antritt. Zu diesem Aufregerthema passte die Diskussion mit dem ehemaligen Bundesminister Jürgen Trittin und der früheren Landtagsabgeordneten Ruth Paulig im evangelischen Gemeindehaus. Die beiden Ur-Grünen hangelten sich an der Frage entlang, woher die aktuelle Sehnsucht nach Autorität kommt.
Der Bremer (vom ehemaligen Kanzler Schröder mit dem unvergessenen Spruch ge(t)adelt: „Lieber mehr Fischer als Trittin“) versuchte im Gemeindehaus die reflexartige Wut der Rechten auf die Grünen zu erklären. Dabei rief er zu einem robusten Kampf gegen die Feinde der Demokratie auf („Wenn wir ihnen auf die Füße stehen, könnten wir ja auch mal das Knie treffen…“). Nein, Diskurs-Pazifismus war es nicht, was er einforderte: „Auf Polarisierung antworten wir mit Mobilisierung.“
Bier und Wein für die Grundgesetzväter
Der Bremer Trittin, der uns Süddeutschen immer noch nicht verzeiht, dass wir Werder Bremen mit dem Spruch schmähen: Was ist grün und stinkt nach Fisch? war schon früh ein rebellischer Geist: Als Schüler organisierte er eine Demo gegen die Lehrer: „Brecht die Kompetenz der Zeugniskonferenz“ und trat mit 15 aus der evangelischen Kirche aus. In einem evangelischen Gemeindehaus eine kleine Provokation, die er mit dem Hinweis entschärfte, dass die Kirche heute eine andere ist als früher. Und beim Lob auf das deutsche Grundgesetz, das innerhalb von 15 Tagen skizziert wurde, meinte er scherzhaft, dass jedem der Grundgesetzväter auf Herrenchiemsee täglich zwei Flaschen Bier und eine Flasche Wein zugestanden hätte…. die Promille des Menschen sind unantastbar.

Ruth Paulig gilt als eine der Gründungsfiguren der Grünen – schließlich wurde im Kreis Starnberg der Name „die Grünen“ erfunden. Bei der ersten Landtagswahl 74 erreichte die Anti-Atom-Partei 1,7 Prozent, aber dann kamen Wackersdorf und Tschernobil, und bald saßen die Grünen im Maximilianeum. Paulig erzählte von den historischen Errungenschaften ihres Diskussionspartners Trittin, der in 100 Tagen den Atomausstieg auf den Weg brachte und mit dem neuen Dosenpfand „die mittelständischen Brauereien gerettet hat“. Trittin verpasste dem bayerischen Ministerpräsidenten gleich noch eine Watschn: „Wenn Kosten für zuviel produzierten Strom durch Erneuerbare anfallen, dann nicht wegen der norddeutschen Windkraft, sondern wegen des überschüssigen Stroms aus bayerischen PV-Anlagen.“

US-Amerikaner: „Fühle mich wie 1932 in Deutschland“
Das war der Beitrag zur aktuellen Tagespolitik, bevor Trittin und Paulig aufs verabredetete Thema kamen – die Macht der starken Männer, zum Beispiel die des Demokratie-Demolierers Trump. Ein amerikanischer Freund habe ihm nach der Wahl gesagt, er fühle sich wie im Deutschland im Jahre 1932. Eine besondere Gefahr gehe von der Bedrohung der Justiz aus. „Der neue Faschismus will die Justiz nicht abschaffen, sondern für seine Herrschaftssicherung nutzen“. Die Bezeichnung „Rechtspopulismus“ hält Trittin für eine Verharmlosung rechter Antidemokraten.
„Gegen den Staat haben Oligarchen nichts, solange es ihr Staat ist“
Die Ursachen für das Erstarken der rechten Parteien in Europa sieht Trittin nicht in der Flüchtlingskrise 2015, sondern in der Finanzkrise im Jahr 2008. Das Aufstiegsversprechen der Gesellschaft, dass es der kommenden Generation besser gehe als der jetzigen, sei damals gescheitert – und mit ihm der Neoliberalismus. Er sei ersetzt worden durch die Libertären, die mit liberal nichts gemein hätten. „Thiel und Musk wollen den Wettbewerb abschaffen. Sie haben den Neoliberalismus zu Ende gedacht, weil am Ende jedes unregulierten Marktes ein Monopol steht.“ Gegen den Staat hätten die Oligarchen nichts, „solange es ihr Staat ist“.
Aber was hat das nun mit Hass auf alles Grüne zu tun? „Heute“, so Trittin, „gilt als gerecht, wenn es anderen schlechter geht als mir.“ Es gehe nicht länger um den Aufstieg in der Gesellschaft, sondern um den Abstand nach unten. Diese These machte er an der Diskussion ums Bürgergeld fest. Und schon war Trittin beim Feindes-Trio-Infernal aller Rechten – den Schwarzen, den Diversen und den Ökos. Wie aber kamen die Grünen zu der Ehre, der Hauptfeind – zum Beispiel von Söder – zu werden? „Die Antwort ist die Ökologie. Ökologie ist das Gegenteil von Schäbigkeit.“ Und Ökologie sei vernünftig und wirtschaftlich: „Im letzten Jahr,“ so Trittin, „waren 92,5 Prozent aller neuen Stromerzeuger-Anlagen Erneuerbare. Fossile und nukleare Anlagen teilten sich eine Nische von 7,5 Prozent.“
Aber was nützen solche Fakten, wenn, wie Trittin glaubt, Fakten nicht gegen Fake News helfen?
Der Vater einer TAZ-Redakteurin soll in einer Diskussion mit seiner Tochter gesagt haben: „Wie können das Fake News sein, wenn es genau das ist, was ich glaube?“

Die Diskussion wurde musikalisch begleitet durch Birgit Enke (Posaune) und Anton Bernhard (Klavier, Trompete).




Birgit Henke (Posaune und Klavier)