„Menschen mit Ehrenamt haben ein spannenderes Leben“

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Alexander Tropschug an der Stelle des größten Erfolgs seiner Ehrenamtskarriere: Hier stand das Festzelt der 1250er -Jubiläumsfeier. Er hat mit seinem Orgateam 14 Tage lang Herrsching gerockt. Foto: Gerd Kloos

Sind Sie einsam? Oder fehlt Ihrem Leben ein bisschen Abwechslung? Wollen Sie neue Menschen kennenlernen, von denen man was lernen kann? Dann gehen Sie nicht zum Psychiater, sondern in einen Verein, sagt ein Mann, der was versteht von Ehrenämtern: Für Alexander Tropschug, 55 sind Ehrenämter in Vereinen ein wunderbares Mittel, aus der eigenen Blase auszubrechen, neue Bekanntschaften zu machen und den eigenen Horizont zu erweitern. Die „Krönungsmesse“ seiner Ehrenamtskarriere war die 1250-Jahresfeier der Gemeinde. Mit einer Handvoll Vertrauter stemmte er einen fünfstelligen Etat, füllte 14 Tage lang ein Festzelt und stellte die Gemeinde in ein perfekt ausgeleuchtetes Schaufenster. „Es war ein Fulltime-Job“, sagt er in diesem Interview mit herrsching.online. Und da wären wir auch schon beim größten Nachteil des Ehrenamts: Man verdient keinen Cent. Außer Lob, viel Lob.

herrsching.online: Die Alternativen zu einem Ehrenamt wären Netflix-Serien im Ohrensessel, Stammtisch, Fahrradtouren, Golfrunden, Gartenarbeit, Segeln oder gar so aufregende Dinge wie Angeln. Was bewegt einen, solche schönen Dinge gegen Vereinsarbeit einzutauschen?

Tropschug:  Stellen Sie sich vor – ich finde auch noch Zeit zum Golfen. Und für den FC Bayern muss auch Zeit sein. Und dem Freitagsstammtisch in Andechs. Aber durch das Ehrenamt gibt man ja der Gesellschaft etwas zurück, und zudem lernt man viel in Ehrenämtern.  Wenn ich jetzt mein Volleyball-Engagement betrachte: Ich hätte mir nie vorgestellt, dass ich mit einem Mikrofon in der Hand in der BMW-Arena stehe und Stimmung mache.  Ohne dieses Ehrenamt würde ich das nicht erleben, eine spannende Geschichte also. 

herrsching.online: Viel Arbeit, viel Ehr – wieviele Ehrenämter haben Sie eigentlich?

Tropschug: Meine Engagements, die null Geld einbringen? Da wäre der Job bei den Volleys, beim Theaterverein und als Beisitzer im Vorstand des TSV Herrsching.  Dann bin ich Mitglied beim Förderverein für Volleyball. Und Vorstand der selbstverwaltenden Reihenhausanlage im Mitterweg.

herrsching.online: Führen Menschen, die ein Ehrenamt ausfüllen, ein spannenderes Leben als Leute, die nur ihren Individualinteressen nachgehen?

Man trifft Menschen, denen man im normalen Alltag nie begegnet wäre

Tropschug: Mit Sicherheit. Im Ehrenamt wird man mit Situationen und Menschen konfrontiert, denen man im normalen Alltag vielleicht nie begegnen würde. Man verlässt seine eigene gesellschaftliche Blase. Da sitzen Menschen mit völlig unterschiedlichen Berufen, Erfahrungen und Ansichten an einem Tisch und müssen gemeinsam etwas hinbekommen. Da gibt es auch harte Diskussionen. Und am nächsten Tag sitzt man trotzdem wieder gemeinsam auf der Couch und diskutiert über den FC Bayern und GCDW. Zu lernen, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und trotzdem gemeinsam weiterzumachen, hilft mir im Beruf. Aber ich glaube, es hilft vor allem auch einer Gesellschaft.

herrsching.online: Theater spielen und im Sport ein Ehrenamt auszufüllen sind eigentlich gegensätzliche Welten. Ist Ihre Spannweite der Talente so breit gefächert?

Tropschug:  Ich bin aufgewachsen mit dem Fußball, habe dann Fußball und Volleyball gespielt und bin beim Volleyball hängengeblieben. Zum Theater bin ich über die Schule gekommen.  Schauspielerei wollte ich dann als Beruf machen. Dann haben meine Eltern interveniert und gesagt: Nix da, du lernst was Gscheits, Theater kannst nebenbei machen. Deshalb habe ich dann Wirtschaftsinformatik studiert. 

herrsching.online: Das Talent als Rampensau haben Sie dann nur ehrenamtlich ausgelebt?

Tropschug: Schauspieler sind natürlich etwas extrovertierter. Mein Vereins-Spezl Robert Brack sagte einmal: Wer Theater spielt, hat einen an der Klatsche. Aber Theater ist ja nicht nur Bühnenarbeit, man kann in einem Theaterverein auch etwas entwickeln. Ich habe beim Bauerntheater zum Beispiel das Online-Ticketing eingeführt, da lernt man auch sehr viel Neues. Und die Rampensau hilft natürlich auch im Berufsleben.

Das beste Mittel gegen Vereinsamung

herrsching.online: Bei jeder Aufgabe im Ehrenamt lernt man andere Leute kennen. Ist das Ehrenamt also so etwas wie ein Programm gegen Vereinsamung?

Tropschug:  In Vereinen geht’s vor allem um Begegnung. Gemeinschaft kann man nicht konsumieren. Gemeinschaft entsteht dadurch, dass Menschen etwas miteinander machen. Und man muss ja nicht gleich den Vorsitz übernehmen oder sich für Jahre verpflichten. Man kann auch bei einem einzelnen Projekt anfangen.

Wenn ich irgendwo neu hinziehen würde, wäre einer meiner ersten Wege zu einem Sportverein, zur Feuerwehr oder zu einem anderen Verein. Stammtische, auch immer gerne als soziale Keimzelle der Geselligkeit gerühmt, sind meines Erachtens für die Erstaufnahme in eine neue Gemeinschaft nicht so geeignet.

Man kann in einen Ort ziehen. Aber wirklich dazugehören, entsteht durch Begegnung. Für mich bedeutet Heimat nämlich nicht nur, irgendwo zu wohnen. Heimat entsteht auch dadurch, dass man sich einbringt. Und einfacher als über einen Verein geht Integration fast nicht.

herrsching.online. Dann gibt es jenseits der Vereinsarbeit  noch die Champions League des Ehrenamtes, zum Beispiel eine gemeindliche Jubiläumsveranstaltung auf die Beine zu stellen. Geben Sie uns mal eine Vorstellung: Wieviel unbezahlte Arbeit steckt in einem solchen Projekt?

Tropschug: Für den Kern des Orgateams war das seit Januar fast ein Fulltime-Job. 

herrsching.online: Haben Sie für diese großartige Arbeit ein Danke gehört?

Tropschug:  Da kriege ich heute noch Gänsehaut. Es ging schon beim Festumzug los, als Menschen zu uns kamen und einfach Danke gesagt haben. Und auch danach wurde ich immer wieder auf der Straße angesprochen.

Da merkst du plötzlich: Die ganzen Stunden, die Diskussionen, der Stress, all das war es wert. Wir haben nicht einfach 15 Tage lang ein Fest organisiert. Für diese zwei Wochen ist in Herrsching etwas entstanden, das man nicht kaufen und auch nicht verordnen kann: Gemeinschaft. Genau für solche Momente macht man Ehrenamt.

herrsching.online: Ist das auch ein schönes Zeugnis für die Gemeinde Herrschings, dass solche Veranstaltungen  aus der Bürgergemeinschaft heraus gestemmt werden können? Oder hatte die Gemeinde einfach nur Glück mit dem Orga-Team?

Es waren die üblichen Verdächtigen

Tropschug:  Natürlich wars das Orga-Team (lacht). Nein, das hat schon etwas mit Herrsching zu tun. Allein 120 Helfer haben sich engagiert. Das Kernteam mit 20 Leuten war fast durchgehend zwei Wochen auf dem Festgelände. Natürlich kannte man die meisten,  es waren sozusagen die üblichen Verdächtigen. Und genau da liegt für mich auch eine Herausforderung. Für ein tolles Projekt findet man durchaus Menschen, die mithelfen. Schwieriger wird es, Menschen zu finden, die dauerhaft Verantwortung übernehmen und auch dann dabeibleiben, wenn es einmal unangenehm wird. Wir müssen aufpassen, dass diese Verantwortung nicht immer auf denselben Schultern landet. Die Leute hatten Bock, und zwar durch alle Altersstufen hindurch.  Und wenn man so eine Veranstaltung noch einmal machen würde, kämen noch mehr Helfer zusammen. Was Herrsching nicht hat, sind die Burschenvereine, die es in kleineren Gemeinden gibt. Die organisieren das Maibaumaufstellen, Sonnwendfeiern und ähnliches. Aber vielleicht kommt ja jemand auf die Idee, einen Burschen- oder Mädelverein ins Leben zu rufen.

herrsching.online: Herrsching hat eine blühende Vereinskultur. Da kommen Multi-Vereinsmitglieder mitunter in Terminnöte.

Tropschug: Allein der TSV Herrsching hat zweieinhalbtausend Mitglieder. Viele Vereine wie der Theaterverein haben eine gute Nachwuchsarbeit. Leider ziehen die jungen Leute dann weg wegen Studium oder weil sie sich hier in Herrsching keinen Baugrund leisten können.  Als Mitglied eines Vereins hat man aber nicht nur Arbeit und Pflichten, man nimmt auch Leistungen des Vereins in Anspruch, man bekommt also auch etwas.

herrsching,online: Der Landrat freut sich immer wieder öffentlich über die Ehrenamtler und schüttet viel Lob aus.

Das Ehrenamt ist Teil der Infrastruktur

Tropschug: Das Lob ist wichtig und tut natürlich auch gut. Aber man muss sich einmal vorstellen, was passieren würde, wenn morgen alle Ehrenamtlichen sagen würden: Ab jetzt mache ich das nur noch gegen Bezahlung. Allein bei den Freiwilligen Feuerwehren leisten in Deutschland über eine Million Menschen aktiven Dienst. Dazu kommen Sport, Kultur, Rettungs- und Sanitätsdienste, Jugendarbeit und viele soziale Bereiche.

Das könnte der Staat weder finanzieren noch organisatorisch ersetzen. Ehrenamt ist deshalb für mich keine nette Zugabe zu einer funktionierenden Gesellschaft. Es ist ein Teil unserer Infrastruktur.

herrsching.online: In den Vereinen wird aber nicht nur das hohe Lied der Freundschaft gesungen, manchmal kracht es auch gewaltig. Man braucht mitunter auch eine dicke Haut, wenn man ein Ehrenamt ausübt.

Tropschug:  Ja, bei der 1250-Jahr-Feier kommen natürlich Leute zusammen, die  unterschiedliche Qualifikationen und Ansprüche haben.  So entstehen Reibungen, mit denen man umgehen muss. Personalabteilungen in Firmen haben es da leichter: Die Recruiter achten darauf, dass jemand gut ins Team passt. In einem Verein kann man sich die Leute nicht aussuchen. 

herrsching.online: Ist der Zusammenhalt in Vereinen, die hohe Mitgliedbeiträge verlangen, geringer?

Tropschug: Nicht zwangsläufig. Aber klar, Geld verändert natürlich auch die Erwartungshaltung. Es ist ein Unterschied, ob ich 100 Euro Jahresbeitrag bezahle und mich als Teil einer Gemeinschaft verstehe oder eine sehr hohe Einlage leiste und dafür bestimmte Leistungen erwarte. Je stärker aus dem Mitglied ein Kunde wird, desto schwieriger kann es mitunter mit dem Gemeinschaftsgedanken werden.

Ein CIO, der gern Theater spielt

  • Alter: 55
  • Geboren in München
  • 1977 in Herrsching eingeschult worden
  • Vater war Jurist, stellvertretender Leiter der Finanzschule in Herrsching
  • Studium der Wirtschaftsinformatik
  • Berufliche Stationen bei Siemens, globaler CIO bei Unify und zuletzt CIO für Zentraleuropa bei Atos. Vier Jahre beruflich in Indonesien und den USA gelebt.
  • Heute selbstständig als Interim CIO und Interim Manager für IT-Transformation, Post-Merger-Integration und Veränderungsprozesse.
  • Als Junge leidenschaftlich Fußball gespielt, im Sportleistungssport in der Schule Volleyball gespielt
  • Seine Hallensprecherkarriere begann er beim Handball seiner Spezl. Mit dem Weg der Herrschinger Volleys Richtung Bundesliga wurde irgendwann die Figur des „Königs vom Ammersee“ geboren. Nicht jeder kann König. Er schon.

herrsching.online: Sie haben ja einen starken Gestaltungswillen in Ihren Funktionen. Haben Sie die Ämter gesucht, oder haben die Ämter Sie gesucht?

Tropschug: Sagen wir es so: Ich war bei der Ämtervergabe nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz.  Aber wenn man mitgestalten will, dann muss man sich halt engagieren. Aber das, für das ich mich engagiere, macht mir halt Spaß. Und was Spaß macht, wird meist auch erfolgreich.

herrsching.online: Vereinsamung besonders im Alter ist ein Phänomen, das in der Soziologie immer breiter diskutiert wird. Sind Vereine nicht ein wunderbares, preiswertes und gesellschaftsnützliches Gegenmittel gegen die individuelle Vereinsamung. In dem Wort steckt lustigerweise das Wort Verein schon drin.

Das Internet macht einsam

Tropschug: Guter Punkt. Das Internet und neuerdings auch die KI können schon einsam machen. Ich könnte meinen Urlaub vermutlich auch allein mit der sehr erotischen weiblichen Stimme meines ChatGPT-Bots verbringen (lacht). Aber im Ernst: Natürlich kann ein Verein nicht jede Form von Einsamkeit lösen. Aber Vereine schaffen etwas, das Internet und soziale Medien nicht ersetzen können, nämlich echte Begegnung.

Und wir Vereine müssen uns auch selbst an die Nase fassen. Es wird viel darüber geklagt, dass sich zu wenige Menschen engagieren oder bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Aber wenn dann tatsächlich jemand kommt und sagt: Ich möchte mitmachen, ich möchte gestalten, vielleicht sogar Verantwortung übernehmen, dann tun wir uns manchmal erstaunlich schwer damit, ihn auch wirklich machen zu lassen.

Denn auch im Ehrenamt gibt es Eitelkeiten. Wer lange Verantwortung getragen hat, hängt an seiner Aufgabe, an seinen Gestaltungsmöglichkeiten und manchmal eben auch an seinem Einfluss. Das ist menschlich und im Berufsleben nicht anders. Gute Führung zeigt sich für mich aber auch darin, andere groß werden zu lassen und Verantwortung abzugeben. Wenn wir Nachwuchs und neue Ehrenamtliche wollen, müssen wir genau dazu bereit sein.

Denn am Ende lebt Gemeinschaft nicht davon, dass viele sie gut finden. Gemeinschaft lebt davon, dass genügend Menschen mitmachen.

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