Herrsching, Breitbrunn und Widdersberg friedlich vereint bei der Bürgerversammlung in der Martinshalle. Trotzdem waren nicht mehr Zuhörer gekommen als früher zu den Gemeinde-Teilversammlungen.

„Euch können wir nie einsparen“

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Bürgerversammlung im Zeichen der Haushaltssperre/Was wird aus der Geothermie in Herrsching?/Was Bürger besonders aufregt///

Einen herrlichen Frühlingsabend in einer Turnhalle zu verbringen, zeugt von hohem kommunalpolitischen Bildungseifer: 139 Herrschinger Bürgerinnen und Bürger wollten in der Bürgerversammlung wissen, was die klamme Gemeinde in diesem Jahr mit ihren Steuern anstellt, welche Projekte trotz Haushaltssperre laufen, und ob die Geothermie in Herrsching eine Überlebenschance hat. Ein halbes Dutzend Gemeinderäte hörte zu, wie die Wählerin, der Wähler so tickt. Die Räte können sich entspannt zurücklehnen: Das Erregungspotenzial reicht weder für lästige Bürgerbegehren noch für aufrührerische Bürgerinitiativen. Nur das emotional aufgeladene Thema Straßenumbenennungen könnte dem Gemeinderat noch auf die Füße fallen.

Ein Bürger, der in seiner Anfrage gleich seinen akademischen Status vermerkte (Dr.), gab bekannt, dass er sehr wohl ein Freund der Erneuerbaren Energien sei. Dann aber brachte er seine Sorge zum Ausdruck, aus der Herrschinger Geothermie-Bohrung könnte eine stadtbildschädigende Industrieruine werden. Man hätte als Zuhörer gerne gewusst, wo der Bürger denn wohnt, vielleicht in der Nähe des alternativen Bohrplatzes in Sichtweite der Seefelder Straße? Bürgermeister Schiller stellte die verfahrene Situation mit der Projektfirma Erdwärme Herrsching bemüht neutral dar. Die Vorteile des neuen Standortes auf dem ehemaligen Klinikgelände nahe der Seefelder seien:

• Der Bohrplatz liegt nicht in der Sichtachse zum Pilsensee

• Direkte Erschließung über die Staatsstraße

• Brauchwasser über den alten Brunnen II

• Löschwasser über bestehende Leitungen

• Schmutzwasserkanal in der Seefelder Straße

Ob nahe der Seefelder aber gebohrt wird, entscheidet nicht die Gemeinde, sondern das Bergamt. „Das Projekt ist ein privilegiertes Vorhaben“, so Schiller. Und damit – ähnlich wie die Handyfunkmasten – relativ einspruchssicher. Dass die Bohranlagen bei einem Misserfolg wieder zurückgebaut werden, sei dank der Sicherungsleistung der Investorengruppe geregelt. Der Rückbau einer schwerlastfähigen Erschließungsstraße zum alten Standort könnte, so Schiller, nur durch einen Vertrag mit der Betreiberfirma gewährleistet werden. Aber der Gemeinderat hatte ja schon beschlossen: Über unser (Sperr-)Grundstück fährt kein einziger Lkw. Und damit wackelt der von der Erdwärme Herrsching ausgesuchte Bohrplatz.

Die Agenda einer Gemeinde ist aber auch von Kleinigkeiten beherrscht. Zum Beispiel dem roten „Teppich“ an den Einmündungen von Madeleine-Ruoff-, Rudolf-Hanauer- und Summerstraße. Es gab heftige Vorwürfe aus der Bürgerschaft (sogar der Bürgermeistersohn schimpfte): „So ein Schmarrn.“ Tatsächlich leidet das rote Warnfeld unter dem Winterdienst und muss immer wieder erneuert werden. Die drei Rotzonen hatten 20 000 Euro gekostet.

Keine Petitesse ist natürlich das Projekt Bezahlbares Wohnen am Mitterweg. Die 26 Wohnungen sind Ende 2027 bezugsfertig. Wer von den 176 Bewerberinnen und Bewerbern einzieht, entscheidet ein Gremium anhand von transparenten Kriterien noch vor der Sommerpause des Gemeinderates.

Die Pflanzentröge in der See- und der Summerstraße seien nun – Vorsicht Ironie – leider verschwunden (aus dem Publikum kam ein ebenfalls ironisches „Ach“), dafür schieben sich Bremsblumennasen mit Achtung-Pfosten in die Straßen. Aber es gibt eine gute Nachricht: Die Bäume aus den Trögen wachsen nun in der Nähe des Johanniterhauses weiter. Die nervigen Stopp-Stellen hat natürlich ein Verkehrsplaner erfunden, der noch nie einen Schulbus durch die Summerstraße gefädelt hat.

So stellt sich ChatGPT die neue Gehweg-Möblierung vor.

Weil wir gerade in der „Ach“-Abteilung sind: Der verbreiterte Gehweg an der Mühlfelder Straße nahe der Thaimassage hat 31 000 Euro gekostet, in das Pflaster hat sich ein kümmerliches Bäumchen verirrt, das mutmaßlich zu wenig Regenwasser abbekommt. Bald kann man dem Pflänzchen auf einer Bank bei den Wachstumsstörungnen zugucken. Die Bank, so Schiller, lade Seniorinnen und Behinderte zum Ausruhen ein. Spannend am Ausblick dürfte sein, wie sich Lastwagen durch die Engstelle schieben. Wenn’s einen Außenspiegelklatscher gibt, gibt’s auch einen Augenzeugen auf der Bank.

Das ironisch Pinkelpalast genannte Edel-Toilettenhäuschen am Bahnhof könnte der Vorbote für eine helle, neue Zukunft des gesamten Bahnhofs sein. Im Augenblick nimmt es die verstoffwechselten Mitbringsel aus Andechs auf und trägt 15 000 Euro zum Gemeindehaushalt bei. Bezahlt hatte die Gemeinde für den blauen Keramiksalon 167 000 Euro, als Zuschuss gab’s 180 600 Euro. Damit kann Kämmerin Miryam Goodwin rund acht Prozent Gewinn einstreichen – die 167 000 Euro Investition haben sich in elf Jahren amortisiert. Mehrmals schon hat sich der Bürgermeister über diese unverhoffte Geldquelle gefreut.

Der Bauhof hat einen einen Chef und insgesamt 13 Mitarbeiter. Um die vielen Aufgaben vom Schneeräumen bis zur Grünanlagenpflege erledigen zu können, bekamen Hermann Sontheim, sein Stellvertreter Andreas Kümmel und ihre Kollegen einen neuen Traktor für 88 500 Euro. Der Bürgermeister verband damit eine Jobgarantie: „Euch können wir nie einsparen.“

1 Comment

  1. Nur schade, dass man den Pinkelpalast mitten auf den Radweg gebaut hat. Verkehrsplanung ist halt nicht die Stärke der Herrschinger. Und egozentrisch wie wir sind, führt auch kein Radweg durch Herrsching durch. Der rote Eingang zur Fahrradstrasse soll wohl vor dem für Fahrradfahrer gefährlichen warnen. Busse, Durchgangs- und Parkverkehr machen diesen Verkehrsweg eben nicht zu einem Verkehrsweg der die Fahrräder priorisiert. Nur die Einschränkung des KFZ- Verkehrs könnte Abhilfe schaffen, beispielsweise in Form einer Einbahnstrasse oder, noch besser, als Anliegerstrasse für KFZ. Verkehrskonzept leider auch im dritten Anlauf in den Sand gesetzt. Teuer und schade.

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