Fairness im Wahlkampf ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch der Bedingungen: Ein neuer Bewerber, der kein öffentliches Amt bekleidet, geht mit einem Handicap ins Rennen um das Bürgermeisteramt – er muss sich den Wahlkampf leisten können. Ein großzügiger Arbeitgeber, ein Großsponsor oder ein solides Aktienpaket auf der Bank könnte helfen. Der Amtsinhaber dagegen bezieht auch im Wahlkampf ein stattliches Gehalt von der Gemeinde. Und er kennt jede und jeden im Ort. Es ist ein bisschen so, als würde die Auswärtsmannschaft einen Favoriten im randvollen Stadion herausfordern. Die Bürgermeister-Bewerberin Karin Casaretto blickt im herrsching.online-Interview noch einmal auf die Chancenverteilung im Wahlkampf zurück. Mit diesem Artikel beschließen wir die Wahlkampf-Berichterstattung.
herrsching.online: Die Angst der Kandidatin vor dem 18-Uhr-Syndrom: Nach der Wahl fällt man in ein tiefes Loch von Selbstzweifeln, unausgefüllter Zeit und Vorwürfen: Hätte ich bloß…Ging’s Ihnen nach der Wahl auch so?
Casaretto: Nein, gar nicht. Aus dem Stand heraus 34,5 % zu erreichen, ist ein sehr gutes Ergebnis. Bei der Bürgermeisterwahl 2008 erhielt Herr Schiller im ersten Wahlgang lediglich 25,4 % der Stimmen. In der anschließenden Stichwahl gegen den CSU-Kandidaten Brack konnte er dann, als parteiloser Bewerber, alle Nicht-CSU-Wähler hinter sich vereinen. Ich hatte in den letzen beiden Wochen im Wahlkampf so viel positive Resonanz erhalten, dass ich den Eindruck bekam, eine reale Chance zu haben und aus dem Stand zu gewinnen. Leider hat sich das am Ende nicht bestätigt. Dennoch falle ich jetzt in kein Loch. Inzwischen bin ich in Herrsching recht bekannt und es geht weiter: Ich sitze künftig mit am Ratstisch – und darauf freue ich mich sehr.
herrsching.online: Haben Sie schon mal überschlagen, wieviel Zeit Sie in den Wahlkampf gesteckt haben? Und Zeit ist natürlich auch Geld.
Casaretto: Wenn ich meine investierte Zeit seit Beginn meines Wahlkampfs Ende letzten Jahres in Arbeitszeit umrechne, wären das vermutlich mehr als 20.000 EUR.
herrsching.online: Da ist ein Amtsinhaber, der ein Gehalt bezieht, komfortabler dran.
Casaretto: Natürlich. Ich erhalte kein Gehalt für diese Tätigkeit, anders als der Amtsinhaber, der während seiner Arbeitszeit öffentlichkeitswirksame Termine wahrnehmen konnte. Ich hingegen musste mir für die heiße Phase Urlaub nehmen.
Auch konnte Herr Schiller andere Synergieeffekte nutzen. Seine Wahlbroschüren beispielsweise wurden vom selben Verlag erstellt, gedruckt und verteilt, der auch seit Jahren den Herrschinger Spiegel herausgibt und an alle Haushalte zustellt. Verstörend fand ich, dass einige Personen, die auf der Gehaltsliste der Gemeinde stehen, sowie Vereine, die von kommunalen Zuschüssen abhängig sind, sich mit mir erst nach der Wahl treffen wollten. Der Amtsinhaber konnte dort selbstverständlich als Bürgermeister Präsenz zeigen. Von gleichen Ausgangsbedingungen im demokratischen Wettbewerb kann man daher kaum sprechen.
herrsching.online: Bürgermeister Schiller kam ja 2008 aus dem Nichts und hat eine amtierende Bürgermeisterin geschlagen. Wie könnte man es organisieren, dass Herausforderer mehr Chancen haben?
Casaretto: Wie schon erwähnt, erhielt Herr Schiller bei der Bürgermeisterwahl 2008 im ersten Wahlgang lediglich 25,4 Prozent der Stimmen. Der Wahlkampf dauerte damals deutlich länger, denn es kam zu einer Stichwahl. Außerdem gab es in früheren Wahlkämpfen auch öffentliche Diskussionen unter den Wahlbewerbern. Eine solche Podiumsdiskussion hat in dieser Wahl leider nicht stattgefunden. Sie wurde mehrfach vorgeschlagen – auch von neutraler Stelle, der Kirche beispielsweise, doch Bürgermeister Schiller hat sie stets abgelehnt. Ein demokratischer Wettbewerb lebt davon, dass unterschiedliche Positionen sichtbar werden und die Bürgerinnen und Bürger zwischen Alternativen wählen können.
Hinzu kommt die Plakatierverordnung der Gemeinde Herrsching, die kurz vor den vorletzten Wahlen erlassen wurde. Sie beschränkt in Herrsching die Dauer des öffentlichen Wahlkampfs auf einen kurzen Zeitraum. Für eine Neubewerberin wie mich ein extrem kurzer Zeitraum. Zudem untersagt diese Verordnung Privatpersonen, auf ihren eigenen Zäunen oder Grundstücken Wahlwerbung anzubringen. Sie darf nur auf den extra vorgesehenen gemeindlichen Wahlplakatständern stattfinden. Meine Banner auf Privatgrundstücken mussten entfernt werden, während Herr Schiller den Wahlkampf über – trotz Verordnung – einen der zentralsten kommerziellen Großplakatständer bespielt hat. Das entspricht nicht dem Gebot der Gleichbehandlung und Neutralität und wird im neuen Gemeinderat zu prüfen sein.
herrsching.online: Welche Fehler haben die Grünen, die BGH und Sie persönlich in der Kampagne gemacht?
Casaretto: Sowohl bei meinem persönlichen Wahlkampf, als auch dem der GRÜNEN und der BGH ging es um konkrete Inhalte, nicht um Stimmungen. Es ist fraglich, ob das in unserer Zeit politisch wirksam ist. Nehmen wir das Beispiel Tiefengeothermie: Auf einer Wahlkampfveranstaltung der CSU im Pfarrzentrum wurde Seniorinnen und Senioren von Herrn Schiller erklärt: „Schauen Sie hinaus … dort soll eine Großindustrieanlage entstehen.“ Das entspricht nicht den Tatsachen und erzeugt Angst. Ich habe hingegen mit nüchternen Fakten argumentiert: „Bei den erneuerbaren Energien sind wir Schlusslicht im Landkreis – und unsere Abhängigkeit von Gas und Öl ist wirtschaftlich, wie geopolitisch ein großer Nachteil.“
herrsching.online: Es gibt bei vielen Amtsinhabern die Strategie, möglichst keine Angriffsfläche zu bieten. Hat Schiller zu wenige Fehler gemacht, um eine Wechselstimmung zu erzeugen?
Casaretto: Es war aus seiner Sicht definitiv schlau, sich zurückzuhalten. Schließlich birgt jeder öffentliche Auftritt die Möglichkeit, sich eine Blöße zu geben. Ob es allerdings besonders demokratisch ist, Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, ist eine andere Sache. Aber es war natürlich auch Programm zu sagen: „Alles muss so bleiben, wie es ist.“ Ich hingegen habe Ideen entwickelt, und klar, Ideen sind auch angreifbar und wecken Widerstand.
herrsching.online: Wenn Sie vor Ihrer Kampagne gewusst hätten, was Sie nach der Wahl wissen – würden Sie noch einmal antreten?
Casaretto: Ja sicher. Schließlich habe ich mich auch weiterentwickelt. Zum Beispiel habe ich gelernt, politische Reden zu halten. Na ja, damit begonnen – da gibt es noch Luft nach oben. Wenn ich den Wahlkampf noch einmal führen könnte, würde ich auch meine wirtschaftlichen Kompetenzen viel besser vermarkten.
herrsching.online: Und was hat Spaß gemacht im Wahlkampf?
Casaretto: Vieles, vor allem der direkte Kontakt mit den Herrschinger Bürgerinnen und Bürgern. Ein Highlight war sicher das Putz-Happening am Bahnhof. Da hat sich die Gemeinde mit ihrem Verbot ein sattes Eigentor geschossen. Und wir haben gespürt, jüngere Menschen sehnen sich nach einer lebendigen Gemeinde, in der sich wieder was bewegt. Ich verstehe diese Energie auch als Auftrag für die Zukunft. Ja – und das öffentliche Reden – das beginnt mir richtig Spaß zu machen.
herrsching.online: Haben die Herrschinger Bürgerinnen und Bürger ein Frauenproblem an der Wahlurne?
Casaretto: Nein, nicht wirklich, also das hoffe ich zumindest. Fakt ist allerdings, dass offenbar viele Frauen männliche Kandidaten eben den weiblichen vorgezogen haben. Aus meiner Sicht das Ergebnis von Angstkampagnen, auf die große, konservativen Parteien gerne zurückgreifen, wenn Veränderung ansteht. Trotzdem schade, in einer Zeit, wo es noch immer einen Weltfrauentag benötigt, um Gleichberechtigung einzufordern.
herrsching.online: Und was nehmen Sie nun mit aus diesen intensiven acht Wochen?
Casaretto: Dass ich die Bürgermeisterin der Herzen bin. Ich habe so viel positiven Zuspruch erhalten, wie ich es nie erwartet hätte. Diese Energie – immerhin mehr als ein Drittel der Bürgerschaft steht hinter mir – nehme ich mit an den Ratstisch. Für ein gemeinsames Herrsching.



