Claudia von Hirschfeld bei einer Bürgerdiskussion über den Bahnhof: „Auf Wunder sollte man sich in der Kommunalpolitik nicht verlassen."

„Ein deutlich männerdominierter Gemeinderat“

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Mit dem Interview der ehemaligen Gemeinderätin und neuen Ortsvorsitzenden der Bürgergemeinschaft Herrsching, Claudia von Hirschfeld, setzen wir die Analysen der Kommunalwahl fort. Von Hirschfeld sieht in Herrsching keinen Ruck nach rechts, beklagt aber, dass sich „trotz vieler engagierter Kandidatinnen ein deutlich männerdominierter Gemeinderat ergeben hat“. Und an ein Wunder für den maroden Bahnhof glaubt sie nicht: „Unser Bahnhof wirkt nicht wie das Objekt, auf das Investoren besonders sehnsüchtig warten.“

herrsching.online: Es gab viele Kenner der Herrschinger Kommunalpolitik, die darauf gewettet hätten, dass die Bürgergemeinschaft einen Sitz dazugewinnt. Stattdessen hat Frau Gruber ein paar Stimmen verloren. Zählt Leistung im Rat nicht mehr, oder macht Herrsching gerade einen Ruck nach rechts? In Herrsching hat die CSU 41 Prozent geholt, in ganz Bayern nur 32,5 Prozent der Stimmen, sie hat sogar leicht verloren. 

Von Hirschfeld: Man muss wohl akzeptieren, dass viele Bürgerinnen und Bürger die kommunalpolitischen Abläufe im Gemeinderat nicht regelmäßig verfolgen. Die Entscheidung an der Wahlurne orientiert sich dann häufig an anderen Kriterien – Bekanntheit, Sympathie oder Parteizugehörigkeit spielen sicherlich ebenfalls eine Rolle. Das ist Teil der demokratischen Realität, auch wenn sich politische Philosophen wie Immanuel Kant darüber vermutlich ihre Gedanken gemacht hätten. Einen „Ruck nach rechts“ sehe ich in Herrsching allerdings nicht. Wenn man die Wahlergebnisse seit 2008 betrachtet, zeigt sich eine relativ stabile Größenordnung bei den Sitzanteilen der CSU. Insofern bewegt sich das aktuelle Ergebnis eher im Rahmen dieser langfristigen Entwicklung. Für uns als Bürgergemeinschaft Herrsching ist entscheidend: Wir konnten unsere vier Sitze behaupten. Das ist für uns eine Bestätigung unserer Arbeit im Gemeinderat – mit sachorientierter Politik, Engagement und einer klaren Haltung zu den Themen vor Ort.

herrsching.online: Über alle Listen hinweg gab es einen Trend: Frauen haben es in Herrsching schwerer.  Gibt es eine eher frauenskeptische Grundhaltung an der Wahlurne? Dass eine bekannte CSU-Kandidatin durchfiel, obwohl sie auf Platz 5 der Liste stand, ist ja kein hoffnungsvolles Zeichen?

von Hirschfeld: Dass Frauen es bei Wahlen oft schwerer haben, ist leider kein neues Phänomen. Auch deshalb haben wir als BGH im Februar eine Veranstaltung mit dem Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ organisiert. Ziel war es, das Thema Frauen in der Politik stärker ins Bewusstsein zu rücken und für mehr Beteiligung zu werben. Gerade deshalb ist es bedauerlich, dass sich trotz vieler engagierter Kandidatinnen über alle Listen hinweg erneut ein deutlich männerdominierter Gemeinderat ergeben hat. Dabei waren zahlreiche Frauen bereit, Verantwortung zu übernehmen und ihre Perspektiven in die kommunalpolitische Arbeit einzubringen. Umso mehr freue ich mich, dass die BGH auch in der kommenden Amtszeit mit einer paritätisch besetzten Fraktion und einem guten Altersmix im Gemeinderat vertreten sein wird. Vielfalt – sei es in Bezug auf Geschlecht, Alter oder Lebenshintergrund – bereichert die Diskussionen und trägt erfahrungsgemäß zu ausgewogeneren Entscheidungen bei.

herrsching.online: Die BGH hat sich besonders des Bahnhofs angenommen. Glauben Sie, dass bald ein Wunder geschieht und ein „Weißer Ritter“ kommt? Ohne Investor gehts ja wohl nicht, oder sind Sie überzeugt, dass eine Genossenschaft die Bruchbude rettet?

von Hirschfeld: Ein Wunder ist per Definition ein Ereignis, das sich rational kaum erklären lässt und häufig einer höheren Macht zugeschrieben wird. Darauf sollte man sich in der Kommunalpolitik vielleicht besser nicht verlassen. Wenn man die aktuelle wirtschaftliche Lage betrachtet – Rezessionstendenzen und ein Gastronomiegewerbe, das vielerorts mit steigenden Kosten und Insolvenzen zu kämpfen hat – wirkt unser Bahnhof vermutlich nicht wie das Objekt, auf das Investoren derzeit besonders sehnsüchtig warten. Ich bin deshalb auch nicht überzeugt, dass ausschließlich ein externer Investor die Lösung sein muss. Es gibt viele erfolgreiche Beispiele, in denen historische Gebäude durch genossenschaftliche Modelle oder bürgerschaftliches Engagement erhalten und neu belebt wurden. Herrsching verfügt über engagierte Bürgerinnen und Bürger, über Menschen mit finanziellen Möglichkeiten und über ortsansässige Betriebe mit dem nötigen handwerklichen Know-how. Wenn es gelingt, diese Kräfte zusammenzubringen, könnte daraus durchaus ein tragfähiges Projekt entstehen. Für ein Wunder bräuchte man vermutlich göttlichen Beistand – für eine genossenschaftliche Lösung am Bahnhof vor allem den politischen Willen und Unterstützung aus dem Rathaus. Ich bin gespannt, welcher Weg sich am Ende als realistischer erweist.

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