Alles, was Asien ist, hat die Politologin Dr. May-Britt Stumbaum schon interessiert, als dieser Erdteil noch nicht im Fokus der europäischen Politik stand. Jetzt will sie sich auch in die Mikropolitik am Ammersee vertiefen. Foto: Gerd Kloos

„Ich war mit meiner Forschung ein bisschen der Freak“

6 mins read

Prof. Dr. May-Britt Stumbaum, 51, – wäre die was für den Gemeinderat? Die Politologin und China-Kennerin bewirbt sich auf der CSU-Liste für den Herrschinger Gemeinderat. Eigentlich ist ihr Berufsalltag als Politikberaterin und Professorin gut ausgefüllt.

In loser Folge stellt herrsching.online Gemeinderatskandidatinnen und Kandidaten vor, die den Herrschinger Gemeinderat bereichern könnten.

Gemeinderäte schreinern zwischen zwei Sitzungen Möbel, bauen Häuser, verkaufen Bücher oder fahren Schulbusse. Der Beruf von Dr. May-Britt Stumbaum, 51, ist es, Regierungen zu erklären, was China wirklich will, wie die kommunistische Partei tickt, welche fiesen Strategien aus chinesischen Trollfabriken kommen: Die Politologin hat jetzt noch ein neues Ziel: Sie will wissen, wie der Herrschinger Gemeinderat tickt.

Kommt einem so vor, als wolle Joshua Kimmich beim  TSV Herrsching mitspielen. Die Professorin am Marshall Center wurde in Berlin geboren, der Stammbaum oder besser Stumbaum ihrer Familie aber lässt sich vierhundert Jahre zurückverfolgen, sozusagen alter Herrschinger Bürgeradel.  Was sie geritten hat, an einen langen Ratstisch zu drängen mit 23 Leuten, die man sich nicht aussuchen kann? (Die Auswahl trifft die Wahlbürgerin, der -bürger.) „Weil die Stumbaums schon so lange in Herrsching sind, haben wir eine Verantwortung, uns hier einzubringen“, begründet sie ihre Kandidatur. herrsching.online hat sie zwei Tage vor der Münchner Sicherheitskonferenz zum Interview getroffen, morgens um 8.15 Uhr.

„Ich war als Kind schon auf Friedensdemos“

Schon Klein-May-Britt hat sich für die großen Fische interessiert. Sie ist Mitglied der Fischerei-Genossenschaft.

Die kleine May-Britt ist in Herrsching aufgewachsen, hat schon mit fünfzehn angefangen, die Welt zu verändern. „Da meine Eltern sehr aktiv in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Friedensbewegung waren, war ich als Kind schon auf Demos – den Friedensdemonstrationen und Lichterketten – das hat schon nachhaltig geprägt, auch in meinem Weg in die Sicherheitspolitik“, erzählt sie.

Dass Politik einmal ihr Lebensthema wird, zeichnete sich früh ab, beide Elternteile interessierten sich sehr für Politik. Warum sie dann aber ins Architekturstudium geriet, weiß sie heute wohl nicht mehr genau. Irgendwann offenbarte sie ihrem Vater: „Papa, ich will gar nicht Architektin werden.“ Er habe geantwortet: „Ich habe mich eh gewundert,  was du da willst.  Und was willst du machen?“ „Ich will Politik studieren.“ „Dann musst du nach Berlin.“ Und so ist sie 1996 nach Berlin gekommen. „Ich bin ja in Berlin geboren, und so schloss sich dieser Kreis. Im Studentenparlament habe ich einmal eine Rede gehalten und gemerkt, dass ich Menschen mitreißen kann.“ Nach dem Studium an der FU heuerte sie bei einem der renommiertesten Thinktanks an, der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik (DGAP).

„Ich war mit meiner Forschung ein bisschen der Freak“

Dort fand sie dann auch „ihr“ Lebensthema: europäische  Sicherheitspolitik. „Ich habe mir für die Doktorarbeit die Handels- und die Sicherheitspolitik der EU mit China angeschaut. Sicherheit war im Zusammenhang mit China in jener Zeit überhaupt kein Thema“, sagt sie heute und ist wohl insgeheim stolz darauf, eines der heute brennendsten Politikfelder damals schon erkannt zu haben. Ihr Doktorvater jedenfalls hielt das Thema wohl für etwas abseitig. Der Spruch, dass es bei uns niemanden interessiert, wenn in China ein Sack Reis umfällt, drückte die Haltung des Westens exakt aus (heute ist die ganze Welt übrigens elektrisiert, wenn der Sack Seltene Erden enthält). „Ich war mit meiner Forschung ein bisschen der Freak“, lächelt sie heute.

Selbst heute noch, staunt sie, fällt es manchen Leuten schwer, Sicherheitspolitik und China zusammenzubringen. „Und so gehört es zum meinem Beruf, der Politik und der Wirtschaft zu erklären, was die kommunistische Partei in China will, was sie treibt und antreibt.“ China falle seit 2015 mit aggressivsten Cyberattacken und anderen Operationen auf, und seit der Coronakrise habe das noch einmal stark zugenommen. „Meine Aufgabe ist nun, Regierungsstellen und auch Unternehmen zu  sensibilisieren.“

Ihre Forschungen betreibt die Politologin nicht im akademischen Elfenbeinturm, darauf legt sie großen Wert, sie forscht mit und am Menschen im Marshall Center in Garmisch. Diese Bildungseinrichtung wird von den USA und Deutschland gemeinsam bezahlt und von Menschen aus der ganzen Welt besucht. Da kommen Leute aus der Mongolei,  aus Vietnam, aus Kenia oder Simbabwe, sie verbringen drei Wochen miteinander, hören Vorträge und diskutieren miteinander. „Für mich ist das superspannend, weil ich nicht so gerne im Elfenbeinturm forsche, am Center kann ich mich austauschen mit vielen Expertinnen aus aller Welt.“

„Stimmen kann man sich ja kaufen“

Das hat eine ganz praktische Seite: Stumbaum muss die Welt nicht mehr bereisen, die Welt kommt zu ihr. „Ich bin früher unglaublich viel gereist, das muss ich jetzt nicht mehr.“ Dabei lerne man, wie die Menschen in anderen Weltregionen ticken. Da sei dann durchaus auch Kurioses dabei. „Der Vertreter eines Inselstaates, um den sich die Großmächte rissen, erzählte in einer Kaffeepause im Seminar, dass man sich ja Stimmen kaufen könne. Er hat dann gefragt, was denn die anderen Länder so an Beträgen aufrufen.  Er meinte, dass bei ihnen die Stimme schon 500 Euro pro Stimme wert sei. China habe dann zwei Millionen in die Hand genommen, damit die Entscheidungen im Inselparlament dann China-freundlich gefallen seien. Und tatsächlich hat der kleine Staat dann die Amerika-freundlichen Kräfte rausgeschmissen.“

„Wir konnten 18 ukrainische Flüchtlinge aufnehmen“

Und weil wir nun schon bei Inseln sind, die Stumbaums, vier Kinder im Altern von 25, 21 und 7 Jahren (die Zwillinge), hat es 2021 wieder nach Herrsching verschlagen. Im Februar 2022 klopfte dann die Weltpolitik bei den Stumbaums an die Tür, die Flüchtlingswelle aus der überfallenen Ukraine stellte auch Herrsching vor bisher unbekannte Probleme. „Wir hatten ein Haus in Herrsching und haben gleich gedacht: Da können wir ja etwas machen“, erzählt Stumbaum, „wir haben dann beim Bürgermeister angerufen und unser leerstehendes Haus für Flüchtlinge angeboten. Mir war klar, dass der Krieg länger dauern wird und viele Menschen bei uns ankommen. Und ich wusste, dass es Russland in die Hände spielt, wenn wir mit der Flüchtlingswelle nicht klarkommen.“ Am Donnerstag war Kriegsbeginn, innerhalb von drei Tagen haben die Stumbaums mit Hilfe vieler Herrschinger, von denen einige selber Migrationshintergrund hatten,  das Haus funktionsfähig gemacht: „Dann konnten wir 18 Leute aufnehmen.“ Ein Beispiel bürgerlicher Solidarität und konkreter Hilfsbereitschaft.

Das Gegenteil dieser Solidarität ist Jammern ohne persönliche Konsequenzen: „Ich habe auf der Sicherheitskonferenz erlebt, dass die Leute sich erzählen, wie schlimm alles ist und man kann nichts machen“, erzählt May-Britt Stumbaum. „Diese Haltung bringt aber niemandem etwas. Der Engländer sagt: ‚So what, was kann ich jetzt konkret machen?‘ Nach einem Vortrag kam ein Herr zu mir und meinte, dass man persönlich ja nichts machen könne. Dann habe ich ihm gesagt, dass das nach einer wohlstandsgetriebenen Komfortausrede klinge. Daraufhin hat er verlegen gelächelt. Eigentlich wollte er von mir eine Absolution,  die habe ich ihm aber nicht gegeben, ist nicht meine Baustelle.“

Chinas Arm reicht auch nach Deutschland

Die Politologin spricht da keineswegs aus einem akademischen Safehouse, in dem ihr nichts passieren kann: Durch ihre China-kritische Haltung sei sie ins Fadenkreuz des fernöstlichen Überwachungssystems geraten. Ist das nun eine konkrete Bedrohung oder nur ein diffuses Risiko? Stumbaum erzählt als Beispiel den Fall einer Journalistin, die wegen kritischer China-Artikel auf den Radarschirm der Chinesen gerate sei. Die Reaktion: Es erschien auf einem „sozialen“ Medium ein Post mit ihrer Adresse, verbunden mit dem Hinweis, hier wohne eine willige Dame. Die Journalistin hatte ganz schnell Dutzende Männer vor ihrer Tür. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als die Wohnung zu wechseln.

Dass die Chinesen bei uns in Bayern sehr intensiv agieren, liege auch an die vielen Uiguren, die in München leben. Aber auch an die vielen Forschungseinrichtungen, die die chinesische Neugier erregen. „Der Manager eines großen Energieunternehmen erzählte mir, dass er jeden Tag 2000 Cyber-Angriffe erl„ebe.“ Das chinesische Konsulat habe die Wohnung unter ihm gekauft. Sie vermeidet deshalb bei jedem Fernsehinterview Bilder, die Rückschlüsse auf ihre Wohnung zulassen.

„ Ich habe klar kommuniziert, dass ich parteilos bin und es auch bleiben werde“

Darf sich eine Wissenschaftlerin, die einen klaren Blick auf ihr Forschungsgebiet Politik haben muss, politisch betätigen? „Ich hätte mir früher nie vorstellen können, auf eine Parteiliste zu gehen, aber wenn man sich dann entschlossen hat, sich einzubringen, muss man halt auf einer Liste stehen.  Ich habe aber klar kommuniziert, dass ich parteilos bin und es auch bleiben werde.  Dass ich kein Parteibuch habe, ist für mich beruflich wichtig.“  

„In der Wissenschaft hat sich die Frage nach der Gleichstellung der Frauen noch nicht erledigt“

Und warum CSU? „Ich bin lokal dorthin gegangen, wo die Menschen am meisten angepackt haben, als wir das Haus für die Flüchtlinge bewohnbar machen wollten.“ Außerdem, das sagt Stumbaum natürlich nicht, ist jede fähige Frau auf der CSU-Liste ein Himmelsgeschenk – es gibt dort nämlich nur fünf weibliche Vornamen. Möglicherweise versteht sie sich deshalb auch als eine Art weibliche Vorkämpferin: „In vielen Branchen und in der Wissenschaft hat sich die Frage nach der Gleichstellung noch nicht erledigt.“ Auch mit hoher wissenschaftlicher Reputation erlebt man irritierende Begegnungen: „Eine Kollegin sagte mir kürzlich: Du, da kenn ich mich zu wenig aus, um dir da widersprechen zu können. Ich hatte mich dann gefragt: Warum konzentrierst du darauf, mir zu widersprechen, anstatt zu überlegen, wie wir gemeinsam weiterkommen?“ „Deshalb ist es mir so wichtig, voranzugehen. Und das gilt auch für den Gemeinderat.“

Ihr Großvater Ulrich Stumbaum hängt goldgerahmt im Wohnzimmer.

1 Comment

  1. Liebe Frau Dr. Stumbaum, jetzt kann es mir passieren, dass ich den einzigen Kommentar zu Ihrem medialen Statement mache. Trotzdem… ich finde es interessant, dass Sie als wissenschaftliche Politikberater in ins Ehrenamt des Gemeinderates Herrsching gehen würden. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung las ich am 24.02.2026 in einem Artikel von Klaus Heine und Karsten Mause folgendes: „Wissenschaftliche Politikberatung folgt ökonomischen Gesetzen und verfolgt eigene Interessen an Einfluss und Karriere.“ Ich nehme, dass das aber nicht ihre Beweggründe sind. Oder?

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Aktuellste Meldungen

Goro geht

Neuer Bootsverleiher an der Promenade/Christiane „Tinsi“ Gruber zieht mit ihrem Mann nach Utting, behält aber ihr