Wie herrsching.online schon am Donnerstag berichtete, stellte Bürgermeister Christian Schiller Strafantrag gegen Unbekannt wegen eines Bedrohungstatbestandes: Auf einen Flyer mit seinem Porträt hatte ein anonymer Täter ein Fadenkreuz gemalt und in den Rathaus-Briefkasten gesteckt. Inzwischen hat seine Mitbewerberin um das Bürgermeisteramt, Karin Casaretto, die Tat scharf verurteilt. herrsching.online sprach mit Schiller über die Grenzen politischer Kommunikation und die psychologischen Auswirkungen einer solchen anonymen Drohung.
herrsching,online: Was macht das mit Ihnen, wenn Sie Ihr Porträt hinter einem Fadenkreuz sehen?

Schiller: Ich hab dieses Flyer-Exemplar zuerst einmal zur Seite gelegt und nach einer Stunde noch einmal angeschaut. Dann ist mir klar geworden, dass da eine Grenze überschritten wurde. Ein solches Zielfadenkreuz ist ja was anderes als eine der üblichen Karikaturen mit Bart oder langen Ohren. Ich wurde ja auch schon als Indianer karikiert, alles schon dagewesen und ein Anlass, auch mal zu schmunzeln. Aber ein Fadenkreuz geht zu weit. Dieser Meinung war auch der Polizeibeamte, der meine Anzeige aufgenommen hat. Das ist keine Beleidigung mehr, sondern eine Bedrohung. Ich finde es traurig, dass sich manche so eine politische Meinungsäußerung vorstellen.
herrsching.online: Haben Sie eine Vermutung, wer hinter so etwas stecken könnte?
Schiller: Ich habe keinen konkreten Verdacht. Aber es ist eine traurige Wahrheit, dass seit Corona Beleidigungen, Unterstellungen und Drohungen auf Online-Plattformen zugenommen haben…
herrsching.online: … Sie sind ja sehr häufig auf Instagram präsent. Das ist doch eine der größten Müllhallen für Diffamierungen und Verschwörungen…
Schiller:…ich bin bei Instagram bereits vor rund sieben Jahren auf Betreiben meiner Söhne eingestiegen. Ich arbeite sehr gerne visuell mit schönen Bildern und habe auch keine Kamerascheu, wenn’s um Informationen und Statements geht. Aber zugegeben, da gibt’s tatsächlich sehr viel Müll.
herrsching.online: In Ihrer ersten Pressemitteilung haben Sie pauschal von Online-Plattform geschrieben. Weil Sie diesen Begriff schon öfter auch für herrsching.online verwendet haben, fühlten wir uns angesprochen. Wir sind keine Online-Plattform, sondern eine digitale Tageszeitung, die als Vertriebsweg das Internet gewählt hat.
Schiller: Vielleicht ist die Formulierung auch nicht richtig. Ich meinte alles, was online passiert, wo man mal ganz schnell über die Tasten fegt, einen unüberlegten Kommentar raushaut und vergisst, dass man eben nicht in einem geschützten Bereich agiert. Da sollte man schon darauf achten, dass die Persönlichkeitsrechte gewahrt sind. Ich werde auch auf Anraten der Polizei künftig verstärkt darauf achten, wenn solche Dinge wie die Sache mit dem Fadenkreuz-Porträt wieder passieren, werde ich auch weiter dagegen vorgehen.
herrsching.online: Ist es eine Beleidigung, wenn einer schreibt: Schiller muss weg?
Schiller: Nein, das ist eine politische Meinungsäußerung. Wenn einer schreibt: Schau dir das dumme Grinsen an…dann ist das schon eine andere Nummer.
herrsching.online: …stand ein paar Minuten in der Kommentarspalte von herrsching.online, wurde von der Redaktion sofort nach der Entdeckung gelöscht. In dem gelöschten Kommentar war von einem „peinlichen Grinsen“ die Rede…
Schiller:…oder Schluss mit alten Seilschaften, dann ist das eine Unterstellung. Seilschaften sind illegale Netzwerke, die es bei uns nicht gibt.
herrsching.online: Seilschaften sind ein Begriff aus dem politischen Umgangsvokabular, aber keine Beleidigung.
Schiller: Ich bin seit 18 Jahren im Amt und habe mir schon viel anhören müssen. Aber ich renne nicht wegen jeder Kleinigkeit zur Polizei. Ich wurde auch schon als Nazi verunglimpft. Gottseidank ist die Rechtsprechung inzwischen sehr konsequent, gerade was Beleidigungen und Angriffe auf Mandatsträger anbelangt.
herrsching.online: Sind Sie besonders empfindlich, oder haben Sie eher ein dickes Fell?
Schiller: Man muss sich auch nach 18 Amtsjahren eine gewisse Sensibilität bewahren, aber ich habe ein breites Kreuz und kann einiges ab.
herrsching.online: Man sagt Ihnen nach, dass Sie sich mit dem Vergessen und Verzeihen schwer tun würden. Wer es mal bei Ihnen verscherzt habe, der sei lebenslang im Bann..
Schiller...Danke für den Hinweis. Nehme ich eigentlich nicht so wahr. Mir war immer wichtig, dass man den Streitpunkt ausdiskutiert, und dann muss er vom Tisch sein. Man muss aus Fehlern lernen, ein zweiter Fehler zeugt nicht von großer Intelligenz.
herrsching.online: Noch mal zu dem unsäglichen Fadenkreuz. Möglicherweise könnte einem Mandatsträger, der im Fadenkreuz eines solchen Wirrkopfs ist, eine solche Tat sogar nützen, weil sie bei den Wählern einen gewissen Mitleidseffekt oder eine Solidarisierung bewirken könnte?
Schiller: Mit mir braucht keiner Mitleid zu haben. Du musst als Mandatsträger, übrigens auch als Gemeinderat, heute leider damit rechnen, dass irgendwann sowas mal kommt. Mitleid brauch‘ ich jedenfalls nicht. Wir müssen alle zusammenstehen und so etwas kategorisch verurteilen. Das ist doch nicht die Art der politischen Auseinandersetzung, die wir uns alle wünschen. Gott sei Dank können wir hier in Deutschland unsere Meinung frei äußern und freie und geheime Wahlen abhalten. Aber es gibt eben klare Grenzen. Und das ist gut so!
herrsching.online: Wird diese Tat Ihr Verhalten ändern, haben Sie nun Angst?
Schiller: Natürlich macht man sich ein paar Gedanken. Wenn man für einen solchen Menschen eine Zielscheibe ist, dann weiß man halt nicht, was noch kommt.



