Der Siegersekt ist getrunken, das Frustbier ausgeschwitzt, jetzt kommt der Kopf dran – Wahlanalysen fragen jetzt nach dem Warum. herrsching.online hat die Parteistrategen und Neulinge im Gemeinderat nach den Gründen für Sieg oder Niederlage gefragt. Hier kommt der grüne Gemeinderat Gerd Mulert zu Wort, der bei den Grünen auf Platz drei durchs Ziel ging. Zwei Sitze mussten die Grünen allerdings abgegeben. Wie geht’s ihm damit?
herrsching.online: Die Grünen haben mit 21 Prozent der Wählerstimmen fünf Prozent verloren – und damit zwei Sitze eingebüßt. Ist das ein Misstrauensvotum der Wähler oder ein allgemeiner Trend weg von Öko-Positionen?
Mulert: Ich finde unser Ergebnis mit fünf Sitzen in Ordnung. Vor sechs Jahren gab es eine absolute Hochstimmung, bis hin zu der Erwartung, dass die Grünen doch bald auch die Kanzlerin stellen werden. Unser siebter Platz hing damals an einem seidenen Faden. Jetzt ist die Linke mit einem Sitz dazu gekommen, und die BGH hat auch eine gute Politik gemacht, die in vielen Punkten sehr Grün-nah war. Das ergibt 10 Sitze für eine starke und eindeutige Opposition. Eine gute Basis.
Im Vergleich zu anderen Gemeinden im Kreis sind wir mit über 21 Prozent eine Hochburg für grüne Stimmen, trotz BGH und Linke.
Das Grünen-Bashing ist am Abklingen, aber hier und dort noch spürbar vorhanden. Außerdem sehen wir ja überall, wie schwer es Öko-Positionen aktuell haben. Der Iran-Krieg und die explodierenden Energiepreise werden wahrscheinlich zeigen, dass PV-Anlagen, E-Autos und Wärmepumpen der richtige Weg sind, um als Privatpersonen die Energiewende zu schaffen.
herrsching.online: Sie liegen rund 300 Stimmen hinter Darchinger, obwohl Sie viele wichtige Anträge eingebracht haben. Ist das wieder ein Beleg dafür, dass Öko-Themen Stimmengift sind, oder sind die Wählerinnen und Wähler nicht ausreichend informiert?
Mulert: Ich gönne Wolfgang Darchinger jede Stimme mehr, die er erreicht hat. Zum Beispiel sind seine Initiativen zum Eindämmen der Kippenflut nicht nur ökologisch total richtig, sondern auch mit Witz und Kreativität vorgetragen. Dagegen verblasst dann mancher vielleicht nur trocken vorgetragene Antrag. Mit Platz drei auf unsere Liste bin ich persönlich sehr zufrieden. Und im Kreistag bin ich von Platz 8 auf 5 vorgewählt worden.
herrsching.online: Es gab einen dramatischen Stimmenzuwachs der CSU mit 7,6 Prozent. Welche Erklärung gibt es dafür?
„CSU hat vom Amtsbonus von Christian Schiller profitiert“
Mulert: Die CSU in Herrsching hat sicher stark vom Amtsbonus von Christian Schiller profitiert, der sich in dieser Wahl eindeutig auf die Seite der CSU geschlagen hat. Christian Schiller ahnte wahrscheinlich genau, warum er einer öffentlichen Veranstaltung mit Karin Casaretto aus dem Weg gegangen ist. Das hätte seiner Gegenkandidatin mehr und der CSU weniger Punkte gebracht.
herrsching.online: Über alle Listen hinweg gab es einen Trend: Frauen haben es in Herrsching schwerer, und ein Doktortitel ist fast schon ein Ticket in den Gemeinderat. Gibt es eine eher frauenskeptische Grundhaltung an der Wahlurne – es sei denn, die Frau ist promoviert?
Mulert: Alle Fraktionen sollten Frauen in verantwortliche Positionen bringen, die auch Profilierungschancen ermöglichen. Es zeigt aber auch ganz generell die Erfahrung, dass die Berufsbezeichnungen Krankenschwester, Biobäuerin oder Ärztin für viele Stimmen genügen. Kommt dann noch „Jung“ dazu, ist der Einzug fast gesichert. Und bei vielen Männern reicht oft, ganz viele Hände geschüttelt zu haben. Es ist schade, dass die eigentlich politische Arbeit, das Bohren dicker Bretter, weniger Anerkennung bringt.
herrsching.online: Rein rechnerisch gibt es eine Pattsituation zwischen der CSU und Grünen, BGH und Linken. Auf welche Seite werden sich jeweils SPD, FDP und Bürgermeister schlagen, wenn es gilt, Herrsching für die großen Herausforderungen der Klimawende fit zu machen?
Mulert: Als Optimist hoffe ich, dass sich am Ende bei allen Fraktionen und beim Bürgermeister die guten Ideen durchsetzen, um die Klimawende zu erreichen. Immerhin ähneln sich die Programme zu dieser Wahl in Herrsching sehr, wie ich positiv festgestellt habe. Gefragt sind nun die einzelnen Personen; und da habe ich meine Sorgen, wenn ich mir den neuen Gemeinderat ansehe. Ob bei SPD, FDP und Bürgermeister der Hinweis auf die Programme helfen wird?
herrsching.online: Wer wird Fraktionssprecher bei den Grünen: Die Stimmenkönigin oder ein verdientes Mitglied der Fraktion?
Mulert: Darüber müssen wir natürlich noch sprechen. Am Donnerstag treffen wir uns intern erst einmal, um zu feiern und den vielen Aktiven Danke zu sagen.



