Blick in die Zukunft: In diesem Behälter mit 250 Milliliter Wassr kann man die Larven zählen, die später als Culex pipiens, gemeine Stechmücke, das große Kratzen verursacht. Auf dem Bild der Mückenexperte Matthias Galm, der Vereinsvorsitzende Rainer Jünger und ein Bürger aus Lochschwab.

Mückenplage: Der Druck auf die Politik steigt

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Vereinsvorsitzender von „Mückenplage nein danke” rechnet mit erhöhtem Druck auf die Politik, endlich biologische Waffen gegen die Stechmützen einzusetzen/Grenzwerte seien in manchen Gegenden schon deutlich überschritten///

Culex pipiens ist im Augenblick die bestgehasste Tierart im Fünfseenland, vermutlich wäre ein aus dem Zoo entkommener Alligator sogar beliebter. Der Vorsitzende des Vereins „Mückenplage nein danke”, Rainer Jünger, berichtete im Gespräch mit herrsching.online, dass bei Wasserproben rund um den Ammersee der Grenzwert von 50 Mückenlarven in einem Viertelliter weit überschritten worden sei. Und diese Larven sind die Folterbiester von morgen: „Dieses Jahr wird es eine gewaltige Mückenplage geben”, sagt Jünger voraus, „schlimmer als 2015, 2019 und 2021″.

Die Brutstätten für die Stechmücken sind in diesem Jahr so riesig, dass eine Bevölkerungsexplosion der Culex pipiens wahrscheinlich ist. Die ganzen Schilfgebiete samt der Uferwege um den See sind überschwemmt, viele Äcker sind Kleinstfilialen des Ammersees, und überall, wo schwere Bau- und Landwirtschaftsgeräte den Boden verdichtet haben, stehen wochenlang die Pfützen als Mückenbrutstätten zur Verfügung.

Zwischen Politik und Interessenvertretern war in der Vergangenheit umstritten, ob es überhaupt einen Grenzwert für die Larvenzahl gibt. Bei einer Ortsbegehung des Vereins Mückenplage nein danke mit Bürgermeister im Jahre 2021 sagte Schiller, es gebe überhaupt keinen solchen Grenzwert, der ein Einschreiten der Politik und der Behörden notwendig mache.

Der Anti-Mückenverein hatte damals verlangt, dass die Gegend – zum Beispiel auch in Lochschwab – kartiert werden müsse, um wissenschaftliche Grundlagen für eine biologische Intervention begründen. Als wirksame Maßnahme empfiehlt der damals anwesende Biologe Matthias Galm das biologisch abbaubare BTI (Bacillus thuringiensis israelensis). Das Bakterium produziert während der Sporenbildung Kristallproteine. Wenn BTI von den Mückenlarven aufgenommen wird, führt BTI zur Auflösung der Darmwand und schließlich zum Tod der Larven. Ob es dabei biologische Kolateralschäden, zum Beispiel bei nicht stechenden Zuckmücken gibt, ist umstritten.  Galm jedenfalls verneinte damals jeden Einfluss auf andere Arten in den Biotopen.

Der Schutzstatus der verschiedenen Gebiete ist unterschiedlich: „Der Grenzwert für 50 Larven in 250 Milliliter Wasser bezieht sich auf eine Naturschutzfläche. In anderen Gebieten mit geringerem oder gar keinem Schutzstatus wie Ackerflächen liegt der Grenzwert bei 5 Larven pro 250 Millilitern Wasser. Bei Landschaftsschutzgebieten ist die Untere Naturschutzbehörde zuständig, bei Naturschutzgebieten die Obere Naturschutzbehörde.” Dass die Politik übrigens auf stumm schaltet, wenn es um Mückenschutz geht, stimme nicht: „Es gibt einen Vorratsbeschluss des Bayerischen Landtags, dass Gemeinden einen speziellen Beantragungsprozess starten können bei den zuständigen Umweltbehörden mit dem Ziel, Mückenplagen mit der Ausbringung von BTI zu bekämpfen.”

Seine ganze Hoffnung auf einen Einsatz von BTI hatte der Verein in den Gemeinderat von Eching gesetzt. „Eching hat mit einem Ratsbegehren die Bürger befragt, ob sie eine BTI-Bekämpfung wünschen. Bei dieser Bürgerbefragung haben 80 Prozent der Echinger Wahlbevölkerung mit Ja geantwortet. In den Augen vieler Beobachter hat die Gemeinde einen ganz klaren Auftrag durch die Bürger bekommen.” Nur: Es hat sich bisher nichts getan, die Gemeinde stellte keinen Antrag auf einen BTI-Einsatz bei der Naturschutzbehörde. War es bürokratische Trägheit oder Angst vor dem Zeitgeist, dass Verwaltung und Gemeinderat bis jetzt untätig blieben? Der Vereinschef will darüber nicht spekulieren. „Ich glaube aber nicht, dass Trägheit irgendeine Rolle spielt. Welche Gründe es für die Untätigkeit gibt, ist nicht von Bedeutung, es gehört einfach gemacht”, sagte Jünger im Gespräch mit herrsching.online.

Dabei ist der Verein, anders als manche Bauernvertreter, im Ton eher moderat – aggressive Töne wie bei Querdenkern vermeiden die  Mücken-Monitoring-Aktivisten. Jünger: „Ein paar Punkte sind bei einem BTI-Einsatz dringend zu beachten, und die möchte ich auch klar benennen, denn sie sind offener Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussionen: Erstens: Die Reduzierung der Biomasse, die Nahrungsangebot für Fledermäuse Spinnen und andere Insekten ist. Deshalb sollte man auch in Plage-Jahren versuchen, die Population nicht zu sehr zu dämpfen. Und zweitens muss man unbedingt darauf achten, dass man Zuckmücken nicht schädigt.”

Der Handlungsdruck, davon ist Rainer Jünger aber überzeugt, wird mit zunehmenden Starkregen-Ereignssen immer größer: „ Ich rechne schon damit, dass in einem der nächsten Jahre etwas passiert. Durch den Klimawandel bekommen wir künftig mehr Hochwasser.”

Befürworter nehmen sogar so große Worte wie „Anspruch auf körperliche Unversehrheit” in den Mund. Apothekerin Anja Orttmann-Heuser berichtete in Lochschwab im Jahre 2021 von 160 Stichen, die Kinder in der Mückenplage erleiden mussten.

Die Echinger Bürgerin Daiana Zimmermann stieß ins gleiche Horn: „Meine Kinder hatten allergische Reaktionen nach Mückenstichen. Ich wurde gefragt, ob die Kinder einen Ausschlag haben.” Der Echinger Kindergarten schloss damals während der größten Mückenplage für eine Woche, weil sich die Kinder nicht mehr ins Freie trauten.

3 Comments

  1. Ich frage mich seit 15 Jahren, wird jedes Jahr um die Gleiche Sache diskutiert. Es bleibt abzuwarten, bis auch hier die Mücken Gefährlichen Krankheiten übertragen. Dann geht der Politik der Hintern wieder auf Grundeis. Und seit wann steht “Mückenwohl” über den “Menschenwohl” ?
    Seine Kinder den ganzen Tag mit Chemie einsprühen, ist aber in Ordnung ? Leute wacht endlich auf, bevor es zu spät ist. Ich dachte immer unsere Politiker sind für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger Verantwortlich, leider ist das Gegenteil der Fall. Fast schon Körperverletzung, weil diese nichts tun für Ihre Bürgerinnen und Bürger, die Diese eigentlich auch Hinblick dessen, gewählt haben. Leider Traurig.

    • Es geht weniger ums „Mückenwohl“, als ums Fischwohl, weshalb immer noch Bedenken gegen einen Einsatz von BTI im Raum stehen. Dass die Zuckmücken, die eine wichtige Nahrungsquelle für die Fische sind, durch diese Substanz nicht gefährdet werden, kann man sich eigentlich nicht so richtig vorstellen.
      Trotzdem bin ich auch der Meinung, dass man angesichts der heuer besonders ausgeprägten Stechmückenplage wohl nicht mehr um den Einsatz dieser Substanz herumkommen wird.

  2. “Biologische Waffen” sind ein sehr umstrittener Begriff. Er sollte vielleicht nicht im Zusammenhang mit unserer Mueckenplage in Lochschwab verwendet werden. Vielleicht kann man die Diskussion etwas weniger militärisch diskutieren. Von der Definition her handelt es sich um Massenvernichtungsmittel im Gegensatz zu “chemischen Waffen” . Hoffentlich können wir heuer mit dem überschwemmten Ammerseeufer z. B. in Breitbrunn noch andere Lösungen erörtern.

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