„Ich würde einen ansprechenden Ortskern schaffen”

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Der Mann ist politisch schwer auszurechnen. Er hat ein FDP-Parteibuch, stimmt öfter mal mit dem grün-roten Block im Gemeinderat, fährt mit dem Lastenrad zum Kindergarten und interessiert sich für alles, was sauberen Strom bringt. Alexander Keim, einer von 2 FDP-Gemeinderäten, stellt sich schon mal gegen die Mehrheitsmeinung im Rat und kämpft gegen Kindergartenbeiträge, die sich automatisch erhöhen. Zur Corona-Hochzeit engagiert er sich vehement für Luftfilteranlagen und bezieht Prügel von der CSU. Sieht so der moderne Kommunalpolitiker ohne ideologische Scheuklappen aus?

herrsching.online: Warum leben Sie in Herrsching?

Weil es der schönste Ort ist, um Kinder großzuziehen. Sie sind von Anfang an in der Natur. Erst in der Kraxe, dann auf eigenen Beinen. Es gibt fantastische Betreuungsmöglichkeiten, und die Dinge des täglichen Bedarfs haben wir vor der Haustür.

herrsching.online: Ist der Satz: „Das Beste an Herrsching ist die S-Bahn nach München” eine Frechheit oder die Wahrheit?

Keim: Ich bin ein Münchner und meine Oma lebt immer noch dort. Ich fahre daher gerne mit der S-Bahn in die Stadt oder zum Flughafen. Umgekehrt kommen die großstadtgeplagten Ausflügler anscheinend gerne zu uns. Wir haben 5 Jahre an der Leitenhöhe gewohnt. Da kriegen Sie ein realistisches Bild, wie beliebt Herrsching mit Andechs als Ausflugsziel ist.

herrsching.online: Wo würden Sie am liebsten wohnen – wenn Sie es nicht schon tun: Lieber am Berg mit schöner Übersicht, oder lieber feudal am See oder mittendrin?

Keim: Definitiv am Berg. Wir sind von der Leitenhöhe Richtung Weinberg gezogen. Der Blick morgens und der Sonnenuntergang abends ist Yoga für die Seele. Unten am See tun mir die Anwohner oft leid, wenn die Stechmücken ausrücken und ihnen die Nähe zum Wasser verleiden.

herrsching.online: Welchen Vereinen gehören Sie an?

Keim: Ich bin Vorstandsmitglied des Fördervereins für ein zweites Gymnasium im westlichen Landkreis Starnberg. Jetzt wo wir endlich wissen, dass es nach Herrsching kommt, werden wir den Namen in etwas weniger Sperriges ändern. Außerdem bin ich mit meiner älteren Tochter im TSV Herrsching und in der Musikschule. Wenn Papa dann mal Zeit für sich hat, fahre ich zum Golfclub Starnberg.

herrsching.online: Wie heißt Ihr Lieblingslokal?

Keim: Für jeden Anlass haben wir unser Lieblingslokal. Spontan-gemütlich oder zum Stammtisch bei der Eli in die Post, Sommer im Biergarten bei Stefan in der Seeheimat, Familienfeiern im Dolce Vita oder Seehof, und das Sushi vom Seaside hat eine Qualität, die man selbst in der Stadt lange suchen muss. Und für den schnellen Hunger zum Mato auf eine Fischsemmel oder zur Döneria.

herrsching.online: Bei welchem Geschäft in Herrsching kaufen Sie am liebsten ein?

Keim: Es gibt viele tolle Geschäfte in Herrsching, sowohl für den persönlichen Bedarf als auch für Geschenkideen. Besonders toll finde ich auch, dass sich immer wieder junge Unternehmer trauen, etwas Neues zu probieren. Mir persönlich fehlt der Herrenausstatter.

herrsching.online: Wo in Herrsching vergeht Ihnen Ihre gute Laune?

Keim: Da muss ich nicht lange nachdenken. Jedes Mal, wenn ich am Bahnhof ein- und aussteige, schäme ich mich dafür, dass er das Erste und Letzte ist, was Besucher von unserem schönen Ort zu sehen bekommen. Man kann dann nur hoffen, dass sie nicht auch noch ein „dringendes Geschäft“ erledigen müssen. Was mir auch aufstößt, ist die mangelnde Barrierefreiheit an vielen Orten. Ich war gerade wieder mit der Familie in Skandinavien, und da könnten wir uns einiges abschauen. Selbiges gilt übrigens für Wickelräume auf den Damentoiletten. Es ist immer ein komisches Gefühl, als Mann da rein zu müssen.

herrsching.online: Sind die Leute nach Ihrem Geschmack in Herrsching zu alt, zu jung oder stimmt die Mischung?

Keim: Herrsching ist repräsentativ für die Demographie in Deutschland. Ich finde aber, die Senioren in unserem Ort sind sehr jung geblieben, tolerant und engagiert. Vielleicht liegt das an den vielfältigen, unkomplizierten Erholungsmöglichkeiten bis ins hohe Alter. Mir tun lediglich die Jugendlichen leid, die auch schon vor Corona kaum ein altersgerechtes Freizeit- und Feierangebot bekommen haben. Dem Hören- Sagen nach war das wohl mal ganz anders.  

herrsching.online: Wenn Sie Bürgermeister in Herrsching wären, was würden Sie ändern (wenn Sie könnten)?

Keim: Ich würde versuchen, endlich einen ansprechenden Ortskern zu schaffen. Die Aufenthaltsqualität kann massiv verbessert werden, und für unsere Bewohner brauchen wir einen festen Ort der Begegnung und Kultur für alle.

herrsching.online: Herrsching ist eine reiche Gemeinde. Wird das Geld richtig ausgegeben?

Keim: Das liegt immer im Auge des Begünstigten. Im Gemeinderat werden immer wieder Projekte „durchgewunken“, weil wir schon seit 10 Jahren darüber diskutieren oder Fördergelder mitnehmen. Dass sich manche Anforderungen in der Zwischenzeit geändert haben oder unsere Bürger andere Prioritäten haben, wird bei solchen Entscheidungen nicht berücksichtigt. Da könnten wir agiler und bürgernäher werden. Dann treffen wir auch eher den aktuellen tatsächlichen Bedarf.

herrsching.online: Im Gemeinderat in Herrsching herrscht das vertraute DU.  Lieber etwas distanzierter oder gleich bei der bayerischen Anrede?

Keim: Wir waren während der Corona-Pandemie distanziert genug. Ich kenne das mittlerweile aus meinem beruflichen Umfeld auch nicht anders und mag das.

herrsching.online: SUV oder Pedelec?
Keim: Beides – mit E-Motor

herrsching.online: Alle Welt redet übers Klima. Aber die Herrschinger gelten – sogar amtlich belegt durch Statistiken – als Öko-Muffel. Können Sie das aus Ihrem Bekanntenkreis bestätigen?


Keim: Ich denke, jeder versucht zu tun, was er im Rahmen seiner finanziellen und baurechtlichen Möglichkeiten tun kann. Wir haben ein massives Problem beim Messen. Die Zahlen, auf die Sie ansprechen, umfassen ja nur den öffentlichen Sektor. Was jeder privat oder als Unternehmer macht, erfassen wir gar nicht. Der wahre Hebel für den Klimawandel steckt übrigens als graue Energie im Bau, weniger beim Heiz- und Stromverbrauch. Für den Bau eines Einfamilienhauses können Sie 30 bis 80 Jahre heizen. Da sehe ich uns besser werden, siehe aktuelle Bauprojekte wie die Obdachlosenunterkunft oder das Kinderhaus am Fendlbach.

herrsching.online: Herrsching bietet viele kulturelle Veranstaltungen. Wann waren Sie zuletzt in einem Konzert, einem Vortrag oder einem anderen Kultur-Event?


Keim: Auf dem Muttertagskonzert von Teresa Boning. Da war meine Tochter dabei. Außerdem dürfen wir im Sitzungssaal des öfteren Kunstwerke bestaunen.

herrsching.online: Wie oft gehen Sie im Sommer im See baden?

Keim: Dieses Jahr erstaunlich selten, da ich ab 30 Grad eher den Schatten suche. Aber grundsätzlich wohne ich ja hier unter anderem, damit ich kein beheiztes Schwimmbad brauche.

herrsching.online: Herrsching ist stolz auf den Zusatz „am Ammersee”. Sind die Herrschinger eher dem Wasser zugetan oder bleiben sie lieber auf festem Grund?

Keim: Der See gehört allen, nicht nur den Herrschingern. Und er scheint beliebt zu sein, wenn man die Boote und Surfer sieht an windigen Tagen.  Vielleicht sollten wir aber mal diskutieren, wo die Gemeinde- und Landkreisgrenze verläuft, dann könnten wir mehr über unseren See und vor allem das Ufer selbst bestimmen.

herrsching.online: Was hat Sie in der letzten Woche richtig geärgert in Herrsching?


Keim: Ich habe gelernt, dass es sich gesünder und besser lebt, wenn man sich nicht über alles aufregt. Wenn ich mich doch mal ärgern muss, erfahren das die handelnden Personen direkt, wenn ich sie kenne, und nicht über die Presse oder die sozialen Medien.

herrsching.online: Und worüber haben Sie sich sakrisch gfreit?

Keim: Dass die Wiesn nach 3 Jahren endlich wieder stattfindet und die S-Bahn zur Hackerbrücke bisher immer pünktlich war.  

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