YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

„Ich werde vor der Bundestagswahl keine Wahlempfehlungen abgeben”

/
6 mins read

Wie politisch darf die Kirche sein? Der Herrschinger Dekan und Pfarrer Simon Rapp sagt im Interview mit herrsching.online: „Ich werde vor der Bundestagswahl keine Wahlempfehlungen abgeben.Aber Politik spielt in der katholischen Kirche keine zentrale Rolle mehr. Sorgen macht den Bischöfen und Pfarrern vielmehr der schleichende Bedeutungsverlust.

herrsching.online: In Herrsching sind in den letzten 20 Jahren die Kirchenbesuche um gefühlt die Hälfte zurückgegangen.Ist das dem Zeitgeist geschuldet, oder hat dieser Rückgang auch lokale Gründe?

Simon Rapp: Auf der einen Seite erleben wir ja, dass die Kirche an Bedeutung verliert,  in unserem Land, in unserer Gesellschaft.  Da gibt es viele Gründe dafür, die einmal in der Kirche selbst zu suchen sind. Die Skandale sind das eine, das andere aber ist die Botschaft, die wir als Kirche zu verkünden haben. Die war in den letzten Jahren auch nicht immer nur positiv. Es sei an das Schlagwort Trostbotschaft statt Drohbotschaft  erinnert. Lokale Gründe gab es sicherlich für den einen oder anderen auch Kirchenbesucher. Herrsching hat unter den häufigen Pfarrerwechseln gelitten, das hat sicher auch Bindungskraft gekostet. Aber es ist auch festzustellen, dass der Glaube verdunstet. Das ist kein bewußtes Aussteigen aus dem Glauben an Gott. Das ist so ein Verdunsten von Glaubenswissen, aber auch von diesem Zugang zu dem, was jenseits des Greifbaren und Sichtbaren noch vorhanden ist, was wir Gott nennen. 

herrsching.online: In der Pandemie wurde den Kirchen vorgeworfen, dass sie fast unsichtbar und unhörbar waren – im Wortsinn. Hätten Bischöfe und Pfarrer lauter sein und auch mal Regeln kritisieren müssen, die religiöse Rechte einschränken?

Simon Rapp: Ich bin dankbar, dass sich die Bischöfe und die meisten Pfarrer nicht zu Epidemiologen und Virologen entwickelt haben, die alles besser wissen als Fachleute. Die Bischöfe und Pfarrer haben nämlich das gemacht, was sie können, nämlich den Leuten beizustehen.  Ich habe in der Zeit der großen Einschränkung unglaublich viel telefoniert mit Menschen, von denen ich wusste, die brauchen jetzt mal jemand anderen zum Reden.  Und wir wurden auch mal rausgeworfen aus der kirchlichen Routine, wir mussten uns was einfallen lassen, wie wir das Geheimnis unseres Glaubens verkünden können. Das war auch mal heilsam. Den Vorwurf, wir hätten uns zurückgezogen, den kann ich bis heute nicht verstehen. 

herrsching.online: Wie präsent war die Kirche am Krankenbett?

Simon Rapp: Ich habe die Leute, die ich sonst mit der Krankenkommunion besuche, mehrmals angerufen oder angeschrieben. Dafür waren sie sehr dankbar. Ich habe aber auch wahrgenommen, dass viele Leute, die zu vereinsamen drohten, ganz gut eingebunden waren in ein Netzwerk, das sich um sie gebildet hat. Viele Leute haben in der Zeit auch in die Kirche reingeschaut, um mit  Gott ihr Leid, ihre Sorgen und Nöte zu teilen. 

herrsching.online: Wieviele aktuelle politische Bezüge sind in einer Predigt sinnvoll oder möglich, ohne Kirchgänger mit anderen politischen Vorstellungen vor den Kopf zu stoßen?

Simon Rapp: Ich bin ein politisch interessierter Mensch und habe schon auch meine Meinung, aber wenn ich im Gottesdienst bin, habe ich nicht politische Meinungen zu vertreten, sondern das  Reich Gottes zu verkünden. Und ich weiß, was in meine Predigt hineinpasst und was nicht. Ich kann die Gottesdienstbesucher anregen, ihre eigene politische Meinung zu bilden zu aktuellen politischen Themen, sei es die Flüchtlingskrise, sei es die Umwelt. Ich werde aber, wie es seit Jahren gute Tradition ist, keine Wahlempfehlung vor der Bundestagswahl abgeben. 

herrsching.online: Sind die Herrschinger eher konservativ, oder gibt’s hier auch Aufbruch, wenn nicht gar Aufruhr gegen amtskirchliches Beharrungsvermögen? 

Simon Rapp: In jeder guten Gemeinde gibt es alles. Leute, in deren Weltsicht alles bleiben soll, wie es war, weil sie diesen Anker brauchen – für sich selbst, aber auch für ihr Glaubensleben. Es gibt auch Leute, die mit unserer Form des Gottesdienstes nichts anfangen können.  Es gibt Leute, bei denen sich Unmut regt, wenn ein ihnen unbekanntes Lied gesungen wird, selbst wenn ich dann spöttisch sage, das Lied kennen wir schon seit 50 Jahren. Es gibt auch Leute, die mit dem Umgang der Amtskirche mit den Missbrauchsfällen und vielen anderen Dingen einfach nicht klarkommen. 

herrsching.online: Sie sind, das haben Ihre evangelischen Kollegen immer wieder lobend erwähnt, ein Mann der Ökumene. Warum geht trotzdem so wenig voran, sieht man mal von gemeinsamen ökumenischen Gottesdiensten zu besonderen Anlässen?

Simon Rapp: Wir sind alle Christinnen und Christen und zunehmend in der Minderheit. Ökumenische Gottesdienste sind Leuchttürme wie zum Beispiel die Schulgottesdienste oder der ökumenische Gottesdienst am See. Dass es in vielen theologischen Fragen wenig Annäherung gibt, ärgert mich auch. Ich glaube, manches wäre schon lange überwunden, wenn wir mehr auf das Leben und weniger auf die theologische Fundierung unseres Glaubens gucken würden. 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Vorherige Meldung

Buchungs-Run auf das Ferienprogramm

Nächste Meldung

Seespitz: Chaos bleibt aus

Aktuellste Meldungen